Erfahrungen im Alltag, Offenheit in der Politik

Wie denken junge, engagierte Deutsche über das deutsch-türkische Verhältnis? Drei Geschichten von persönlichen Prägungen.

Deutsche, Türken
Helge Limburg - Deutsche, Türken

Ich bin überall sehr herzlich aufgenommen worden“, erzählt der 30-Jährige Helge Limburg (Foto, mit grünem Shirt) von seiner Zeit als Erasmus-Student an der Istanbuler Yeditepe Üniversitesi. „Das motiviert mich heute noch, mich in Deutschland für Solidarität und Willkommenskultur einzusetzen.“ Limburg, der heute Parlamentarischer Geschäftsführer der Grünen-Fraktion im Niedersächsischen Landtag ist, hatte sich schon vor seiner Zeit in der Türkei politisch gegen Rechtsextremismus eingesetzt; seine Erfahrungen mit Erasmus haben das Engagement aber nachhaltig bestärkt. Und auch im Alltag haben ihn Istanbuler Erlebnisse geprägt.

Während seines Studiensemesters der Rechtswissenschaften war Limburg mitunter etwas überfordert vom Busverkehr der Metropole. Öfters merkte er erst, wenn er gerade sein Ticket bar bezahlen wollte, dass er auf das Akbil-Chipsystem angewiesen war. „Immer wieder, wenn ich gerade umdrehen und aus dem Bus aussteigen wollte, hat jemand umstandslos mit seinem Akbil für mich gezahlt. Diese Selbstverständlichkeit kannte ich aus Deutschland nicht. Heute achte ich beim Busfahren in Hannover bewusster darauf, ob ich Fremden helfen kann.“

Andere Offenheit erlebte der Sohn eines lutherischen Pastors in der Türkei, als er im Ramadan von Kommilitonen zum Fastenbrechen oder während einer Reise von Fremden in eine Moschee eingeladen wurde. Heute zieht er daraus Konsequenzen für seine politische Arbeit. Er unterstützt die Ankündigung des niedersächsischen Innenministers, Islamfeindlichkeit gezielt zu beobachten; auch begrüßt er den Einsatz der niedersächsischen Landesregierung für einen Staatsvertrag mit islamischen Verbänden, der etwa gesetzliche Feiertage für Muslime ermöglichen soll.

Limburg versteht die Verunsicherung, die die Mordserie der Terrororganisation Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) in der deutsch-türkischen Bevölkerung ausgelöst hat. „Die Vergleiche, die mit dem sogenannten tiefen Staat in der Türkei gezogen werden, kann ich durch meine Zeit in Istanbul nachvollziehen.“ Der Experte für Fragen des Verfassungsschutzes sagt aber auch klar: „Diese Vergleiche treffen nicht zu.“ Sicher ist Helge Limburg noch in einem anderen Punkt: „Die Türkei gehört mit ihrer Weltoffenheit und ihrer Modernität für mich ganz klar in die EU.“

Der 30-jährige Journalist Marvin Oppong ist da reservierter. Auch weil er bei einer seiner Türkei-Reisen Hüsnü Öndül und die Arbeit seiner Menschenrechtsorganisation İnsan Hakları Derneği kennengelernt hat. Mit deren Einsatz für gesellschaftliche Minderheiten kann sich der in Bonn lebende Oppong identifizieren. Er selbst engagiert sich im Vorstand der Liberalen Türkisch-Deutschen Vereinigung (LTD), die 1993 von Türken in Deutschland gegründet wurde und die „Vertretung der Belange von Minderheiten“ ebenso zu ihren Gründungsideen zählt wie die „aktive Einbindung von Migrantinnen und Migranten in die Politik“ – unabhängig von deren Religion und Staatsangehörigkeit. „Wir sitzen alle im selben Boot: Türken, Schwarze, Menschen mit Migrationshintergrund“, sagt der dunkelhäutige Deutsche Oppong, auch mit Blick auf Vorurteile und Diskriminierungen. „Die LTD setzt sich für den Dialog zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen ein, zwischen Türken und Deutschen, zwischen Schwarzen und Weißen. Das ist mir wichtig.“

Das breite Engagement der LTD reicht von der Angleichung von Normen und Standards zwischen der Türkei und der EU bis zur Stärkung der Mitbestimmungsrechte von kommunalen Ausländerbeiräten. Auch wenn Marvin Oppong die Arbeit der Ausländerbeiräte für unterstützenswert hält, einen anderen Punkt des LTD-Programms sieht er eindeutig als wichtiger an: „Das Kommunalwahlrecht auch für Nicht-EU-Bürger einzuführen, halte ich für sehr sinnvoll. Migranten sollten sich besonders über ihr Wahlrecht politisch einbringen können.“

Das Thema Gleichberechtigung beschäftigt Marvin Oppong, der neben seiner Arbeit als freier Journalist auch Jura studiert und Mitglied des Landesfachausschusses Innen und Recht der liberalen Freien Demokratischen Partei (FDP) in Nordrhein-Westfalen ist, ganz konkret mit Blick auf die deutsche Justiz: „Ich denke, dass Deutschland ein gutes Rechtssystem hat. Dennoch glaube ich, dass man die Sensibilität für andere Kulturkreise, etwa in der Richterausbildung, noch mehr fördern könnte.“

Wie wichtig ein Gespür für kulturelle Differenzen ist, hat die 29-jährige Tanja Pantazis in ihrer langjährigen Integrationsarbeit erfahren. Die freiberufliche „Deutsch als Fremdsprache“-Dozentin und Interkulturelle Trainerin sitzt seit 2011 für die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) im Stadtrat von Braunschweig; vor kurzem ist sie zur Vorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft Migration und Vielfalt der Braunschweiger SPD gewählt worden. Ein DAAD-Jahresstipendium führte sie von 2010 bis 2011 nach Ankara.

„Mich hat auch gereizt, selbst zu erleben, wie es ist, in ein fremdes Land zu kommen“, erzählt sie. „Wie in meiner Integrationsarbeit zuvor habe ich gelernt, wie vielfältig die Menschen sein können. Und wie wenig verallgemeinernde Klischees über ‚die Türken‘ oder ‚die Deutschen‘ zutreffen. Meine Schüler in der Türkei waren oft überrascht, wenn ich mit ihnen nicht Goethe oder Schiller, sondern Feridun Zaimoglu durchnehmen wollte.“ Dass sie sich Türkischkenntnisse aneignete, hilft ihr in ihrer heutigen politischen Arbeit – und hat wiederum manches andere Klischee widerlegt. „Türkischstämmige Mitbürger reagieren dann oft irritiert, auch weil manche mich rein optisch zunächst für eine Russin halten.“

Ähnlich wie Helge Limburg hat Tanja Pantazis in der Türkei viel Herzlichkeit und Hilfsbereitschaft erfahren. Dass Offenheit für vermeintlich Fremdes manchmal auf ganz eigenen Wegen entsteht, hat sie zudem auf sehr private Weise gelernt: Ihren Ehemann, den griechischstämmigen SPD-Politiker Christos Pantazis, hat sie in Ankara geheiratet. „Zu seinem ersten Besuch bei mir in der Türkei musste ich ihn allerdings noch überreden; durch die nicht immer einfachen griechisch-türkischen Beziehungen hatte er zunächst noch Vorbehalte. In Ankara war er dann überrascht wie freundlich er als Nachbar, als komşu aufgenommen wurde.“

Johannes Göbel