Jetzt reicht’s!

Wie der WWF Deutschland die Verschmutzung des Meers durch Plastikmüll in Südostasien eindämmen will.

 

 

Verschmutzung: Millionen Tonnen an Plastikmüll landen in den Ozeanen
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Ein Interview mit Dr. Bernhard Bauske, Experte für Verpackungen und Meeresmüll beim World Wide Fund for Nature (WWF) Deutschland. 

Herr Dr. Bauske, in jüngster Zeit sehen wir in den Medien wahre Horrorbilder von Plastikmüll am Strand und im Meer – vor allem in Südostasien. Was sind die Hauptursachen?

Nach Schätzungen gelangen jährlich zwischen 4,8 und 12,7 Millionen Tonnen Plastikmüll in die Meere. Der größte Anteil, etwa 80 Prozent des Plastikmülls, kommt von Land. Der Rest stammt aus der Fischerei und von der Schifffahrt. Der Brennpunkt der Problematik liegt in Südostasien. Hier wird am meisten Müll ins Meer eingetragen. Ursachen dafür sind unzureichend funktionierende Abfallwirtschaftssysteme. Teile der Abfälle werden direkt in die Flüsse geworfen oder dorthinein illegal entsorg. Über die Flüsse gelangt der Plastikmüll in die Meere.

Dr. Bernhard Bauske, Experte für Verpackungen und Meeresmüll beim WWF Deutschland
Dr. Bernhard Bauske, Experte für Meeresmüll beim WWF Deutschland privat

Auf der anderen Seite werden spektakuläre Projekte präsentiert, wie man zum Beispiel mit einer riesigen Netzanlage Müll aus dem Pazifik fischen könnte. Ist das die Lösung?

Es wird verschiedentlich versucht, den im Wasser treibenden Müll herauszufischen oder Strände von Müll zu säubern. Solche Aktionen helfen natürlich mit, die Folgen des Meeresmülls zu mindern. Der WWF hält es aber vor allem für sinnvoll, den Eintrag des Mülls an der Quelle zu stoppen. Das bedeutet, neben der Vermeidung von Verpackungen, allen Müll einzusammeln und möglichst viel davon zu recyceln. Es ist zudem zu beachten, dass ein großer Teil des Plastikmülls auf den Meeresboden absinkt und dann nicht mehr abgefischt werden kann. 

Der WWF Deutschland arbeitet an einem Projekt im Mekong Delta. Was machen Sie dort genau?

Vietnam steht an vierter Stelle der Länder, von denen aus der meiste Plastikmüll in die Meere gelangt. Ursache des Eintrags von Meeresmüll aus dem Mekong Delta sind fehlende Kapazitäten zur Abfallentsorgung, also Deponien, Verbrennungsanlagen und Anlagen für Sortierung und Recycling von Müll. Meistens wird der Müll in offenen Haufen in der Landschaft abgelagert, manchmal illegal in die Kanäle entsorgt oder kleine Müllhaufen liegen entlang der Straßenseiten. Damit weniger Müll in die Gewässer des Mekongs gelangt, müssen die vorhandenen Deponien und Verbrennungsanlagen entlastet werden. Den Müll schon auf Haushaltsebene zu trennen, ist hierfür ein wichtiger, hilfreicher Schritt. 

Unternehmen, die verpackte Produkte in Verkehr bringen, sollten auch in Südostasien  Sammlung, Sortierung und Recycling gebrauchter Verpackungen mitfinanzieren.

Dr. Bernhard Bauske, Experte für Verpackungen und Meeresmüll beim WWF Deutschland

So kann vor allem der hohe organische Anteil des Mülls für eine Kompostierung heraussortiert und Plastikabfälle dem Recycling zugeführt werden. In dem Projekt ist es in Zusammenarbeit mit den örtlichen Behörden vorgesehen, die getrennte Sammlung von Haushaltsabfällen zu testen und dieses Modellprojekt auf andere Distrikte und Provinzen zu übertragen. Vor dem Start des Projektes untersuchen wir, inwieweit die getrennten Fraktionen im Markt aufgenommen werden, das heißt welche Absatzkanäle für den Kompost oder andere Wertstoffe existieren und sinnvoll genutzt werden können. Anschließend sollen spezielle Müllkarren mit getrennten Sammelbehältern beschafft werden, um von den Haushalten die einzelnen Wertstofffraktionen getrennt einzusammeln. So fällt deutlich weniger Restmüll an und die so neu geschaffenen Kapazitäten können dafür genutzt werden, die in der Landschaft herumliegenden Müllhaufen zu entfernen.

Im vergangenen Jahr hat der WWF ein Projekt mit dem bengalischen Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus gestartet. Was ist das Ziel dieser Zusammenarbeit?

Projekte zum Thema Abfallwirtschaft sind eng mit sozialen Fragen verknüpft. So bildet das Sammeln von bestimmten alten Verpackungen wie Dosen oder Plastikflaschen für Teile der Bevölkerung eine Einkommensgrundlage. Das muss man bei der Durchführung von Projekten mit berücksichtigen. Für die gemeinsame Initiative mit Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus ist geplant, sich auf einige Regionen in Südostasien zu konzentrieren, um Kleinunternehmern eine Verdienstmöglichkeit zu bieten und das Problem nachhaltig zu adressieren. 

Düstere Prognosen sagen voraus, dass im Jahr 2050 mehr Plastik als Fisch im Meer zu finden ist und fast jeder Meeresvogel Plastik im Magen haben wird. Was muss geschehen, um dieses Szenario zu vermeiden?

Eine der Ursachen für den Eintrag von Plastikmüll in die Meere ist in den fehlenden Strukturen zum Sammeln und Verarbeiten von Abfällen zu suchen. Eine funktionierende Müllabfuhr und Recyclingwirtschaft würde über Vermeidungsmaßnahmen wie ein Verbot von Plastiktüten hinaus weiterhelfen. Leider scheitert dies meist an einer unzureichenden Finanzierung für die notwendigen Investitionen und die laufenden Kosten. Entscheidend ist, dass Unternehmen wie zum Beispiel Konsumgüterhersteller, die verpackte Produkte in Umlauf bringen, im Rahmen einer „Erweiterten Produktverantwortung“ auch in Südostasien Sammlung, Sortierung und Recycling gebrauchter Verpackungen mitfinanzieren, wie es in Deutschland und vielen anderen Europäischen Ländern schon der Fall ist.

Interview: Martin Orth

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