Ist Berlin ein neues Zentrum der lateinamerikanischen Literatur?
Vom kleinen Kreis zum großen Publikum: Das Festival Barrio|Bairro zeigt, wie lebendig die Szene ist.
Noch vor zehn Jahren kamen zu einer Lesung lateinamerikanischer Literatur in Berlin nur wenige Interessierte – ein kleiner, treuer Kreis. Autorinnen wie die Argentinierin Esther Andradi oder die Kolumbianerin Sonia Solarte, die bereits um die Zeit der Wiedervereinigung oder kurz davor nach Deutschland zogen, erinnern sich: Die lateinamerikanischen Schriftsteller und Schriftstellerinnen der Stadt ließen sich an einer Hand abzählen.
Die Dinge haben sich geändert. Als das Literaturfestival Barrio | Bairro Berlin 2024 seine Premiere feierte, drängten sich Hunderte Menschen in einem Kulturverein im Ortsteil Kreuzberg. Sie hörten den brasilianischen Dichter Ricardo Domeneck und mehrere andere, die ihre Texte als Performances darboten. Die Zeiten schwach besuchter Leseabende gehörten eindeutig der Vergangenheit an.
Kleine Community mit großer Literaturszene
Seit einigen Jahren macht sich die lateinamerikanische Präsenz in der Berliner Kunst-, Musik- und sogar Gastronomieszene deutlich bemerkbar. Doch vor allem in der lateinamerikanischen Literatur ist Berlin heute ein wichtiger Ort. „Das Festival entstand aus der Idee, Kräfte zu bündeln und etwas, das bereits existierte, gemeinsam sichtbar zu machen“, erklärt Timo Berger, der zusammen mit Karen Byk, Douglas Pompeu und Daniel Sarmiento Osorio die aktuelle Ausgabe von Barrio|Bairro organisiert. Die lateinamerikanische Diaspora in Berlin, sagt Sarmiento Osorio, sei zwar nach wie vor kleiner als andere in der Stadt, ihre Literaturszene aber brodele.
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Einverständniserklärung öffnenTatsächlich gibt es in Berlin mehrere Buchhandlungen, die sich der spanisch- und portugiesischsprachigen Literatur widmen, etwa Andenbuch, La Escalera, Bartleby & Co. und A Livraria. Dazu kommen Lesereihen wie Salón Berlinés, Probador de poesía, Pasajero del Muro oder La Palabra es un Ruido, unabhängige Verlage wie Siesta, guacamayo san, Trashumantes oder Abrazos. Die Zeitschrift alba – lateinamerika lesen übersetzt neue lateinamerikanische Autoren und Autorinnen für ein deutschsprachiges Publikum. Und es gibt in der ganzen Stadt Schreibwerkstätten, von denen viele von international anerkannten Schriftstellerinnen und Schriftstellern geleitet werden. Institutionen wie das Ibero-Amerikanische Institut, das Haus für Poesie, das Instituto Cervantes, das Lateinamerika-Institut der Freien Universität oder das Literarische Colloquium Berlin unterstützen die Szene.
Festival mit mehr als 50 Autorinnen und Autoren
Die dritte Ausgabe von Barrio|Bairro Berlin bringt vom 2. bis 18. Oktober 2026 mehr als 50 Autorinnen und Autoren aus Lateinamerika und Europa zusammen. Los ging es im Literarischen Colloquium Berlin mit einem Symposium über lateinamerikanische Literatur in Europa, Schreiben in der Diaspora und Übersetzung, am Abend lasen unter anderem Dahlia de la Cerda, Luisa Futoransky und Claudia Ulloa Donoso. Es folgen Gespräche über Exil, Stereotype und Minderheitensprachen sowie Buchvorstellungen, Lyriklesungen und Schreibworkshops, mit Gästen wie Rodrigo Fresán, María Fernanda Ampuero, Felipe Sáez Riquelme, Paulina Flores, Regina Riveros, Brenda Navarro oder dem chilenischen Dichter Carlos Soto Román.
Mehr als zwei Wochen lang gehört Berlin also der lateinamerikanischen Literatur. Während in Frankfurt am Main die Buchmesse mit ihren Ständen, Urheberrechten und Verhandlungen zu Ende ging, läuft in Berlin etwas zwar Lokaleres, doch auch Festlicheres und dem migrantischen Herzschlag der Stadt Näheres.
Bislang wenig Reichweite im Literaturbetrieb
In den vergangenen Jahren ist immer wieder die These geäußert worden, Berlin sei die „neue Hauptstadt der lateinamerikanischen Literatur“ . Etwas Wahres steckt darin: Die lateinamerikanische Literaturszene existiert, ist unübersehbar und wächst. Allerdings scheint sie noch eher ein Zentrum der Intensität und der Identität als der Reichweite im Literaturbetrieb zu sein. Die Verbindungen zu anderen migrantischen Szenen in Deutschland und besonders zur deutschen Literaturszene selbst sind noch dünn gesät. Das größte Hindernis ist, wie Sarmiento Osorio erklärt, die Sprache: Es fehlt an Förderung für Übersetzungen und vielleicht auch an Autoren und Autorinnen, die bereit sind, Deutsch als Literatursprache auszuprobieren . So ist die Szene weiterhin vor allem ein Archipel: sehr aktive Inseln, denen noch die Brücken fehlen.
Das Festival zeigt, dass die lateinamerikanische Literatur lebendig und aktiv ist – und genau hier stattfindet.
Gerade deshalb braucht es ein Festival wie Barrio|Bairro Berlin. Es will kein Zentrum ausrufen, sondern Brücken schlagen und die kreative Kraft sichtbar machen, die in der Stadt bereits vorhanden ist. Die lateinamerikanischen Schriftsteller und Schriftstellerinnen Berlins – und ihr Publikum – lassen sich längst nicht mehr an einer Hand abzählen. Das Festival zeigt, so Sarmiento Osorio, „dass die lateinamerikanische Literatur lebendig und aktiv ist – und genau hier stattfindet“.
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