Absatzrekorde und Zukunftspläne

Die deutschen Autobauer in den USA arbeiten intensiv an neuen Standorten und Modellen.

Anfang 2015 rollten die Bagger. „Jetzt geht’s los mit Chattanooga’s Betriebsausbau“ meldete stolz der Bauherr, die Volkswagen Group of America. Es ist ein ehrgeiziges Projekt: Das erst 2011 eröffnete Werk in Tennessee wird um fast 50 000 Quadratmeter erweitert, eine zweite Produktionslinie eingerichtet. Schon Ende 2016 sollen dort neben dem Modell Passat auch Geländewagen des Typs Cross Blue vom Band laufen.

VW ist nicht der einzige deutsche Autobauer, der in den USA expandiert: BMW erweitert für eine Milliarde Dollar sein Werk in Spartanburg (South Carolina). Es wird die weltweit größte Produktionsstätte des Münchner Unternehmens – bis zu 450 000 Fahrzeuge können dort bald produziert werden. Der designierte neue BMW-Chef Harald Krüger nennt die Vereinigten Staaten „unser zweites Zuhause“. Mercedes-Benz wiederum, seit 1997 in Alabama, verlagert einen Teil der Produktion zu einer Partnerfirma in Indiana – damit im Stammwerk in Tuscaloosa mehr Geländewagen produziert werden können. „Wir benötigen dort alle verfügbaren Kapazitäten für dieses Segment“, sagt Werksleiter Jason Hoff.

Der Markt jenseits des Atlantiks ist für die deutsche Automobilindustrie wichtiger denn je. Während Europas Konjunktur schwächelt und das stürmische Wachstum in China nachlässt, geht es im Autoland USA aufwärts. Angesichts der großen Finanzkrise hatten die Amerikaner Autokäufe zurückgestellt – entsprechend hoch ist jetzt der Nachholbedarf. Die Wirtschaft soll 2015 um rund drei Prozent wachsen, das hebt die Einkommen. Vor allem aber entlastet der niedrige Ölpreis die Budgets und macht zugleich das Fahren billiger.

Schon 2014 schrieben BMW, Mercedes und Audi neue Rekorde in den USA. Von den rund 16,4 Millionen Neuwagen, die dort im vergangenen Jahr zugelassen wurden, kamen 1,4 Millionen von deutschen Herstellern. Stark sind sie vor allem bei Limousinen: Anspruchsvolle Technik, zuverlässige Verarbeitung, PS-stark und trotzdem umweltfreundlich – das gute Image von „German Engineering“ zahlt sich in dem Bereich besonders aus.

Viel stärker als der Markt für Pkw wächst allerdings der für Geländewagen, Vans und Pickups – und da wollen die Deutschen noch besser werden. Zwar haben sie ihren Absatz bei den sogenannten Light Trucks seit 2010 fast verdoppelt, auf rund 400 000 Autos. Doch allein Ford verkauft in seiner F-Serie jährlich 750 000 Pickups. Die wieder erwachte Liebe der Amerikaner zu großen Autos ist auch ein Grund dafür, dass Volkswagen, die meistverkaufte deutsche Marke in den USA, 2014 einen Absatzrückgang um zehn Prozent auf 367 000 Fahrzeuge hinnehmen musste. Denn außer dem aus Wolfsburg importierten Tiguan hatte VW in dem Segment nicht viel zu bieten.

Das soll sich ändern. Mindestens drei neue Geländewagen will Volkswagen künftig in Nordamerika produzieren, darunter einen mit sieben Sitzen. Den Anfang macht 2016 der Cross Blue. „Dieser neue mittelgroße SUV ist eine entscheidende Komponente für unsere Wachstumsstrategie in den USA“, sagt Michael Horn, CEO von Volkswagen Amerika. Auch BMW baut seine in Spartanburg produzierte X-Familie weiter aus, unter anderem mit dem neuen großen X7. Und Mercedes hat 2015 zum „Jahr des SUV“ erklärt. Das Unternehmen überholt ebenfalls seine Modellpalette und bringt im Sommer neu den GLE Coupé.

Die Branche hofft zudem auf Rückenwind durch das Freihandelsabkommen TTIP, das zwischen der Europäischen Union und den Vereinigten Staaten verhandelt wird. In einer einmaligen Aktion warben Ende Januar die Vorstandschefs von Daimler bis Porsche gemeinsam für den umstrittenen Vertrag. „Es ist bisher nicht möglich, ein in Europa zugelassenes Auto einfach in den USA zuzulassen. Das passt nicht mehr in die Zeit“, kritisierte Audi-Chef Rupert Stadler.

Zölle abbauen und technische Standards vereinheitlichen oder gegenseitig anerkennen, das ist für die exportstarken Autobauer besonders wichtig: Fast die Hälfte der Fahrzeuge, die sie in den USA verkaufen, werden derzeit noch in Deutschland produziert. Zollsätze von bis zu 25 Prozent, Doppelentwicklungen für Rückspiegel und Stoßdämpfer – das verteuert die Produkte unnötig. VW wird den für Amerika bestimmten Tiguan deshalb künftig wohl in Mexiko produzieren. Mercedes-Benz hat entschieden, in Charleston (South Carolina) ein zusätzliches Werk für den Sprinter zu errichten, nachdem der Absatz des Kleintransporters in Nordamerika 2014 um fast zehn Prozent gestiegen war. Bisher werden die Autos in Deutschland hergestellt, wieder zerlegt und in Charleston remontiert, um Zollgebühren zu sparen.

Anstatt sich mit Bürokratie zu beschäftigen, möchten die Autohersteller ihre Ressourcen lieber in die Digitalisierung stecken. Im Januar 2015, auf der Elektronikmesse CES in Las Vegas, stellten VW, BMW und Mercedes Konzepte vor, wie sich Displays im Auto ganz bequem mit Gesten steuern lassen. „Die deutsche Automobilindustrie erhebt den Anspruch, auch bei diesem Thema im ‚driver‘s seat’ zu sein“, sagt Matthias Wissmann, Präsident des Verbandes der Automobilindustrie (VDA).