Eine Chance für die Jugend

Den Einstieg in die Berufswelt erleichtern – das ist Ziel der dualen Ausbilung. Ein Projekt des BMBF beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) bringt Firmen in ganz Europa das Modell näher

Meine Freunde wundern sich immer, dass ich so oft in der Firma bin und nicht wie sie die ganze Zeit in der Schule sitze“, erzählt Kristīne Tiša­nova und lacht. Die 19-Jährige lässt sich bei dem Logistik- und Transportunternehmen Kühne + ­Nagel in Riga zur Disponentin ausbilden und geht damit einen für junge Letten ungewöhnlichen Weg. Während ihre Freunde für ihren Berufsabschluss tagtäglich in Klassenräumen sitzen, hat sie sich für eine duale Ausbildung entschieden, die intensive Praxiserfahrung beinhaltet. Neben dem Besuch einer Berufsschule an drei Tagen in der Woche arbeitet sie an den beiden anderen Tagen in ihrer Firma.

Diese in Deutschland übliche Form der Ausbildung ist für Lettland neu: Kristīne Tišanova ist eine der ersten Auszubildenden, die im Herbst 2015 mit einem entsprechenden Programm begonnen haben. Aktuell ist sie im Vertrieb tätig. Sie beschäftigt sich unter anderem mit Management und Logistik und ist in direktem Kundenkontakt. „Ich bin froh, dass ich meine Kollegen so viel fragen kann und von ihren Erfahrungen lerne“, erzählt sie. „Und ich merke dadurch viel eher als durch Bücher, ob dieser Beruf wirklich das ist, was ich machen will.“ Ihre Berufsausbildung basiert auf dem Projekt VETnet, kurz für „German Chambers worldwide network for cooperative, work-based Vocational Education and Training“. Auf derzeit zwei Kontinenten und in derzeit neun Ländern arbeiten Deutsche Auslandshandelskammern (AHKs) und Delegationen der Deutschen Wirtschaft daran, solche Berufsausbildungen in Pilotprojekten aufzubauen. In Europa gibt es neben Lettland auch in der Slowakei, in Portugal, in Italien und in Griechenland Projekte. Gefördert wird VETnet durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF).

Ein wichtiges Ziel: Die Initiative will einen Beitrag zur Senkung der Jugendarbeitslosigkeit in Europa leis­ten. In vielen europäischen Ländern führt der Weg zum Beruf oft über eine Hochschule oder über eine weniger spezialisierte Praxisausbildung. „Wir wollen mit den AHKs durch duale berufliche Bildung einen alternativen Weg aufzeigen und damit an Ort und Stelle Fachkräfte nachhaltig sichern“, sagt Ramona Neuse, Projektleiterin von VETnet beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK). Die werden dringender gebraucht denn je. Lettland beispielsweise ist einer der wichtigsten Verkehrsknotenpunkte im baltischen Raum; entsprechend gefragt ist in Transport und Logistik ausgebildetes Fachpersonal. In enger Abstimmung mit dem lettischen Bildungsministerium wurden über das Pilotprojekt von VETnet erste junge Fachkräfte wie Kristīne Tišanova für international tätige Speditionen gewonnen, ebenso waren von Anfang an zwei Berufsschulen involviert und das staatliche Zentrum für Bildungsinhalte. „Wir wollen ja nicht eine duale Ausbildung ‚made in Germany’ eins zu eins in den Ländern implementieren“, sagt Ramona Neuse. „Das geht nicht per ‚copy and paste’, sondern man muss sich ganz konkret die Situation in der Region und die jeweiligen Bedürfnisse der Partner anschauen.“

Rund 3000 Auszubildende sind bisher über VETnet in das Berufsleben gestartet, in kleinen Betrieben von weniger als zehn Mitarbeitern, aber auch in mittelständischen und großen Firmen. Es beteiligen sich einheimische Unternehmen genauso wie interna­tionale. Dazu gehört auch der Schuhfertiger Gabor in Banovce nad Bebravou in der Slowakei, ein Tochterunternehmen der deutschen Marke Gabor Shoes. Geschäftsführer Juraj Vodička sieht, wie schwer es ist, Jugendliche in der Slowakei für diesen Beruf zu gewinnen – dabei werden sie in einem Unternehmen wie seinem dringend gebraucht. „Wir müssen viel Marketing machen, um sie zu überzeugen, dass diese Berufe Zukunft haben.“ Auch hier setzt man ab Herbst auf die duale Ausbildung: drei Jahre für Schuhfertiger, vier Jahre für Techniker. Für den theoretischen Unterricht werden sie zwei Wochen im Monat in einer Schulklasse unterrichtet, in der restlichen Zeit bilden zwei Meisterinnen sie im Werk praktisch aus. Das bedeutet deutlich mehr Praxiserfahrung, als in den bisherigen Ausbildungswegen vorgesehen – hier arbeiten die Azubis nur in Schulwerkstätten und zwei bis drei Wochen in einem Betrieb.

Vodička kann ihnen im Anschluss eine Arbeitsstelle in seinem Werk anbieten – das ist viel wert in einem Land, in dem die Jugendarbeitslosigkeit bei 30 Prozent liegt. Jeder Absolvent erhält ein internationales Zertifikat, das ihm auch europaweit Jobchancen verspricht. Mittlerweile unterstützt die slowakische Regierung mit einer Gesetzesreform das duale Ausbildungssys­tem. Stefanos Agiasoglou, Präsident des griechischen Schienenwartungsunternehmens EESSTY, erhofft sich eine ähnliche Entwicklung für sein Land. In seinem Unternehmen gehen viele Facharbeiter bald in Rente: „Wir haben sehr erfahrene Techniker und Ingenieure. Ihr Know-how geht aber verloren, wenn wir es jetzt nicht an die jüngere Generation weitergeben“, sagt er. Zwar gibt es in Griechenland bereits eine duale Berufsausbildung, doch hat sie sich noch nicht durchgesetzt.

In Kooperation zwischen deutscher und griechischer Handelskammer sowie dem OAED, einem staatlich anerkannten Berufsausbilder in Griechenland, und nicht zuletzt in engem Austausch mit der Deutschen Bahn hat man für EESSTY ein neues Berufsbildungsprogramm entwickelt. Noch wartet Stefanos Agiasoglou auf die nötige Entscheidung aus dem Arbeitsministerium, bevor es losgehen kann. Dabei hofft er auf mehr als auf neue Fachkräfte allein für EESSTY. „Es geht dabei nicht nur um unsere eigene strategische Planung“, sagt er. „Ein solches Pilotprojekt könnte zum Modell für andere Schwerindustrien in Griechenland werden.“ ▪