Virtuelle Denkmalregister

Das Deutsche Archäologische Institut betreibt Pionierarbeit in der Digitalisierung

dpa/Prisma Archivo - Palmyra

Ausgeraubte Magazine, zerschlagene Vitrinen und verwüstete Archivbüros: Die Bilder von den Plünderungen im Nationalmuseum in Bagdad gingen 2003 um die Welt. Zeugnisse aus 7000 Jahren orientalischer Zivilisationsgeschichte kursieren seitdem verstärkt auf dem illegalen Kunstmarkt – und die Fachwelt schaut machtlos zu. „Es gab in Bagdad kein modernes digitales Register, in dem die Objekte verzeichnet waren“, sagt Franziska Bloch vom Deutschen Archäologischen Institut in Berlin (DAI). „Wenn aber die exakte Identität eines Stückes nicht zu benennen ist, kann ein Kunstwerk nicht als Eigentum des betroffenen Staates bestimmt und zurückgegeben werden.“ Diese Situation soll in Syrien vermieden werden, wo im Zuge des anhaltenden Krieges ein massenhafter Abtransport von Objekten aus Raubgrabungen zu beobachten ist. „Das DAI ist seit mehr als 30 Jahren mit einer Außenstelle in Damaskus vertreten und verfügt über eine riesige Menge an Dokumenten, die wir aktuell digitalisieren“, erklärt Bloch. Die promovierte Archäologin betreut im DAI das mit Sondermitteln vom Auswärtigen Amt unterstützte „Syrian Heritage Archive Project“, eine Kooperation zwischen dem DAI und dem Museum für Islamische Kunst (MIK). Ziel ist der Aufbau eines digitalen Denkmalregisters archäologischer Ausgrabungsstätten und historischer Monumente. „Wir schaffen damit eine Grundlage, die auch für einen möglichen Wiederaufbau nach dem Krieg wichtig sein wird“, so die Projektleiterin. Verluste lassen sich auf Basis der Daten beziffern, bewegliche Güter identifizieren. „Nachweislich geraubte Stücke können beschlagnahmt und nach Syrien zurückgeführt werden.“

Bislang hat das Berliner Archäologenteam insgesamt rund 127.000 Datensätze erfasst und pflegt diese in die Informationssysteme des DAI ein. Allein für die Digitalisierung der umfangreichen analogen Bildbestände wurden Zehntausende Negative gescannt, mit allen relevanten Informationen „verzettelt“, also beschrieben, und im System hochgeladen. „Ohne eine ausgeklügelte IT-Struktur wäre das gar nicht möglich“, betont Projektleiterin Franziska Bloch. Auf diesem Gebiet nimmt das DAI eine führende Rolle ein. Mit dem neuen Forschungsdatenzentrum IANUS, das Modellcharakter auch für andere Institutionen haben könnte, leistet es Pionierarbeit in der Archäologie und den Altertumswissenschaften. Das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderte Projekt versteht sich als nationales fachspezifisches Zentrum im Bereich digitaler Forschungsdaten und Langzeitarchivierung. Geplant ist, die digitale Forschungsdaten aus der Archäologie, den Altertumswissenschaften und weiteren verwandten Nachbardisziplinen zu sammeln, zu beschreiben, zu katalogisieren, zu archivieren und soweit wie möglich online frei verfügbar bereitzustellen.

Die Aufgabe ist komplex. Fotos und Briefe lagern ebenso in den Archiven wie Zeichnungen, Messungen oder Pläne aus verschiedenen Jahrhunderten. „All diese Dokumenten verlieren nicht an Wert, sie bleiben lange forschungsrelevant“, sagt Felix Schäfer, der in der Berliner DAI-Zentrale am Aufbau von IANUS arbeitet. Die Wissenschaftler des DAI suchen Lösungen auf die Frage, wie sich digitale Daten auch in Zukunft noch nutzen lassen. Mit der rasanten Entwicklung neuer digitaler Erfassungsmethoden wie Satellitenaufnahmen oder hochauflösende Scans hat die historische Landeskunde eine neue Dimension erhalten.

Die Herausforderung besteht darin, diese Fülle unterschiedlicher Daten so zusammenzuführen, dass sie miteinander „sprechen“. „Technisch lassen sich diese Fragestellungen ganz gut lösen“, stellt der promovierte Archaeoinformatiker Felix Schäfer fest. „Eine ganz andere Frage ist, wie wir in der Wissenschaftsgemeinschaft ein Bewusstsein für den Austausch und die Nachnutzbarkeit der Inhalte schaffen.“ Bis heute werden Grabungen individuell dokumentiert, jeder Forscher pflegt sein eigenes System. „Die Verständigung auf Standards und einheitliche Kategorien für die Dokumentation beispielsweise von Fotos, Textdokumenten oder Zeichnungen sind Voraussetzung für ein funktionierendes digitales Netzwerk“, betont Schäfer. Ab 2015 sollen die theoretischen Ansätze seines Teams in die Praxis umgesetzt werden. IANUS will Forscher und Institutionen künftig bei der Erstellung, Beschreibung, Verarbeitung, Erhaltung und Weitergabe von digitalen Daten unterstützen, beispielsweise über die Bereitstellung von archivierten Daten, Best-Practice-Beispiele, Tools, Anleitungen und Lehrmaterial.

In arabischen Ländern wie Syrien oder Katar ist das Interesse an der IT-Expertise aus Berlin groß. Noch suchen die Mitarbeiter in der Antikenverwaltung in Damaskus in analogen Inventarbüchern ohne moderne Suchfunktionen nach vermissten Stücken. „Wenn ein Objekt gefunden worden ist und wir eine Anfrage vom Bundeskriminalamt erhalten, nehmen wir direkt Kontakt zu unseren Kollegen auf“, sagt DAI-Mitarbeiterin Franziska Bloch, die selbst bis 2011 vor Ort war. Die Suche nach einem wissenschaftlichen Nachweis ist mühsam, und häufig auch vergeblich. „Wir werden versuchen, die Kollegen stärker einzubeziehen und mit ihnen die IT-Strukturen aufzubauen“, so die Projektleiterin. „Es ist wichtig, dass die Syrer Teil der internationalen Community bleiben.“

Das Emirat Katar wiederum engagiert sich im Sudan und lässt über das Qatar Sudan Archaelogical Project vom DAI das Archiv des großen Sudanarchäologen Friedrich Hinkel digitalisieren, dessen digitale Version an das Nationalmuseum in Khartum übergehen soll. „Das ist die Zukunftsperspektive“, sagt Professor Reinhard Förtsch, IT-Direktor am DAI und verantwortlich für alle Digitalisierungsprojekte. „Wissen ist verfügbar geworden, es findet eine Demokratisierung des Zugriffs auf Quellen statt.“ Eine große Chance für die internationale Wissenschaftsgemeinschaft. Der Systemumbruch birgt jedoch auch Risiken: Digitale Informationen müssen nachhaltig gesichert werden. „Hier wie dort braucht es Mitarbeiter, die vom Fach sind und mit den Anwendungen umgehen können“, betont Förtsch. „Unser Ziel ist es deshalb, einfach anwendbare, aufeinander abgestimmte Einzelmodule zu entwickeln, die internetfähig sind und sich in viele verschiedene Zusammenhänge integrieren lassen.“