Mehr als ein Dach über dem Kopf

60 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht. Die meisten leben in Flüchtlingslagern und informellen Siedlungen. Daniel Kerbers Unternehmen „More than Shelters“ will ihre Situation verbessern.

Malte Metag - More than shelters
Herr Kerber, als Sie 2012 „More than Shelters“ gründeten, dachten Sie an Einsätze in Afrika und Asien, an Katastrophenhilfe und Kurzzeitlösungen. Jetzt stehen die von Ihnen entworfenen Domo-Zelte in Hamburg für Flüchtlinge aus Syrien. Wie finden Sie das? 
Wir haben die Situation jetzt vor unserer Haustür, das macht einen natürlich betroffen und wütend, weil Chancen versäumt worden sind. In den Anfängen von More than Shelters im Jahr 2012 wollten wir uns in humanitären Notsituationen als innovativer Player positionieren. Die Herausforderungen sind jetzt in Deutschland so groß und an so vielen Stellen gleichzeitig, dass wir uns strategisch noch einmal komplett neu ausgerichtet haben. Wir wollen unseren integrativen Ansatz, Raum und Mensch zusammen zu denken, in diese neue Situation hineintragen. 
 
So viele humanitäre Akteure sind in der Flüchtlingsarbeit aktiv. Was macht More than Shelters besonders? 
Wir haben uns darauf spezialisiert, menschenwürdige Lebensräume für Menschen in Notsituation zu schaffen. Das von uns entwickelte Zelt „Domo“ lässt sich variabel an Familienverhältnisse und Klimazonen anpassen und ermöglicht den Bewohnern damit große Freiheiten in der Frage, wie sie leben möchten. Wir beziehen die lokalen Communities auch in Infrastrukturprojekten in unsere Arbeit ein: Sie haben das Wissen, wir die Expertise. Das bringen wir zusammen.
 
Wie sieht Ihre Arbeit in Deutschland aus?  
In Hamburg verfolgen wir zwei Projekte: Erstens schaffen wir mit den Domos soziale Räume innerhalb von Erstaufnahmeeinrichtungen. Das ist das Raum-im-Raum-Konzept. In den Zelten können Frauen in Ruhe ihre Kinder stiller und Kinder spielen. Zweitens schaffen wir mit den Domos außerhalb der großen Hallen Raum für Begegnung. Hier können sich Flüchtlinge auf einen Kaffee treffen aber auch Psychologen treffen. Wenn man mehrere Wochen in einem Containerdorf oder einer Turnhalle wohnt, notdürftig abgetrennt durch Plastikplanen, kommt Lagerkoller auf. An eine Einrichtung für Männer haben wir daher vier winterfeste Domos angegliedert. Die Pilotphase in Hamburg ist nun beendet. Wir wollen das Domo-Konzept auf alle Erstaufnahmeeinrichtungen ausdehnen. Seit Oktober 2015 stehen auch zwei Domos am Vorplatz des Hamburger Hauptbahnhofs als Kleiderkammer und Suppenküche. Außerdem sind wir dabei, das Projekt in Berlin in die Planung zu bringen. Hier ist unser Wissen gefragt.
 
Angefangen haben Sie mit Zelten und Projekten im jordanischen Flüchtlingscamp Zaatari. Dort leben 80.000 Menschen auf dreieinhalb Quadratkilometern. Nach dem Erdbeben in Nepal brachten Sie Domos in die betroffenen Gebiete, seit Neuestem stehen sie auch auf der griechischen Insel Lesbos. Gibt es Gemeinsamkeiten?
Man merkt an allen Orten, dass die betroffenen Menschen sich einbringen und selbst mit anpacken wollen. Sie wollen wahrgenommen werden als Menschen mit Kenntnissen und Expertisen. Der Wille, etwas zur Gemeinschaft beizutragen, ist immens. Häufig werden sie allerdings in solchen Camps eher verwaltet, als wären sie eine Ware. Da müssen wir umdenken.
 
