Diktatur ist überwindbar

Der Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR über Aufklärung und Aussöhnung.

Herr Jahn, auch 25 Jahre nach der Wiedervereinigung ist das Interesse der Deutschen an den Stasi-Akten ungebrochen. Warum?

Viele brauchten einen gewissen Abstand, um ihre Ängste zu überwinden; gerade ältere Menschen wollen ihr Leben nun ordnen und deswegen in die Akten schauen. Man spürt immer wieder, dass es Verletzungen gibt, die bis heute andauern, dass aber auch Interesse da ist, mit sich selbst ins Reine zu kommen oder mit Mitmenschen einen Umgang zu finden, mit denen man in Konflikt war. Die Grundlage für Aussöhnung ist Aufklärung. Das ist das, was wir leis­ten und unterstützen. Man kann nur dem vergeben, den man auch kennt. Man kann nur das vergeben, was man erfahren hat. Ein ganz wesentlicher Punkt ist zudem, dass es einen Dialog zwischen den Generationen gibt. Die Enkelkinder, die nach dem Ende der deutschen Teilung geboren wurden, fragen ihre Großeltern, wie das damals gewesen ist, und fordern so ihre Großeltern heraus. Für den Dialog zwischen den Generationen sind die Akten der Staatssicherheit hilfreich.

Sie haben die Einsetzung einer Expertenkommission zur Zukunft Ihrer Behörde durch den Bundestag ausdrücklich begrüßt. Welche Aufgaben sehen Sie als zentral an?

Ein wichtiger Punkt ist die Digitalisierung. So ist zum Beispiel die Einrichtung einer Mediathek, mit der wir Anfang 2015 begonnen haben, ein erster Schritt dahin. Wir wollen niederschwellige Angebote machen, damit gerade auch junge Menschen Stasi-Akten über ihre Informationskanäle lesen können. Es ist wichtig, dass unsere Strukturen sowohl die persönliche Aktennutzung als auch Forschung und Bildung langfristig sichern. Wir sind sehr gespannt auf die Vorschläge der Expertenkommission. Weitere Fragen sind, an welchen Standorten in Deutschland die Stasi-Akten weiter gelagert werden sollen, wie man Bürgernähe organisiert und die Standorte in die Landschaft von Gedenkstätten und Archiven einbettet. Wir sind also an einem Punkt, an dem sichergestellt wird, dass dieses besondere Archiv auch für die nächsten Generationen genutzt werden kann.

Was bedeutet Ihre Arbeit im internationalen Kontext?

Es gibt weltweit ein großes Interesse an unserer Arbeit. International war es 1990 erstmalig der Fall, dass die Akten einer Geheimpolizei gesichert und genutzt wurden. In dieser Hinsicht haben wir eine Vorbildfunktion. Es hat sich zwangsläufig ergeben, dass in den osteuropäischen Ländern mit der Vergangenheit einer kommunistischen Diktatur ähnliche Institutionen gegründet wurden. Mit diesen Institutionen – in Polen, Tschechien, Ungarn und anderen Ländern – arbeiten wir in einem Netzwerk zusammen und treffen uns jährlich zu einer Konferenz. Wir haben aber auch viele Gäste aus der ganzen Welt. 2014 waren Besucher aus über 40 Ländern bei uns. Aus Ländern, die ebenfalls gesellschaftliche Umbrüche erleben, etwa in der arabischen Welt, aber auch aus Weißrussland und China. Die Besucher sind beeindruckt von dem Signal, das wir mit unserer Arbeit aussenden: Diktatur ist überwindbar. Und sie wollen von uns lernen, wie Diktatur aufgearbeitet wird. Gerade das internationale Interesse zeigt, dass unsere Arbeit grundsätzliche Werte betrifft. Der universelle Anspruch der Menschenrechte ist die Brücke, die uns mit unseren internationalen Gästen verbindet. Wir merken bei diesem Austausch, wie viel wir mit dem Blick in die Vergangenheit für Gegenwart und Zukunft mitnehmen können.

Für einen Beitrag des Deutschlandradios besuchten Sie im Frühjahr 2015 Jena. Was bedeutet Ihnen der mit der Wiedervereinigung verbundene Wandel Ihrer Geburtsstadt, Ihrer Heimat?

Ich freue mich, dass es dort jetzt Verhältnisse gibt, von denen wir immer nur geträumt haben, nämlich dass die Menschen in Freiheit und Selbstbestimmung leben. In der Hinsicht ist es etwas Besonderes, wenn ich die neue Generation erlebe, die in Jena studieren und das Leben so gestalten kann, wie wir es uns damals in der DDR immer gewünscht haben.

Interview: Johannes Göbel