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Ein Seismograf zeichnet Kurven auf.
Pınar Büyükakpınar war schon im Studium fasziniert von Seismologie. © Adobestock/E.Rocka

Dem Beben auf der Spur

Pınar Büyükakpınarforscht in Deutschland zu Erdbeben – und hat dabei auch ihre türkische Heimat im Blick. 

20.08.2026Johannes_GöbelInterview: Johannes Göbel

Frau Dr. Büyükakpınar, woher rührt Ihr Interesse an Erdbeben?

Die Erdbebengefahr ist sowohl in meiner Geburtsstadt Istanbul als auch in meinem Heimatland Türkei insgesamt groß. Als Kind habe ich 1999 das verheerende Erdbeben am Golf von İzmit mit über 18.000 Todesopfern mitbekommen. Ich habe mich für ein Geophysik-Studium entschieden und war dort vom Schwerpunkt Seismologie besonders fasziniert. Ich wollte den Ursachen von Erdbeben auf den Grund gehen. 

Pınar Büyükakpınar steht in einer Landschaft mit Bergen.
Pınar Büyükakpınar forscht mit Blick auf Europa und Asien. © privat

Die Türkei und Deutschland sind in der Erdbebenforschung seit Jahrzehnten eng verbunden. Was hat Sie nach Deutschland geführt?

2017, während meiner Promotion, kam ich durch einen von der UNESCO und dem Auswärtigen Amt unterstützten internationalen Trainingskurs zu Seismologie, Gefahrenbewertung und Risikominderung an das GFZ Helmholtz-Zentrum für Geoforschung in Potsdam. Der Kurs ist Teil des Aus- und Weiterbildungsprogramms der UNESCO im Bereich Geowissenschaften und Katastrophenvorsorge und verbindet theoretische Grundlagen mit praktischer Ausbildung in angewandter Seismologie. Mit Unterstützung des Auswärtigen Amts bringt er Geowissenschaftler aus verschiedenen Teilen der Welt zusammen, die in den Bereichen seismische Überwachung, Datenanalyse und Gefahrenbewertung tätig sind. Ich konnte führende Seismologen treffen, einen Eindruck von der Stärke der deutschen Forschungslandschaft gewinnen und internationale Kontakte knüpfen, die wichtig für meine weitere Laufbahn waren.

Wie ging es danach für Sie weiter?

Der Kontakt zu Deutschland blieb bestehen:  Ich kehrte als Gastwissenschaftlerin nach Potsdam zurück, mit weiterer Förderung durch das GFZ und das Auswärtige Amt. Dort arbeitete ich unter anderem zur durch Wasserdruck ausgelösten Erdbebenaktivität am Atatürk-Staudamm am Euphrat.

Motivierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler finden in Deutschland die notwendigen Ressourcen, um ambitionierte Ziele zu erreichen.
Pınar Büyükakpınar, Erdbebenforscherin

Was schätzen Sie an der deutschen Forschungslandschaft?

Die Forschungsinfrastruktur ist stark ausgebaut – und es gibt langfristige Unterstützung für wissenschaftliche Projekte. Motivierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler finden in Deutschland die notwendigen Ressourcen, um ambitionierte Ziele zu erreichen. Zugleich schätze ich die Kreativität und den Enthusiasmus in der türkischen Forschungslandschaft. Internationaler Austausch ist aus meiner Sicht der Schlüssel zum Erfolg. Bis heute empfinde ich es als sehr bereichernd, dass ich mein gewohntes Arbeitsumfeld in der Türkei hinter mir gelassen und mich gegenüber neuen Perspektiven in Deutschland geöffnet habe – und dabei gleichzeitig enge wissenschaftliche Kooperationen mit Kolleginnen und Kollegen in der Türkei aufrechterhalte.

An was arbeiten Sie aktuell?

Ich leite das auf drei Jahre angelegte Forschungsprojekt CHASING, das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert wird. Mit dem Projekt versuchen wir zu erklären, warum es im Egergraben, der sich über das Vogtland im Südosten Deutschlands und den Nordwesten Tschechiens erstreckt, zu Erdbebenschwärmen kommt. Erdbebenschwärme bestehen aus vielen Erdbeben ähnlicher Stärke, im Gegensatz zu typischen Erdbebensequenzen, die durch ein großes Erdbeben gekennzeichnet sind, auf das kleinere Nachbeben folgen. Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass durch die Erdkruste wandernde Flüssigkeiten den Porendruck erhöhen und Verwerfungen auslösen können, was zu solchen Schwärmen führt. Neben CHASING habe ich ELISE initiiert und fungiere dort als wissenschaftliche Koordinatorin – ein großes internationales seismisches Experiment mit rund 300 Messstationen im Egergraben. Ein derart dichtes Netzwerk ermöglicht es, kleine Erdbeben detailliert zu untersuchen.

Gibt es Verbindungen zwischen dieser Forschungsarbeit und der Erdbebenaktivität in der Türkei?

Ähnliche Wechselwirkungen wie im Egergraben könnten auch in Westanatolien auftreten, was einen Vergleich der beiden Regionen besonders interessant macht. Die meisten Schwarmbeben fallen eher kleiner aus, aber ihre Untersuchung kann Aufschluss über die Wanderung von Flüssigkeiten durch die Erdkruste und die Entwicklung der seismischen Aktivität geben.

Sie sind auch Mitglied im Koordinierungsausschuss der kürzlich gegründeten TopoAsia-Initiative. Welches Ziel verfolgen Sie mit dieser internationalen Kooperationsplattform?

TopoAsia ist der kurze Name der internationalen Initiative „Advancing a Four Dimensional Understanding of Asia’s Dynamic Earth“, die Geowissenschaftler über Disziplinen und Landesgrenzen hinweg zusammenbringt. Ihr Ziel ist es, die kontinuierliche Entwicklung der Topografie Asiens zu verstehen, von der Plattentektonik bis hin zu Oberflächenprozessen und Wechselwirkungen mit dem Klima. Ich gehöre zu den Nachwuchswissenschaftlern im Koordinierungsausschuss und arbeite dort mit vielen sehr erfahrenen Kollegen zusammen. Ich möchte zu einem umfassenderen Verständnis der asiatischen Geodynamik und topografischen Entwicklung beitragen und eine Perspektive einbringen, die Beobachtungen aus Anatolien, Zentralasien und Ostasien miteinander verknüpft, insbesondere durch meine Arbeit zu Tektonik, Magmatismus und Erdbebenschwärmen.