Workshops für den Kulturerhalt

In zwei Programmen des Deutschen Archäologischen Instituts lernen Kinder und Erwachsene in Jordanien wie sie Kultur bewahren können. Auch für Flüchtlinge aus Syrien bieten die Kurse eine Chance.

Ein paar Kenntnisse über die Arbeit eines Steinmetzes hatte Malik Yousrf Hama schon, bevor er mit seiner Familie nach Jordanien kam. Schließlich arbeitete er vor seiner Flucht als Fliesenleger in Syrien. Doch zu lernen gibt es immer noch genug für ihn: Wie bearbeite ich einen Stein? Wie übertrage ich einen Winkel? Welches Eisen benutze ich für Kalkstein, welches für Basalt? Sechs Wochen hat der 29-Jährige Zeit, um sich alles zu merken und es auszuprobieren. Wenn er etwas nicht verstanden hat, fragt er die Steinmetze André Gravert und Tobias Horn aus Deutschland, die für die Ausbildung von Handwerkern wie Malik Yousrf Hama nach Umm-Qays im Norden Jordaniens gekommen sind. Viermal sechs Wochen lang wird die Fortbildung für ihn dauern. Dann, wenn alles vorbei ist – und damit meint er nicht nur seinen Kurs, sondern auch den Krieg in Syrien – will er zurückkehren. „Ich will meinen Leuten beibringen, was ich hier in Jordanien gelernt habe, damit wir unsere Häuser und unser Land wieder aufbauen können“, sagt er.

Wenn Claudia Bührig das hört, lächelt sie. Die Bauforscherin des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI) hat das Programm für Steinmetze zusammen mit ihrem Kollegen, dem Experimentalarchäologen Frank Andraschko vom Institut für Archäologie der Universität Hamburg, und lokalen Partnern entworfen. Ziel ist es, jordanische und syrische Handwerker in traditionellen Steinmetztechniken zu schulen. „Wir wollen damit das Bewusstsein für antike Monumente und historische Gebäude schärfen, aber auch dabei helfen, dass die Teilnehmer eine gute Ausbildung erhalten. Das wird es ihnen hoffentlich erleichtern, einen Job zu finden“, sagt Bauforscherin Bührig. Denn Arbeit an archäologischen Stätten oder auf dem Bau gibt es in Nordjordanien genug. Seit 50 Jahren graben deutsche, jordanische und internationale Archäologen nahe der syrischen Grenze in der Kleinstadt Umm-Qays. Sie beherbergt die Stätte der 2000 Jahre alten, hellenistisch-römischen Stadtanlage Gadara. Dort brauchen die Experten Handwerker, die unter anderem das Westtheater der alten Stadt sichern und konservieren. „Wir haben natürlich auch ein eigenes Interesse an dem Programm, denn wir bilden damit perspektivisch unsere eigenen Mitarbeiter aus“, sagt Bührig. Viele der mittlerweile 750.000 Flüchtlinge in Jordanien und auch die Jordanier selbst suchen nach Arbeit. Da schadet eine Fortbildung im Handwerk nicht.

Das kulturelle Erbe des Landes zu kennen, ist aber nicht nur für Erwachsene wichtig, sondern vor allem auch für Kinder. Deshalb haben Bührig und Andraschko gemeinsam mit Partnern in Jordanien noch ein zweites Programm entwickelt. In einem Workshop zu Kulturerhalt und Naturschutz lernen Eltern, Museumsmitarbeiter, Journalisten, Lehrer und Touristenführer, wie sie Kindern die Geschichte ihres Landes näherbringen können. Die Kleinen sollen verstehen, wo sie herkommen und wie ihr Dorf und das Leben ihrer Vorfahren früher aussahen. Trainer bringen Kindern aus der örtlichen Grundschule bei, mit Pfeil und Bogen zu schießen, Perlen aus Ton zu brennen und wie ihre Vorfahren Feuer zu machen. An dem Kurs nimmt auch der Jordanier Khaled Yahia Alsayah teil. „Die Kinder haben so viel Spaß daran, in der Natur zu sein oder ins Museum zu gehen“, sagt der 48-Jährige. Wir bringen ihnen bei, wie wichtig es ist, unser Erbe zu bewahren. Es ist schließlich das Einzige, was wir haben.“

Bedarf an dem praktischen Geschichtsunterricht hätten die Einheimischen auf jeden Fall, sagt der Archäologe Andraschko. „Die Lehrer in den Schulen unterrichten wenig Geschichte, deshalb kennen die Kinder meist nur das, was ihre Eltern ihnen über den Ort erzählen.“ Doch Erinnerungen werden verklärt und alles, was älter ist als 100 Jahre, kennen die Familien nicht mehr. „Es ist für Erwachsene und Kinder spannend, wenn sie dann mal ein wirklich altes Objekt wie eine römische Wasserleitung anfassen können und nicht nur in einer Glasvitrine sehen“, sagt Andraschko. Das Programm soll die eigene Identität stärken und den Kindern helfen, sich zu verorten. Denn was für die Archäologen in den historischen Stätten ein Ausflug in die Geschichte der Menschheit ist, ist für die Einheimischen vor allem eine Verlustgeschichte. In den 1980er-Jahren mussten viele von ihnen ihre Häuser verlassen, weil die antike Stadt unter Denkmalschutz gestellt wurde und Archäologen anfingen zu graben. Auch diese bittere Erfahrung soll in dem Kurs aufgearbeitet werden. „Wir Wissenschaftler müssen uns auch ankreiden, dass damals zu wenig erklärt wurde, was wir hier machen und wonach wir suchen. Jetzt müssen wir es angehen, unsere Ergebnisse nicht nur in wissenschaftlichen Artikeln zu präsentieren, sondern für die lokale Bevölkerung verständlich zu erklären“, sagt Andraschko.

In beiden Programmen, die das Auswärtige Amt finanziert, kommen knapp ein Drittel der Teilnehmer aus Syrien. „Die Grenzen zwischen den Ländern sind fließend. Viele der Flüchtlinge kommen bei Verwandten in Jordanien unter“, sagt Bauforscherin Bührig. Viele Syrer hätten gerade bei der Bearbeitung von Stein bessere Vorkenntnisse als die Jordanier, da das Handwerk dort eine längere Tradition habe. Und nicht nur für die Männer im Dorf, sondern gerade auch für die Frauen bietet die Fortbildung für die Kurse mit Kindern eine Chance. „Die Syrer bleiben gewöhnlich eher unter sich und leben isoliert. Das Programm bietet ihnen einen Zugang zur Dorfgesellschaft“, sagt Bührig. „Viele Frauen kommen hier erstmals mit ihren jordanischen Nachbarinnen zusammen und tauschen sich aus.“

Gelingt es den beiden Programmen in den nächsten Jahren, dass die Syrer in Jordaniens Gesellschaft Fuß fassen, dann hätten die Kurse nicht nur etwas für die Identifikation und die Bewahrung des gemeinsamen kulturellen Erbes getan, sondern auch für die Integration eines vertriebenen Volkes bei seinen Nachbarn. ▪

Eva Lindner