Die neue Rabbinerin

Alina Treiger ist die erste Frau, die nach dem Holocaust in Deutschland zur Rabbinerin ausgebildet worden ist.

Matthias Süssen

Die Vorbereitungen für die Sonntagsschule laufen auf Hochtouren. Bald werden die ersten Kinder in das jüdische Gemeindehaus im norddeutschen Oldenburg kommen, um sich in kleinen Gruppen kennenzulernen und auf spielerische Art und Weise mit ihrem Glauben zu beschäftigen. „Die jungen Generationen sind die treibende Kraft für die Zukunft der Gemeinden“, sagt Alina Treiger fest. „Doch viele von ihnen gehen nur selten in die Synagoge.“

Die schmale und zurückhaltend wirkende Frau hat klare Vorstellungen davon, was sie als Rabbinerin erreichen möchte. Den vielen zugewanderten Gemeindemitgliedern aus Osteuropa will sie über die gemeinsame Herkunft und Sprache Brücken bauen. Ganz besonders liegen ihr jedoch die jungen Gemeindemitglieder am Herzen. Offen geht die 31 -Jährige auf Kinder und Jugendliche zu und versucht sie für die Arbeit in der Gemeinde zu begeistern. „Das ist natürlich leichter für jemanden, der vom Alter gar nicht so weit weg ist.“ Viele Freiwillige haben sich schon gemeldet, um künftig die Betreuung der kleinen Sonntagsschüler zu übernehmen. Mit Unterstützung der Rabbinerin werden sie in kleinen Teams ausgebildet und angeleitet. „Dabei hilft mir meine Erfahrung“, sagt Alina Treiger, und lächelt. „Schließlich habe ich das alles selber erlebt.“

Schon früh gründete sie einen Jugendclub in Poltawa, ihrem Geburtsort im Nordosten der Ukraine. Der Vater hatte aufgrund seiner jüdischen Herkunft nicht studieren dürfen. Weil die Mutter keine Jüdin war, konvertierte die Tochter. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion hatte Alina Treiger nach und nach zum jüdischen Glauben gefunden. Mit 18 Jahren entschied sie binnen weniger Tage, sich in Moskau zur Gemeindearbeiterin ausbilden zu lassen. Nach ihrer Rückkehr gründete sie mit 21 Jahren eine neue, liberale Gemeinde in Poltawa, die bis heute aktiv ist.

Vor zehn Jahren kam Alina Treiger nach Deutschland und begann ihr Studium am Abraham-Geiger-Kolleg in Potsdam, einem liberalen Rabbinerseminar, das seit 1999 Geistliche ausbildet. Begeistert erzählt sie davon und von ihren Studienaufenthalten in Jerusalem. Von der offenen Atmosphäre, gemischten Kulturen und großzügigen Menschen. „Es war eine prägende Erfahrung, dass unsere Gruppe von einer orthodoxen Jeschiwa angenommen wurde, obwohl ich als Frau mit dabei war“, so Treiger. „Damit hatten wir nicht gerechnet. “

In Israel erlebte die angehende Rabbinerin, was auch in Deutschland längst nicht überall selbstverständlich ist: Sie wurde als künftige „Führerin des Volkes“ angesprochen und akzeptiert. „Das war sehr aufbauend für mich.“ Der berühmte Talmudgelehrte Adin Steinsaltz gab ihr den Hinweis mit auf den Weg: „Es spielt keine Rolle, ob Sie als Rabbiner Mann oder Frau sind. Hauptsache, Sie werden gut.“

Der Rummel um ihre Person hat sie in den vergangenen Monaten zuweilen irritiert: Sie musste zahlreiche Interviews geben, die deutsche Presse interessierte sich sehr für sie. Dennoch ist sich Alina Treiger bewusst, dass sie ein großes Erbe antritt. 1935 hatte Regina Jonas nach dem Studium in Berlin ihre Ordination erhalten, als erste Frau weltweit. Die Jüdin wurde in Auschwitz ermordet. Seitdem ist in Deutschland keine Frau mehr zur Rabbinerin geweiht worden. „Nach meiner Ordination bin ich sehr viel freundlicher aufgenommen worden, als ich es mir vorgestellt hatte“, betont die mit einem früheren Kommilitonen verheiratete Geistliche. Sie betreut liberale Gemeinden in Oldenburg und Delmenhorst. Ihre Vorgängerin im Amt, die aus der Schweiz stammende Bea Wyler, hatte noch vor wenigen Jahren heftige Kämpfe auszufechten. „Das ist bei mir jetzt ganz anders, sie hat mir den Weg gebahnt“, stellt Alina Treiger fest. Auch in Begegnungen mit orthodoxen, konservativ denkenden Rabbinern hat sie durchweg positive Erfahrungen gemacht. „Alle waren interessiert, sich ein Bild von einer Frau als Rabbinerin zu machen – ich sehe darin einen guten Anfang.“