„Ein enormer 
Bedeutungsschub“

Das Interesse an der deutschen Sprache ist in China so stark gestiegen wie in kaum einem anderen Land. Ein Interview mit Peter Anders, Länderdirektor des Goethe-Instituts China.

Herr Anders, in China steigen die Zahlen der Deutschlerner so stark wie in kaum einem anderen Land. Worauf führen Sie das zurück?

Der Anstieg der Deutschlernerzahlen geht einher mit dem Bestreben vieler chinesischer Universitätsabsolventen, ein Studium in Deutschland aufzunehmen. Ein weiterer Grund ist die wachsende Bedeutung der Kenntnis von Fremdsprachen neben Englisch, die im zunehmend angespannten Arbeitsmarkt für chinesische Hochschulabsolventen die Aussichten auf einen erfolgsversprechenden Arbeitsplatz erhöhen.

Allein im Hochschulbereich liegt der Anstieg seit 2010 bei 24 Prozent. Was sind das für Studierende? Und wie sehen die absoluten Zahlen aus?

Landesweit ist ein großer Anstieg an Abteilungen für Germanistik zu verzeichnen. Hier studieren vor allem junge Menschen, die später als Lehrkraft oder bei einer deutschen Firma arbeiten wollen. Mittlerweile studieren 22000 Studentinnen und Studenten Germanistik.

In China gilt Deutschland inzwischen als wichtigstes nicht-englischsprachiges Studienland. Wie viele Chinesen studieren in Deutschland? Und wie viele legten zuletzt den TestDaF ab, den Sprachnachweis für den Zugang zu deutschen Hochschulen?

Hier leisten unsere Kollegen und Kolleginnen vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) sowie dem TestDaF-Institut hervorragende Arbeit: Wir zählen aktuell fast 26000 chinesische Studierende in Deutschland bei etwa 9000 TestDaF-Prüfungen im vergangenen Jahr.

Was studieren die jungen Chinesen in Deutschland? Und welche Berufswege schlagen sie ein?

Ein großer Anteil der chinesischen Studierenden in Deutschland entscheidet sich für ein ingenieurwissenschaftliches Fach beziehungsweise für Wirtschaftswissenschaften. Aber auch der Anteil von Studierenden, die sich für Design, Architektur, Musik oder die Künste entscheidet, ist nicht gering. Obwohl es keine Studie zu den Rückkehrern gibt, kann man davon ausgehen, dass ein Großteil entweder in Firmen in China mit deutscher Beteiligung, im Bildungswesen oder in einer staatlichen chinesischen Behörde unterkommt.

Wie entwickeln sich die Deutschlerner-Zahlen an den Schulen? Und wie sieht es in der Erwachsenbildung aus?

Dank der PASCH-Initiative des Auswärtigen Amtes kann das Goethe-Institut die Etablierung von Deutsch als Unterrichtsfach an Schulen seit 2008 mit einem umfangreichen Angebot unterstützen. Mittlerweile lernen 12000 Schülerinnen und Schüler an 123 Schulen Deutsch. Das wichtigste Ziel des Goethe-Instituts ist die langfristige Verankerung des Fachs im Bildungssystem. Dies wird unter anderem durch Maßnahmen für Lehrkräfte wie Fortbildungen und Stipendien, sowie durch Wettbewerbe und Kulturveranstaltungen für Schülerinnen und Schüler gefördert. In der Erwachsenenbildung wächst die Zahl der Lernenden ebenfalls, auch hier spielt Deutschland als Studienstandort eine herausragende Rolle bei der Motivation für den Spracherwerb. Ein nicht unerheblicher Anteil an Lernenden lernt aber auch im Rahmen des Ehegattennachzugs Deutsch.

Mit den Goethe-Instituten und Sprachlernzentren sind Sie ganz nah dran an den Deutschlernern. Welches spezielle Interesse haben junge Chinesen an der deutschen Kultur?

Viele junge Chinesen interessieren sich für die deutsche Wirtschaft und Qualitätsprodukte renommierter deutscher Firmen. Natürlich gilt ihr Interesse aber auch dem deutschen Fußball und allgemein dem Leben in Deutschland – schließlich wollen viele dort einige Jahre leben. Wenn man aber noch über diese Stereotypen hinaus geht, dann sind Themen wie Grafikdesign, Architektur, deutsche Malerei des 20. Jahrhunderts, deutsche Philosophie und die politischen Theorien von Karl Marx und Jürgen Habermas von regelmäßigem Interesse.

Ende August 2015 fand an der Tongji-Universität der Kongress der Internationalen Vereinigung für Germanistik statt. Der Professor für Germanistik und Dekan der Deutschen Fakultät an der Tongji-Universität Jianhua Zhu ist Präsident dieser Vereinigung. Welche Entwicklung hat die Germanistik in China genommen, wie ist ihr Stellenwert heute?

Den zahlenmäßigen Sprung nach vorn habe ich schon erwähnt. Darüber hinaus ist das Themenspektrum stark erweitert. Dass der diesjährige Weltkongress der Germanistik in Shanghai stattfand, hat dem Fach im Land einen weiteren enormen Bedeutungsschub verliehen, den wir nun nicht enttäuschen dürfen. ▪

Interview: Martin Orth