Enormer Umbruchprozess

Die Lebenszufriedenheit in Ost und West hat sich angeglichen – doch es gibt nach wie vor Unterschiede. Ein Interview mit Renate Köcher.

Das Institut für Demoskopie Allensbach untersucht seit 1990 umfassend die Meinungsbilder in Ost- und Westdeutschland. Gibt es 25 Jahre nach der Wiedervereinigung noch eine „Mauer in den Köpfen“?

Eine Mauer in den Köpfen gibt es nicht mehr. Was sich in den Meinungsbildern besonders deutlich angeglichen hat, ist alles, was mit der wirtschaftlichen Lage zu tun hat. Hier ergaben unsere Umfragen in den 1990er-Jahren und auch noch zu Beginn des neuen Jahrtausends in Ostdeutschland sehr negative Ergebnisse. Vor zehn Jahren zogen beispielsweise noch zwei Drittel der ostdeutschen Bevölkerung die Bilanz, dass die wirtschaftliche Lage in Ostdeutschland nicht sonderlich gut ist, heute gilt dies für weniger als ein Fünftel. Auch die grundsätzliche Lebenszufriedenheit hat sich in Ost und West angeglichen. Größere Unterschiede findet man dagegen vor allem bei den Themen Systemakzeptanz, überzeugte Unterstützung der Marktwirtschaft und auch bei der Frage, ob die Demokratie in der Form, in der wir sie in Deutschland haben, die beste denkbare Staatsform ist. In Ostdeutschland bejahen dies um die 40 Prozent, in Westdeutschland sind es rund 75 Prozent.

Wie haben sich die Meinungsbilder in Ostdeutschland in den vergangenen 25 Jahren verändert?

In den frühen 1990er-Jahren war der enorme Umbruchs- und Einigungsprozess zu bewältigen. Die ostdeutsche Bevölkerung hat damals auch viel mitmachen müssen und spricht im Rückblick von einer sehr fordernden Zeit. Viele haben ihren Arbeitsplatz verloren. Auch wenn jetzt die Hälfte der gesamten ostdeutschen Bevölkerung sich eindeutig als Gewinner der Einheit sieht und nur eine Minderheit sich als Verlierer bezeichnet, so ist es doch ungefähr ein Viertel. Das ist generationengebunden: Es gab natürlich diejenigen, für die die Wiedervereinigung zu spät kam, die nicht mehr neu Fuß fassen konnten. In Ostdeutschland war die Arbeitslosigkeit noch sehr lange hoch. Das kannte die DDR in dem Sinne nicht. Trotzdem ziehen zwei Drittel der Ostdeutschen die Bilanz, dass die Einheit eine Erfolgsgeschichte ist.

Inzwischen blickt man auch in Ostdeutschland kritischer auf die DDR?

Ja, aber zugleich ziehen die Menschen eine sehr differenzierte Bilanz, die durchaus auch nachvollziehbar ist. Alles, was mit Warenangebot, Reisefreiheit, Weltoffenheit, Wohnverhältnissen, Lebensstandard, Umweltschutz oder Menschenrechten zu tun hat, wird der Bundesrepublik gutgeschrieben. Der DDR werden dagegen die Sicherheit der Arbeitsplätze, niedrige Mietkosten, gute Kinderbetreuung, Sportförderung und die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf angerechnet. Die DDR hatte eine gut ausgebaute Betreuungsinfrastruktur, die die Vereinbarkeit von Familie und Beruf auch für Frauen möglich machte, während Westdeutschland diesen Weg erst sukzessive in den vergangenen 10 oder 15 Jahren gegangen ist.

Ihre Umfrageergebnisse zeigen auch, dass es bei allen Unterschieden in Ost und West doch eine große Entschlossenheit gab, die deutsche Wiedervereinigung zu einer Erfolgsgeschichte werden zu lassen.

Die Wiedervereinigung hat die Bevölkerung so erschüttert wie jahrzehntelang zuvor kein anderer Anlass. Die Mehrheit sagt, sie habe geweint, als klar war, dass die Wiedervereinigung Wirklichkeit wurde. In Ost und West war der Wille da, zu sagen: Das muss eine Erfolgsgeschichte werden, damit wir gemeinsam eine gute Zukunft haben.

Unterscheiden junge Deutsche überhaupt noch zwischen Ost und West?

Für die Nachwende-Generation ist die Einheit schon fast etwas Selbstverständliches. Junge Ostdeutsche sehen sich in erster Linie als Deutsche und nicht als Ostdeutsche. Das ist in der Generation ihrer Großeltern noch deutlich anders. In der jungen Generation, West wie Ost, überwiegt ganz klar die nationale und nicht eine enger gefasste regionale Identität.

Interview: Johannes Göbel