„Integration ist ein Querschnittsthema“

Karamba Diaby, gebürtiger Senegalese und deutscher Politiker, erzählt, wie es um die Willkommenskultur in Deutschland steht.

dpa/Jan Woitas - Karamba Diaby

Herr Diaby, Deutschland benötigt in den kommenden Jahren sehr viel mehr Einwanderer, vor allem Fachkräfte. Ist die Bundesrepublik überhaupt attraktiv für Zuwanderer?

Ja, Deutschland ist attraktiv für Zuwanderer. Das zeigt sich schon daran, dass die Zahl der Studierenden aus dem Ausland zunimmt. Aber wir sind noch nicht da, wo wir hinwollen. Die Bundesregierung hat sich vorgenommen, in Deutschland eine Willkommenskultur zu fördern. Das steht auch so im Koalitionsvertrag. Aber strukturell muss noch viel geschehen, das gilt vor allem für die Ausländerbehörden, aber auch für die deutschen Konsularabteilungen im Ausland.

Was verstehen Sie denn unter Willkommenskultur?

Für mich bedeutet Willkommenskultur, dass man Menschen das Gefühl gibt, in Deutschland willkommen zu sein. Wir müssen Kindern, die hier geboren und aufgewachsen sind, das Gefühl geben: Ihr gehört dazu. Wichtig ist auch, dass wir im öffentlichen Dienst mehr Einwanderer beschäftigen. Bisher arbeiten dort nur zwischen 8 und 10 Prozent mit Migrationsbiographie. Da stimmt etwas nicht.

Viele Menschen kommen zuerst mit den Ausländerbehörden in Kontakt und machen schlechte Erfahrungen. Warum?

Leider fehlt es in vielen Ausländerbehörden an interkultureller Kompetenz. Ich erwarte nicht, dass dort alle Sprachen der Welt gesprochen werden, aber es sollte Mitarbeiter geben, die die wichtigsten Sprachen der Klientel sprechen.

Länder wie Kanada pflegen diese Willkommenskultur schon lange. Woran liegt es, dass Deutschland hinterherhinkt?

Das hängt damit zusammen, dass wir in Deutschland erst sehr spät akzeptiert haben, dass wir ein Einwanderungsland sind. Erst 2002 mit dem neuen Zuwanderungsgesetz der rot-grünen Koalition kam es zu einem Perspektivwechsel. Bis zu diesem Zeitpunkt sprach man von rund sechs Millionen Ausländern in Deutschland. Inzwischen wird von rund 16 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund gesprochen. Wir sind da auf dem richtigen Weg, aber der Weg ist noch lang.

Gibt es Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland? Sie sind ja Bundestagsabgeordneter im ostdeutschen Wahlkreis Halle/Saale. Muss da noch mehr getan werden als im Westen?

Im Gegenteil. Ich habe den Eindruck, dass in Ostdeutschland in den vergangenen 20 Jahren moderne Strukturen geschaffen wurden. Wir sind in Halle/Saale sehr gut aufgestellt und arbeiten sehr professionell. Es gibt in meinem Wahlkreis vier bis fünf Prozent Menschen mit Migrationshintergrund und wir haben 19 Migrantenorganisationen, die in einem Integrationsnetzwerk verbunden sind. Natürlich leben in Ostdeutschland weniger Eingewanderte und es fehlt manchmal an Alltagserfahrungen. Dadurch gibt es noch einige Vorbehalte in Teilen der Gesellschaft.

Es gibt aber viele Menschen mit Migrationshintergrund, die sogar Angst haben, nach Ostdeutschland zu fahren. Ist das nur ein Klischee oder ein Vorurteil?

Ja, es gibt Rassismus und organisierte Gruppen in bestimmten Gegenden. Man sollte das Thema Rechtsextremismus nicht kleinreden. Aber Rechtsextremismus ist ein gesamtdeutsches und europaweites Problem, kein Phänomen Ostdeutschlands. Die Region ist kein Zentrum des Rechtsextremismus. Sehen Sie mich an: Ich bin seit 2009 Stadtrat in Halle und die Leute haben mich mit einem guten Ergebnis in den Bundestag gewählt.

Bei Ihrer Wahl in den Bundestag wurden Sie zunächst sehr stark auf Integrationsthemen festgelegt, Sie haben sich aber bewusst für andere politische Schwerpunkte entschieden. Müssen Politiker mit Migrationshintergrund da zunächst Vorurteile überwinden?

Das ist ein bekanntes Problem. Frauen haben in der Politik auch oft damit zu kämpfen, dass sie sich um Frauenthemen kümmern sollen. Bei Menschen mit Migrationshintergrund ist das ähnlich. Anfangs wollte man mich immer in die Integrationsecke stecken. Dagegen habe ich mich erfolgreich gewehrt. Heute bin ich im Parlament Mitglied des Ausschusses für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung, im Ausschuss für Menschenrechte und humanitäre Hilfe stellvertretender Vorsitzender und Mitglied im Unterausschuss bürgerrechtliches Engagement. Integration ist ein Querschnittsthema, das im Bildungsausschuss genauso auftaucht wie anderswo.

Die Einwanderung von Fachkräften ist weitgehend akzeptiert. Aber es gibt ­aktuell auch viele Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen. Ist es da schwieriger, in der Bevölkerung um Akzeptanz zu werben?

Es gibt da einmal den Fachkräftemangel und andererseits haben wir Flüchtlinge, die aus Not ihre Länder verlassen. Auch unter den Flüchtlingen finden wir hervorragende Fachkräfte. Ich habe nicht den Eindruck, dass es eine negative Stimmung gegen Flüchtlinge gibt. Allerdings müssen wir die Kommunen bei der Unterbringung stärker unterstützen und die Bevölkerung besser informieren. Das Thema wird uns noch lange beschäftigen, denn die Krisen in der Welt nehmen zu. ▪

Interview: Gemma Pörzgen

Karamba Diaby

Schon als 14-Jähriger wurde Karamba Diaby in seiner alten Heimat Senegal als Schülervertreter politisch aktiv. Später engagierte er sich an der Universität für bessere Studienbedingungen in dem afrikanischen Land. Dank eines Stipendiums verschlug es den jungen Mann zum Studium nach Halle/ Saale in der damaligen DDR. Nach der Wende engagierte sich der promovierte Chemiker im Ausländerbeirat seiner neuen Heimatstadt und in der SPD. Seine Begeisterung für den früheren Bundeskanzler und Parteivorsitzenden Willy Brandt hatte ihn zu den Sozialdemokraten gebracht. 2001 wurde er Referent im Ministerium für Arbeit und Soziales des Landes Sachsen Anhalt im Bereich der Integrationsbeauftragten. 2013 kandidierte Diaby für den Deutschen Bundestag und wurde von seinem Wahlkreis ins Parlament gewählt.