Fund des Lebens

Ein deutsch-ägyptisches Archäologenteam hat in Kairo Fragmente einer 2.681 Jahre alten Statue geborgen. Expeditionsleiter Dietrich Raue über Glücksgefühle, Rekorde und den Kampf gegen die Zeit.

dpa - Archeology

Der im Alten Ägypten berühmte und heute verschollene Sonnentempel von Heliopolis beschäftigt Sie seit Ihren Studientagen. Seit 2012 leiten Sie dort, im Osten von Kairo, ein deutsch-ägyptisches Expeditionsteam. Bald hätte das Areal einem Parkhausbau weichen sollen – und nun dieser Fund!

Torso, Krone und Kopf einer acht bis neun Meter großen Statue des Pharaonenkönigs Psammetich I. - dieser Fund ist eine Sensation! Wir graben hier täglich archäologisch spannende Objekte aus, doch an diesem 7. März 2017 wussten wir sofort: So einen spektakulären Fund macht man, wenn überhaupt, nur einmal im Leben. Damit ist auch Nicht-Ägyptologen und Nicht-Archäologen klar, dass dieser Ort in El Matariya nicht nur bedeutend für die Geschichte Ägyptens war – hier wurde laut ägyptischer Mythologie die Welt erschaffen –, sondern auch weiterhin enorm wichtig ist. Die Funde öffnen ein neues geschichtliches Fenster. König Psammetich I. war ein wichtiger Pharao für Ägypten. Mit viel Geschick gelang es ihm, während seiner Herrschaft von 664 bis 610 v. Chr. die Assyrer zurückzudrängen und eine sogenannte Renaissance in Ägypten einzuleiten. Dennoch ist er weitgehend unbekannt und kaum erforscht.

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Sie hatten anfangs geglaubt, eine Statue des ungleich bekannteren Pharaonenkönigs Ramses II. entdeckt zu haben. Waren Sie enttäuscht?

Nein. Uns war schnell klar, dass Stil und Ikonografie nicht zu Ramses passten. Eine Inschrift auf der Rückseite der Statue gab uns dann den entscheidenden Hinweis auf Psammetich I. Dieser zelebrierte seine Herrschaft im Stil der Könige der Alten Zeit. Dazu gehörten auch Prunkbauten im Tempel von Heliopolis. Durch den Fund seiner Statue können wir jetzt belegen, dass zu Psammetichs Zeiten auch in der Kolossalkunst an die alte Zeit Ägyptens angeknüpft wurde. Das hatten wir noch nie.

Was haben Sie mit der Statue jetzt vor?

Sie ist schon im Museum ausgestellt. Wir haben nur achteinhalb Tage gebraucht, von der Entdeckung der Statuenfragmente, über die Bergung bis hin zu einer Sonderausstellung im Ägyptischen Museum am Tahrir-Platz in Kairo. Das ist schon Rekordzeit. Der Antikenminister Khaled El Anany hat die Bedeutung des Fundes sofort erkannt und seine Mitarbeiter für uns freigestellt. Am 16. März haben wir nachts um 1 Uhr mit dem Transport des Kolosses begonnen, morgens um halb 4 sind wir im Museum angekommen, abends haben wir eine Sonderausstellung eröffnet. Ich war kürzlich noch einmal dort und muss sagen: Vor unseren Vitrinen und vor der Statue ist ziemlich was los! Sobald das Grand Egyptian Museum 2018 eröffnet ist, soll die Statue dort aufgestellt werden.

Mit welchem Team arbeiten Sie auf der Baustelle?

Insgesamt sind wir 140 Leute – ägyptische Archäologen und Restauratoren, verstärkt durch das Grand Egyptian Museum und das Ägyptische Museum am Tahrir-Platz, Profis für Schwertransportbergung, Mitarbeiter des Antikenministeriums. Auch Facharbeiter aus Oberägypten sind dabei, deren Familien die archäologischen Arbeiten der Uni Leipzig seit mehr als 100 Jahren, damals noch unter Georg Steindorff, unterstützen. Zudem sind Restauratoren aus El Matariya und hundert Arbeiter aus dem Ort im Team. Das ist uns wichtig. Wir können den Bewohnern von El Matariya nicht erzählen, dass hier bedeutende Funde liegen, und sie selbst haben nicht einmal die Mittel, ihre Miete zu bezahlen. Wir sind sehr glücklich, dass wir mit unseren Grabungen hier nicht nur etwas archäologisch Bedeutendes tun, sondern etwas, womit wir auch die ägyptische Bevölkerung und die ägyptischen Nachbarn begeistern können. Viele, die sich vorher nie für Archäologie interessiert haben, fragen jetzt immer ganz neugierig, ob es wohl noch mehr solche Funde in El Matariya geben wird.

Was sagen Sie Ihnen? Wie geht es an der Grabungsstätte weiter?

Das Gebiet von 60 mal 80 Metern, das durch unsere Statue nun bekannt wurde, ist nur ein kleiner Ausschnitt des Tempels, den es zu erforschen gilt. Von einem Areal von etwa 400 mal 400 Metern wissen wir eigentlich gar nichts. Die Ägyptologie geht davon aus, dass der Tempel von Heliopolis das Vorbild für die größten Tempelzentren Ägyptens wie Karnak oder der Aton-Tempel von Amarna ist. Die mächtigen, etwa 17 Meter breiten und ebenso hohen Tempelmauern haben wir bereits entdeckt, zudem sieben etwa 2.400 Jahre alte Basaltreliefs. Sie stellen eine Nilgott-Prozession aus der Zeit des ägyptischen Königs Nektanebo I. dar, der von 380 bis 363 v. Chr. regierte. Auch ein Fragment einer großen Königsstatue aus Rosengranit kam zum Vorschein. Merenptah (1213 bis 1203 v. Chr.), ein Sohn von Ramses II., hat sie vor mehr als 3000 Jahren errichtet. Die Grabungsbedingungen in El Matariya sind schwierig. Die geschichtsträchtigen Stücke liegen in zwei bis drei Metern Tiefe unter dem Grundwasserspiegel. Die Grube läuft immer wieder voll Wasser, gerade wenn der Strom mal wieder ausfällt. Über die heißen Sommermonate reisen wir deutsche Forscher ab und kommen im September mit geeignetem Equipment für die Arbeiten unter dem Grundwasserspiegel wieder. Dann arbeiten wir weiter – denn die Zeit in der Mitte einer Stadt mit 22 Millionen Einwohnern arbeitet gegen uns.

Dietrich Raue

Seit 2012 erforschen der Archäologe PD Dr. Dietrich Raue von der Universität Leipzig und Dr. Aiman Ashmawy vom ägyptischen Antikenministerium gemeinsam mit einem großen Expertenteam die Überreste des einst berühmten und inzwischen verschollenen Tempels von Heliopolis. Die Grabungsstätte mit einer Fläche von etwa einem Quadratkilometer liegt in einem der ärmeren Viertel im Osten der 22-Millionen-Metropole Kairo. Das deutsch-ägyptische Forschungsprojekt wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft, dem Auswärtigen Amt und ägyptischen Spendern finanziert.

Interview: Sarah Kanning

Weitere Informationen zum Forschungsprojekt „Ausgrabungen in Heliopolis“

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