Kultur: Der Mann hinter „Selam Opera“

Mustafa Akça leistet an der Komischen Oper Berlin Außergewöhnliches – und bringt Menschen aus unterschiedlichen Kulturen zusammen.

Bringt die Oper zu den Menschen: Mustafa Akça
Bringt die Oper zu den Menschen: Mustafa Akça Daniel Sadrowski

Operndolmuş nennt sich der Kleinbus, der ab Herbst 2018 wieder jeden Monat durch Berliner Stadtteile fährt, durch Kreuzberg, Marzahn oder Neukölln. Der Name ist angelehnt an türkische Sammeltaxis, aber wenn sich die Seitentür öffnet, steigen ein halbes Dutzend Opernsänger und Orchestermusiker mit Kontrabass und Geige aus. Ihre Ziele: Berliner Vereinshäuser, kulturelle Begegnungsstätten oder Seniorenheime. Ein Koffer mit Requisiten erzeugt dann selbst in kleinen Räumen auf die Schnelle ein Bühnengefühl, und schon lauschen staunende Menschen unterschiedlichen Alters und aus vielen Kulturen professionellem Operngesang – in bis zu acht Sprachen. Kein Orchestergraben trennt, jeder sitzt in der ersten Reihe und anschließend plaudert man zusammen über das zuvor Erlebte.

Musiktheater für die Menschen

„Wir bringen Musiktheater zu Menschen, die auf den ersten Blick nicht zum typischen Opernpublikum gehören“, sagt Mustafa Akça, der an der Komischen Oper Berlin für ungewöhnliche Begegnungen dieser Art verantwortlich ist. Typisch Oper ist im Projekt „Selam Opera“ nämlich gar nichts, und darauf legt der gelernte Schauspieler und frühere Quartiermanager bei der Berliner Senatsverwaltung großen Wert. Seine Projekte lassen sich mit keinem Label versehen, aber sie haben alle ein Ziel: „Sie ermöglichen Austausch und Teilhabe an schönen Dingen.“ Musiktheater sei eben eine sehr schöne und emotionale Sache, die seit 500 Jahren Menschheitsgeschichte erzähle, von Emotionen wie Liebe, Trauer, Fernweh, Reiselust oder Heimatgefühlen. Das verbinde Menschen.

Spontan: Aus dem Operndolmuş geht’s auf die Bühne
Spontan: Aus dem Operndolmuş geht’s auf die Bühne Daniel Sadrowski

„In zwei Heimaten zuhause“ heißt zum Beispiel das Lieder- und Opernarien-Programm, mit dem der Operndolmuş 2018 durch die Berliner Stadtteile, die sogenannten Kieze, tourt. Dort versteht man die Botschaft, denn viele Familien sind, oft schon vor langer Zeit, aus anderen Ländern zugezogen. Die größte Gruppe derer, die mit „Selam Opera“ angesprochen werden, hat familiäre Wurzeln in der Türkei. So wie Akça selbst, dessen Großeltern zum Arbeiten nach Berlin zogen. Aber um solche Unterscheidungen geht es ihm gar nicht. „Wir sprechen nicht migrantische Gruppen an, sondern einfach alle Menschen dieser Stadt, in der es längst normal ist, dass man sich kulturell an mehreren Orten zuhause fühlt.“

Vielfalt schon im Kinderchor

Geboren wurde die Idee zu „Selam Opera“ 2011, als Mustafa Akça an die Komische Oper kam, um einen Grundgedanken ideenreich umzusetzen: „Die gesellschaftliche Vielfalt Berlins sollte sich auch im Zuschauersaal der Oper spiegeln“, erzählt er. Und weil das nicht der Fall war, schlug er vor, die Leute offensiv einzuladen. Der Operndolmuş ist dafür nicht das einzige Mittel. Es gibt auch einen Kinderchor an der Komischen Oper, der immer interkultureller wird – nicht zuletzt weil sich die mit der Bustour vermittelten Erlebnisse schnell per Mundpropaganda verbreiten. „Inzwischen werden wir angesprochen und in die Stadtteile eingeladen“, sagt Akça. Und die Leute verlieren die Scheu, ihre Kinder zum Beispiel auch mal zum Klavierunterricht oder in einen Opernchor zu schicken.

Ein weiteres erfolgreiches Projekt innerhalb von „Selam Opera“ ist die „Pop-up-Opera“. Auf dem Flughafen, in einem Boxclub, einem Antiquitätenladen oder an einer Bar stehen plötzlich Opernsänger und Musiker in den Kostümen verschiedener Inszenierungen auf und singen: Passagen aus der Oper „Carmen“ zum Beispiel oder dem „Barbier von Sevilla“. Die Überraschungen kommen sehr gut an; kleine Filme davon verbreiten sich schnell über die Sozialen Medien. 

Gemischtes Publikum

Nach sieben Jahren „Selam Opera“ hat sich das Publikum im Saal der Komischen Oper deutlich gemischt. Mustafa Akça hat ein großes Kommunikationstalent, um Menschen aus unterschiedlichen Milieus zusammen zu bringen, sie mit seiner Begeisterung anzustecken und Ideen zu inspirieren. „Die Auftritte im Stadtraum sind nämlich auch eine Herausforderung für die Künstler“, erzählt er. Denn die sind anderes gewohnt: Kostüm, Maske, Scheinwerfer und rauf auf die Bühnenbretter vor 1.500 Opernbesuchern – aber einfach loszulegen zwischen Reisenden oder Barpublikum fordert auch von ihnen Mut zu direkter Begegnung. 

Mustafa Akça initiiert nicht nur an der Komischen Oper Workshops und Festivals, die sich um kulturelle Vielfalt und Teilhabe drehen. Woher er die Energie für seine Arbeit nimmt? Aus den zahllosen Begegnungen und der Neugier auf Opernmusik, die er immer wieder erlebt, sagt er lachend. „Positive Energie zu bekommen ist echt leicht!“

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