Diplomatie im Wandel

Wie geht es weiter mit den transatlantischen Beziehungen? Die Expertin Cathryn Clüver Ashbrook über neue Möglichkeiten der Außenpolitik.

Cathryn Clüver Ashbrook: „Abwarten ist die falsche Strategie“
Cathryn Clüver Ashbrook: „Abwarten ist die falsche Strategie“ Benn Craig/Belfer Center

Ms. Clüver Ashbrook, vor einem Jahr absolvierte Bundeskanzlerin Merkel ihren Antrittsbesuch bei US-Präsident Trump. Wie haben sich die transatlantischen Beziehungen zuletzt verändert?
Wir erleben einen Bruch in den Werten, die das westliche Bündnis definieren. Für die Europäer war das vergangene Jahr desorientierend. Sie konnten nicht einschätzen, inwieweit Aussagen der amerikanischen Regierung verlässlich waren, etwa das Bekenntnis zur NATO. In der Handels- und Wirtschaftspolitik behandelt Trump Verbündete geradezu feindlich – die Strafzölle auf Stahl und Aluminium treffen in erster Linie die europäische Industrie. Implizit sendet der Präsident damit die Botschaft, dass es ihm nicht um Zusammenarbeit geht, um eine gemeinsame Sicht auf den Rest der Welt. Dabei wäre es angesichts großer Herausforderungen, siehe China und die weiterhin angespannte Lage in Syrien und im erweiterten Nahen Osten, wünschenswert, dass das transatlantische Bündnis seine Stärken ausspielt.

Es gibt in den USA großes Interesse, von Deutschen und Europäern zu lernen. Ein Beispiel ist die duale Ausbildung.

Politik-Expertin Cathryn Clüver Ashbrook

Was kann Deutschland tun, um das transatlantische Verhältnis zu verbessern – die Beziehungen zu den Bundesstaaten stärken?
Das ist einer der wenigen Lichtblicke. Die deutsche Öffentlichkeit und die föderalen Institutionen beginnen zu verstehen, dass Amerika nicht nur aus einer Administration in Washington besteht, sondern aus 50 Bundestaaten, die sehr unterschiedliche Politikvorstellungen haben. Es ist ein tief geteiltes Land, aber aus dieser Spaltung resultieren auch innovative Initiativen und ein großes Interesse, von Deutschen und Europäern zu lernen, Stichwort duale Ausbildung: Wie sieht die Arbeitswelt des 21. Jahrhunderts aus, welche Bildungssysteme meistern die Herausforderungen der Globalisierung? Staaten, in denen deutsche Unternehmen bereits seit Jahren aktiv sind, schätzen das Modell und wollen es ausbauen. Neue Kooperationsmöglichkeiten ergeben sich auch in der Umwelt- und Klimapolitik. Viele Gouverneure und Bürgermeister großer Städte wollen an den in Paris vereinbarten Klimazielen festhalten und suchen dafür Partner. Hier gibt es für europäische und deutsche Unternehmen neue Investitionsmöglichkeiten, aber auch für Städte und Kommunen neues Partnerschaftspotenzial.

Städte als außenpolitische Akteure – das ist neu. Sie greifen die Entwicklung mit Ihrer „Metro Diplomacy Initiative“ auf.
Wir beobachten wie sich neue, globale Städtepartnerschaften entwickeln: dass Metropolen anfangen, ihre Interessen losgelöst vom nationalen oder föderalen Kontext zu definieren und sich weltweit austauschen und zusammenschließen. Vorreiter sind Bündnisse wie die C40, die zu Umweltthemen arbeiten. Diese neuen Akteure, die bisher in den großen außenpolitischen Strategien wenig beachtet wurden, geben dem transatlantischen Verhältnis interessante Impulse. Wenn ich diese Entwicklungen bedenke, mache ich mir weniger Sorgen über die Zukunft.

Der Bezugsrahmen der Diplomatie geht mittlerweile über Regierungen und klassische multilaterale Organisationen hinaus.

Politik-Expertin Cathryn Clüver Ashbrook

Die Metro-Initiative gehört zu Ihrem Future of Diplomacy Project, in dem Sie seit 2010 innovative Instrumente der Konfliktprävention entwickeln. Was passiert konkret?
Wir erforschen, wie sich die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts auf die Diplomatie auswirken. Ihr Bezugsrahmen geht mittlerweile über Regierungen und klassische multilaterale Organisationen hinaus. Wir haben andere Verhandlungssituationen als früher. Netzwerke ganz verschiedener Art fordern die staatlich souveränen Steuerungs- und Entscheidungskapazitäten heraus, und die Kommunikations- und Datenrevolution beschleunigt diese Entwicklungen. Künftige Diplomatengenerationen müssen damit umgehen können und zugleich digital versiert sein. Neben politischem, sprachlichem und wirtschaftlichem Verständnis müssen sich Diplomaten auf diese neuen Herausforderungen einstellen, sie müssen mit einer großen Datenflut interpretativ arbeiten können, um aus dem ständigen Krisenmodus herauszukommen.

Eine neue Art, Konflikten zu begegnen?
Die Konflikte der Zukunft sind transnational und stark voneinander abhängig: Klimawandel bedingt Naturkatastrophen, die Migrationswellen auslösen. Das Stichwort hier ist antizipatorische Außenpolitik: Welche Fähigkeiten brauchen wir im Staatsdienst, oder welche Partner, um der Entstehung des nächsten „Islamischen Staats“ entgegenzuwirken? Welche Demokratiebewegungen unterstützen wir wo und wann? Wie verhindern wir grenzüberschreitende Entwicklungen wie Pandemien und Umweltkatastrophen, die Rückwirkungen auf uns haben können? Wie wird Blockchain die Geheimhaltung von Staatsgeheimnissen beeinflussen? Wer frühzeitig Kapazitäten in einem bürokratischen System entwickelt, kann solchen Herausforderungen bewusst frühzeitig entgegentreten. Das braucht eine neuartige Ausbildung und ein anderes Nachdenken über die Gestaltung bürokratischer Systeme. Das machen wir im Future of Diplomacy Project.

Sind die Außenministerien auf solche Veränderungen vorbereitet?
Die ersten stellen Spezialisten für diese Themenfelder ein und strukturieren ihre Bürokratien um, auch die Laufbahnanforderungen. Das State Department hat unter Obama auf den Wandel in der Diplomatie reagiert und dabei mit Tech-Firmen aus dem Silicon Valley zusammengearbeitet. Auch in Europa ist das Interesse groß. Ich habe Ministerien in Dänemark, in den Niederlanden und auch das Auswärtige Amt dazu beraten.

Wie sehen Sie die Zukunft der transatlantischen Beziehungen? Müssen die Europäer abwarten?
Abwarten ist die falsche Strategie. Die Europäer tun das auch nicht, wie wir etwa an den Initiativen zu einer gemeinsamen Verteidigungs- und Beschaffungspolitik sehen. Es ist wichtig, dafür jetzt auch Geld in die Hand zu nehmen und Visionen zu entwickeln. Wenn Europa Mittel und Wege findet, sich in der Außenpolitik stärker und geschlossener zu positionieren, ist das eine robuste und zukunftsgerichtete Plattform für eine Zusammenarbeit mit den USA. Ganz gleich, wer US-Präsident ist.

Die Deutsch-Amerikanerin Cathryn Clüver Ashbrook ist Gründungsgeschäftsführerin des „Future of Diplomacy“-Projekts an der renommierten Harvard Kennedy School in Cambridge, Massachusetts.

Interview: Christine Mattauch​​​​​​​

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