Die Rettung der Robbenbabys
Mehr als 100 verwaiste Robben werden jährlich in Schleswig-Holstein aufgepäppelt und auf ihre Rückkehr ins Wattenmeer vorbereitet.
Erst ragt Heddas kleine Schnauze aus dem Wasser, dann zwei dunkle, neugierige Augen. Sekunden später taucht die junge Seehündin an anderer Stelle wieder auf. Hedda ist eine von mehr als 100 Jungtieren, die derzeit in der Seehundstation Friedrichskoog an der Nordseeküste versorgt werden. Sie jagen einander durchs Wasser und ruhen zwischendurch auf den Sandbänken aus. Kaum etwas erinnert daran, dass viele von ihnen noch vor wenigen Tagen als sogenannte Heuler allein am Strand des Wattenmeers lagen und mit ihren Rufen nach ihrer Mutter suchten.
Seit 41 Jahren kümmert sich das Team der Seehundstation in Schleswig-Holstein um verwaiste Jungtiere. Während der Geburtssaison von Anfang Mai bis Ende Juli werden jedes Jahr zahlreiche Robbenbabys von ihren Müttern getrennt. Fachleute prüfen jeden Fund sorgfältig, denn nicht jeder Heuler braucht Hilfe. Können sie die Tiere nicht zu ihrer Mutter zurückbringen, kommen sie nach Friedrichskoog. Dort bauen sie ihre Kräfte auf und lernen, selbst Fische zu jagen.
Internationaler Schutz für das Wattenmeer
Die Arbeit der Seehundstation dient nicht nur den einzelnen Tieren. Seehunde und Kegelrobben gehören zu den charakteristischen Arten des UNESCO-Weltnaturerbes Wattenmeer. Als Raubtiere stehen sie weit oben in der Nahrungskette und tragen zum ökologischen Gleichgewicht des Wattenmeers bei. „Das sind wirklich Raubtiere, besonders Kegelrobben können sehr heftig zubeißen“, sagt Tanja Rosenberger, Leiterin der Aufzuchtstation im Podcast „ShoreTime – der Küstenschnack“.
Noch gelten Seehunde und Kegelrobben nicht als gefährdet. Doch Klimawandel, Öl- und Gasförderung auf See sowie menschliche Eingriffe setzen dem Wattenmeer zu. Weil die Tiere keine Landesgrenzen kennen, arbeiten Deutschland, Dänemark und die Niederlande seit 1978 beim Schutz des Wattenmeers zusammen. Gemeinsam erfassen die drei Länder die Robbenbestände, beobachten den Zustand des Ökosystems und stimmen ihre Schutzmaßnahmen aufeinander ab.
150.000 Besucherinnen und Besucher jährlich
Gibt der Tierarzt grünes Licht, kehren die Jungtiere nach rund zwei Monaten in die Nordsee zurück. Rund 90 Prozent schaffen die Rückkehr in ihren natürlichen Lebensraum. „Auswilderungen sind ja immer das Ziel unserer Arbeit und für uns auch die schönsten Momente“, sagt Rosenberger.
Seehunde und Kegelrobben, die nicht mehr ausgewildert werden können, finden in Friedrichskoog dauerhaft ein Zuhause. Bei den öffentlichen Fütterungen erleben jährlich rund 150.000 Besucher die Meeressäuger aus nächster Nähe. „Das, was wir gerne vermitteln wollen, ist die Faszination für diese tollen Tiere. Die wird man nur schützen können, wenn wir ihren Lebensraum erhalten“, sagt Rosenberger.
Die Seehundstation Friedrichskoog ist nicht nur eine Rehabilitationsstation für Robben. Sie beteiligt sich an Forschungsprojekten rund um Seehunde, Kegelrobben und das Wattenmeer und vermittelt Besucherinnen und Besuchern Wissen über das UNESCO-Weltnaturerbe.