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Zwei Störche im Nest
Der Weißstorch ist in Deutschland wieder oft anzutreffen. © picture alliance/dpa | Silas Stein

Die Rückkehr der Störche

In den 1980er-Jahren ging es ihnen schlecht, nun gibt es wieder viele Weißstörche in Deutschland. Bernd Petri vom Naturschutzbund Deutschland erklärt, warum. 

05.08.2026Klaus LüberInterview: Klaus Lüber

Der Weißstorch ist für viele Deutsche ein besonderes Tier. Er gilt als Glücksbote, früher erzählte man sich, er bringe die Babys. Woher kommt diese enge Beziehung?

Der Weißstorch ist ein sogenannter Kulturfolger – ein Tier, das menschliche Siedlungen, Weiden, Wiesen und Felder als Lebensraum nutzt. Weißstörche leben seit Jahrhunderten in unserer Nähe und kehren oft an denselben Horst zurück. Diese Nesttreue schafft Vertrautheit. Für Ackerbauern waren sie außerdem ein willkommener Frühlingsbote und ein Zeichen für bessere Zeiten. Auch ihr majestätischer Flug faszinierte die Menschen. Der Luftfahrtpionier Otto Lilienthal nutzte den Storch sogar als Vorbild für seine Flugversuche. Weil der Vogel so präsent im Alltag war, entstand im 17. und 18. Jahrhundert schließlich auch die Legende vom Kinderbringer: Aus Verlegenheit erzählten Eltern ihren Kindern, der Storch bringe die Babys.  

Weißstorch fliegt vor blauem Himmel
Für Luftfahrtpionier Otto Lilienthal war der Weißstorch ein Vorbild © picture alliance/dpa | Silas Stein

In den 1980er-Jahren waren Störche aus vielen Teilen Deutschlands verschwunden. Man fürchtete sogar, sie könnten aussterben. Was war passiert?

Nach dem Zweiten Weltkrieg revolutionierte die intensive Landwirtschaft die Landschaft: Feuchtgebiete wurden entwässert, Tümpel verschwanden, der Einsatz von Dünger und Insektiziden nahm stark zu. Dadurch fanden Störche immer weniger Nahrung und vergifteten sich teilweise über ihre Beute.

Heute zählt man rund 15.000 Paare in Deutschland, fünfmal mehr als in den 1980er-Jahren. Wie ist dieses Comeback gelungen?

Durch die konkrete Hilfe begeisterter Naturschützerinnen und Naturschützer. Feuchtgebiete wurden renaturiert, Wasser zurückgehalten, Natur- und Vogelschutzgebiete entwickelt, Nisthilfen aufgestellt. Außerdem ist der Weißstorch enorm anpassungsfähig. Er erschloss sich neue Nahrungsquellen – etwa auf Mülldeponien. Dort fand er reichlich Futter: Mäuse, Insekten, aber auch weggeworfene Lebensmittel wie Wurst oder Fleisch. Auch die Reisanbaugebiete Spaniens boten Nahrung im Überfluss. So mussten viele Störche nicht mehr den langen und gefährlichen Zug nach Westafrika antreten, sondern konnten in Südeuropa überwintern.

Deutschland, Spanien, Polen – der Storch verbindet europäische Länder auf seinem Zugweg. Gibt es eine gemeinsame Schutzstrategie?

Der Weißstorch ist ein wahrhaft europäischer Vogel. Er ist in Deutschland, Polen, Spanien, der Türkei, dem Baltikum, Schweden, Frankreich, England zu Hause. Und die Faszination für ihn ist überall groß. Entsprechend grenzübergreifend sind auch die Anstrengungen, ihn zu schützen. Selbst Ornithologen aus der Ukraine und Russland arbeiten hier trotz des Kriegs nach wie vor zusammen. Gerade lässt die Europäische Zentralbank Bürgerinnen und Bürger zu neuen Motiven für die Euro-Geldscheine abstimmen. Der Weißstorch ist aus gutem Grund im Gespräch – als Motiv für den 50-Euro-Schein. 

 

Storch auf 50-Euro-Schein
Der Weißstorch auf einem Entwurf eines neuen 50-Euro-Geldscheins © European Central Bank 2026

Wie verbreitet ist der Storch in Deutschland im europäischen Vergleich?

Deutschland steht gut da: Die Elbe und der Oberrhein zählen zu den wichtigsten Brutgebieten in Europa. Das hessische Ried, eine flache Rheinebene im Süden des Bundeslandes Hessen, kommt mit 90 Brutpaaren auf 100 Quadratkilometer auf einen absoluten Spitzenplatz – vergleichbar mit den dichtesten Storchgebieten in Polen oder Spanien.

Störche bauen ihre Nester gerne auf Strommasten. Wenn die Population nun so deutlich steigt: Wird das zum Problem?

Das ist eine ernsthafte Frage, mit der ich als Gutachter bei Netzbetreibern direkt zu tun habe. Wenn Weißstörche auf Hochspannungsmasten brüten, kann es zu Kurzschlüssen kommen – tote Störche, erhebliche Störungen und enorme Kosten. Die beiden Aspekte Artenschutz und Netzsicherheit führen hier zum gleichen Ergebnis: Aus vernünftigen Gründen sollten Nester auf Hochspannungsmasten entfernt werden. Zum Wohl von Storch und Mensch.

Mehr Störche bedeuten auch mehr Lärm, Verschmutzung und Konflikte. Kippt das Image des Storchs?

Das muss man ernst nehmen – auch wenn sich die meisten Konflikte lösen lassen. Wenn ein Storch auf einem Dach brütet und der Kot auf parkende Autos oder auf Menschen landet – dann kann ich verstehen, dass das nervt. 

Das Klappern ist ein anderes Beispiel: Wenn in einem Dorf 40, 50 Störche klappern und einer sagt, er kann nicht schlafen – dann ist das keine Kleinigkeit. Und dann gibt es noch die sogenannten Spiegelfechter: Störche, die sich in Fensterscheiben oder Autolacken sehen, einen Konkurrenten vermuten und dagegen hauen. Die Lösung: Auto umparken, Scheibe abdecken.

Was wünschen Sie sich von den Menschen in Deutschland – und in Europa – für den Storch?

Ich wünsche mir, dass wir uns die Freude am Storch bewahren und Konflikte pragmatisch lösen. Dem Weißstorch geht es heute gut. Deshalb sollten wir gelassen bleiben, wenn wir ihn an manchen Orten auch einmal umsiedeln müssen. Er bleibt ein Symbol für das gelungene Miteinander von Mensch und Natur.

Zur Person

Bernd Petri ist Ornithologe und lebt in Büttelborn in Hessen – einem der storchenreichsten Landkreise Deutschlands. Beim NABU ist er stellvertretender Landesvorsitzender in Hessen und bundesweit Sprecher der Bundesarbeitsgruppe Weißstorchschutz, die jährlich den deutschen Storchenbestand erfasst. 

Grauhaariger Mann mit Fernglas vor Storchennest
Bernd Petri ist Experte für den Weißstorch beim Naturschutzbund Deutschland.
© privat