Deutschland – eine Homestory

Constanze Kleis über den schönsten Spielplatz des Privaten – das deutsche Wohnzimmer.

dpa/Felix Hörhager - Living

Es gibt 19 Millionen Wohnhäuser in Deutschland, da stellt sich 19 Millionen Mal die Frage: Wie wohnt es sich hinter den Fassaden? Die Antwort: leidenschaftlich! Wer glaubt, die Deutschen hätten ihre Emotionen beim Fußball oder bei der Autopflege geparkt, der muss da gründlich umdenken. In Deutschland ist Wohnen ein Breitensport. Keine Nation investiert dafür so viel wie wir. Nirgendwo in Europa wird mehr Geld für Möbel ausgegeben und Herzblut vergossen. Es liegt an den engen Beziehungen zwischen Wohnambiente, Psyche und Wohlgefühl, die Deutsche so hingebungsvoll pflegen wie den Rasen im Vorgarten. Das Daheim ist dabei eine Art emotionales Breitbandantibiotikum: Rückzugsgebiet, Ich-Vollzug, Spielplatz des Privaten. Man stattet deshalb nicht nur ein paar Räume aus, sondern möbliert immer auch sein Selbstbild, den Gefühlshaushalt. Und zwar gern mit Solidem, Haltbarem und Langlebigem, das wie Atlas die Welt die Last der Erwartung ans Wohnen mühelos auf seinen Holzfurnierschultern trägt: Einbauküchen, Schrank­wände, Sideboards.

Gestalterisches Prinzip ist dabei vor allem die „Gemütlichkeit“. Die hat Vorfahrt vor allem andern. Wie das aussieht, lässt sich in Hamburg besichtigen. Dort steht in den Räumen der Werbeagentur Jung von Matt das bundesdeutsche Durchschnittswohnzimmer: 20 Quadratmeter, ein Sofa, eine Schrankwand aus Buchenfurnier, ein schwarzer Deckenfluter und ein blauer Veloursteppich. Es hat sich aus aktuellen Wohnstatistiken, Analysen von Studien und Artikeln materialisiert. Der Zweck: Die loftgewohnten Werber sollen sich in den Kosmos ihrer Zielgruppe im wahrsten Sinne des Wortes einleben können. Eine gute Idee, einerseits. Andererseits beschwerten sich zahlreiche Bewohner von Deutschlands häufigstem Wohnzimmer, man habe ihnen ihren Geschmack und die Überzeugung geklaut etwas Besonderes zu sein. Denn auch das steht auf der To-do-Liste des Wohnens: Unverwechselbarkeit. Deshalb freuen wir uns so über Formulierungen wie „Mit jeder dieser Küchen erwirbt der Kunde ein einmaliges persönliches Unikat“. Dabei ignorieren wir erfolgreich, dass das „Unikat“ ungefähr so einzigartig ist wie Alpenveilchen, Efeu und Orchideen auf dem Fensterbrett. Deutschlands drei beliebteste Zimmerpflanzen. Oder Schwarz, Braun, Weiß – die meistgekauften Farben.

Kurz: In kaum einem anderen Bereich driften Sein und Schein, Wunsch und Wirklichkeit, Können, Sollen und Wollen, der Wunsch nach Einzigartigkeit und das Bedürfnis, Teil eines Ganzen zu sein, bisweilen so weit auseinander wie im eigenen Zuhause. Aber das schert uns nicht. Wir sind nämlich Wohnsouveräne unserer eigenen vier Wände. Meint: Wir wohnen nah am Leben, an dem, wie es ist, und immer auch ein wenig an dem, wie es sein sollte. Deshalb blättern sich monatlich etwa drei Millionen Deutsche durch Hochglanzwohnmagazine, kaufen Einrichtungsratgeber und klicken sich durch die stets wachsende Zahl von Wohninternetportalen. Manchmal fahren sie danach ins Möbelhaus – eine der Lieblingsfreizeitbeschäftigungen – und probieren mal die so wärmstens empfohlene minimalistische Designerliege oder den exzentrischen Wohnzimmertisch zum Preis eines Kleinwagens. Meist aber kommen sie dann doch mit einem plüschigen Fernsehsesselmonstrum heim, das man per Fernbedienung stufenlos auf fünf verschiedene Halb- oder Voll-Liegepositionen einstellen kann. So viel Mut zum Profanen muss man erstmal aufbringen. Und deshalb wohnt Deutschland nicht nur „gemütlich“, sondern irgendwie auch ganz schön cool. ▪

CONSTANZE KLEIS lebt, arbeitet und wohnt 
in Frankfurt am Main. Die Bestsellerautorin hat keine Schrankwand, aber eine schwarze Couch.