Kulturgüter aus der Ferne schützen

Jemen ist reich an antiken Schätzen, doch viele sind vom Krieg bedroht. Wie deutsche Archäologen versuchen, das kulturelle Erbe zu erhalten.

Altstadt von Sanaa
Altstadt von Sanaa dpa

Kulturgüter schützen in Zeiten des Krieges – geht das überhaupt? Die Archäologin Iris Gerlach vom Deutschen Archäologischen Institut (DAI) weiß: „Im Krieg ist man oft machtlos, wenn kulturelles Erbe zerstört wird. Trotzdem gibt es Methoden, um Kulturgüter auch in Krisenzeiten zu schützen.“ Sie arbeitet für die Orient-Abteilung des DAI, das Außenstellen in Damaskus und Bagdad unterhält. Ihr Spezialgebiet ist der Jemen, den sie selbst 2013 verlassen musste. „Wir arbeiten immer noch eng mit der jemenitischen Antikenbehörde zusammen, um Kulturgüter in Zeiten des Bürgerkrieges bestmöglich zu erhalten“, erklärt Gerlach.

Seit 2013 unterstützt das DAI seine jemenitischen Partner von Deutschland aus beim Kulturerhalt. Dafür nutzen die deutschen Archäologen hauptsächlich Methoden der Fernerkundung. „Wir besitzen sehr viele Informationen über antike Stätten, in denen wir früher selbst gearbeitet haben“, sagt die Expertin. Über Google-Earth können die Archäologen im Zeitraffer beobachten, was sich durch den Krieg und Raubgrabungen in den antiken Stätten verändert. „Wenn wir etwas bemerken, informieren wir die jemenitische Antikenbehörde, die von offizieller Seite einschreiten kann.“ Allerdings ist den Kollegen eine genaue Bestandsaufnahme vor Ort oft unmöglich. Die politische Lage und der Bürgerkrieg haben die Mobilität stark eingeschränkt. „Außerdem zahlt die jemenitische Regierung den Angestellten der Antikenbehörde seit drei Jahren keine Gehälter mehr. Wenn unsere Partner tätig werden, dann in erster Linie ehrenamtlich“, sagt die Archäologin.

Illegalen Handel unterbinden

Die Wissenschaftler des DAI sind über die Landesgrenzen hinaus zur Bewahrung jemenitischer Kulturgüter im Einsatz. Um deren Verkauf auf dem internationalen Markt einzugrenzen, half die Außenstelle Sanaa bei der Erstellung der „Red List of Cultural Objects at Risk – Yemen“ durch ICOM. „Wir haben Objekte aufgelistet, die häufig auf dem Kunstmarkt illegal verkauft werden“, erklärt Gerlach. „Diese Listen werden an Zollbeamte weitergeleitet, damit sie die Schätze bereits an den Landesgrenzen erkennen.“ Außerdem arbeitet das Institut mit dem Bundeskriminalamt und Interpol zusammen. Diese senden den Archäologen Fotos von Ausstellungen und antiken Messen in Europa zu, bei denen die Herkunft jemenitischer Exponate nicht genau bestimmt werden kann. Die deutschen Experten untersuchen dann gemeinsam mit der jemenitischen Antikenbehörde, ob die Objekte aus Museen gestohlen wurden.

Luftangriffe sind die größte Bedrohung

Die größten Bedrohungen für die Kulturstätten sind jedoch Luftangriffe und zunehmende Raubgrabungen. Gemeinsam mit französischen Kollegen hat die Außenstelle Sanaa eine Liste mit Koordinaten antiker Stätten zusammengestellt. Über die UNESCO wurde diese an die Militärkoalition nach Riad in Saudi Arabien weitergeleitet. „Die Liste wurde zwar zur Kenntnis genommen – allerdings mit der Bemerkung, dass man keine Rücksicht auf das kulturelle Erbe nehmen könne, wenn man dort ein militärisches Ziel vermute“, sagt die Archäologin. Neben den Luftangriffen tragen auch Bodenkämpfe zwischen den verfeindeten Parteien zu den Zerstörungen bei. „In den Ruinenstätten kann man sich gut verschanzen“, erklärt Gerlach. Durch die jemenitische Antikenbehörde wurden etwa 85 teilweise beschädigte oder ganz zerstörte Stätten aufgelistet. Dabei wird versucht, möglichst viele Informationen abzugleichen und die Ursache sowie die Grad der Zerstörung festzuhalten. Alarmierend ist, dass die Bombardements der saudi-arabischen Militärallianz nach bisheriger Schätzung bis zu 70 Prozent als Grund für die aktuelle Zerstörung des jemenitischen Kulturerbes gelten.

Dokumentation mit 3D-Scans

Zur Restaurierung der Kulturgüter nach dem Krieg ist eine umfangreiche Dokumentation besonders wichtig. „Von den Stätten, an denen wir im Jemen gearbeitet haben, haben wir nicht nur Handzeichnungen und Fotos, sondern auch 3D-Scans“, erklärt Gerlach. All diese Informationen sind kombiniert mit bauhistorischen Untersuchungen für spätere Restaurierungsmaßnahmen wichtig. Zusätzlich entwickelt das DAI zur Zeit einen digitalen Atlas. Dieser dient dem Monotoring antiker Stätten. Die Wissenschaftler archivieren in dem System alle Informationen über die Zerstörung und archivieren zudem Forschungsdaten wie Fotos, Funddatenbanken und Publikationen. „Nach dem Krieg kann man Stätten restaurieren, zerstörte Steine ersetzen“, sagt die Wissenschaftlerin „ Von einem Wiederaufbau des zerstörten jemenitischen Kulturerbes ist man noch weit entfernt, und es wird sich in der Zukunft zeigen, welche Maßnahmen überhaupt sinnvoll und umsetzbar sind.“

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