Warum sehen Sie etwas, das andere offenbar nicht bemerken?
Die Katastrophenhilfe funktioniert weltweit sehr gut: Hilfsorganisation sind dazu da, dass in den ersten Wochen nach einem Erdbeben, einer Flut oder ähnlichem niemand verhungern oder erfrieren muss. Nun ist es aber so, dass die Katastrophen unserer Zeit sehr langwierig sind. Da braucht es meiner Meinung nach ein Umdenken – auch bei den großen Organisationen. Jeder Architekt spricht davon, dass man Menschen beteiligen muss. Ich frage mich, warum es diesen Dialog in der Flüchtlingsarbeit nicht gibt. Wir als Unternehmen More than Shelters versuchen, neue Lösungen aufzuzeigen. Wir wissen wie man Menschen in Lösungen einbindet. 
 
Wie sieht Ihre Arbeit in Zaatari aus? 
Zaatari ist das zweitgrößte Flüchtlingslager der Welt. Dort leben zum großen Teil Mütter mit Kindern und alte Menschen, die Väter sind oft noch in Syrien. Während Flüchtlinge im Jahr 2000 rund eineinhalb Jahre in einem Flüchtlingscamp lebten, sind es heute zwölf Jahre. Mehr als die Hälfte der Bewohner wird nie mehr in ihr ursprüngliches Zuhause zurückkehren. Diese Zahlen muss man bei der Arbeit mitdenken. Überleben und Sicherheit sind Grundbedürfnisse. Doch nach drei, vier Jahren fragen sich die Leute, wie lange das noch gehen soll, wann sie wieder arbeiten können, welche Zukunftsperspektive sie haben. Wir haben uns mit der Frage beschäftigt, was Nichtstun aus Menschen macht. Als erstes haben wir eingeführt, dass die Ankommenden bei der Registrierung ihren Beruf angeben. „Flüchtling“ ist kein Tätigkeitsprofil. Mit diesen Angaben konnten wir unsere Projekte ganz anders umsetzen.
 
Für mich als Person ist Zaatari einer der spannendsten Orte überhaupt, weil man daran sehen kann, wie in drei Jahren aus dem Nichts eine Stadt entsteht. Man darf das natürlich nicht Stadt nennen, aber es funktioniert wie eine Stadt. Zaatari zeigt, was Menschen leisten können, wenn man ihr  Engagement nicht abwürgt, sondern sie ihren Lebensraum erobern lässt. Sie zogen im Camp um, gruppierten Container neu, eröffneten Läden. Diese Freiräume sind selten. Wir versuchten ein Lager zu bauen und sie bauten eine Stadt – das passt nicht zur traditionellen Flüchtlingshilfe. Da müssen wir umdenken.
 
Was sollte die Konsequenz sein? 
Wir reden, wir hören zu. Das nenne ich „soziales Design“. Als wir Design-Thinking-Workshops mit den Flüchtlingen in Zaatari veranstalteten, entstanden in sechs Monaten mehr als 40 Projekte – Moscheen, Biogas-Anlagen, Solarenegie, Recycling, Landwirtschaft und Verbesserung der Infrastruktur. Mit fünf Familien und einem niederländischen Masterstudenten setzten wir das Projekt der „Abwassergärten“ um. In vier Monaten entstanden 2000 Gärten. Die Menschen in Zaatari haben ihr Zuhause verloren. Sie haben keinen Ort mehr, an den sie zurückgehen können. Wenn es uns nicht gelingt ihre Lebensumstände zu verbessern, werden sie weiterziehen. ▪
 
Interview: Sarah Kanning
 
DANIEL KERBER 
wurde 1970 in Frankfurt am Main geboren. Er studierte Kunst in Paris und Düsseldorf, seine Arbeiten werden in den USA, Italien, Österreich und Deutschland ausgestellt. Seit mehr als 15 Jahren beschäftigt Kerber sich an der Schnittstelle von Architektur, Design und Kunst mit informeller Architektur in Krisenregionen. Anfang 2012 gründet er das Sozialunternehmen More than Shelters und realisiert Design- und Architekturkonzepte für humanitäre Zwecke.