Fürs Studium gekommen, für die Balance geblieben

Eigentlich kam ich nach Deutschland mit einem Erasmus-Stipendium, aber ich finde mich in Bayreuth wieder. Nun fange ich ein neues Leben an.

Fürs Studium gekommen
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Den Bachelor in Germanistik und Anglistik hat Daniela Roșescu bereits in der Tasche. Mit einem Erasmsus-Stipendium ist die Rumänin von der Universität Bukarest nach Bayreuth gekommen und bereitet dort ihren Neustart vor. Im Interview verrät sie, warum Deutschland ihre neue Heimat geworden ist.

Daniela, Du bist schon seit mehreren Monaten in Bayreuth. Warum hast Du Dich für Deutschland entschieden?
Eigentlich kam ich nach Deutschland mit einem Erasmus-Stipendium, aber ich finde mich in Bayreuth wieder. Daher habe ich mich entschieden, mein Studium hier zu beenden und ein neues Leben anzufangen. Es gibt viele ausländische Migranten in der Stadt und sie fühlen sich hier willkommen und unterstüzt. Bayreuth ist auch Aufnahmezentrum für Flüchtlinge aus Afghanistan und Syrien.

In Deutschland wird gerade wild über Flüchtlinge diskutiert. Wie empfindest Du diese Diskussion? Ärgert es Dich, dass Flüchtlinge auf denselben Arbeitsmarkt drängen oder bist Du froh, dass Dein neues Heimatland sich um diese Menschen kümmert?
Ich bin eine offene Person und habe keine Fremdenangst. Ich akzeptiere alle meine Mitmenschen, da jeder seinen eigenen Weg hat. Wer Vorurteile und Fremdenangst hat, sollte lieber etwas über Interkulturalität lesen.

Wie interagierst Du mit den anderen Migranten? Hast Du in der Gesellschaft eine gewisse Trennung zwischen Deutschen und Menschen, die nach Deutschland gekommen sind, wahrgenommen?
Meiner Meinung nach gibt es keine. Ich fühle mich hier integrierter als in Rumänien. Ich fühle mich hier immer willkommen: am Arbeitsplatz, bei den Kindern, die ich manchmal betreue, im Verein der Tutoren, im Sportverein.  Ich glaube, das hängt von jeder Person ab, von dem Willen, sich anzupassen. Die Interaktion mit den anderen Migranten läuft gut.

Was hat Dich überzeugt, in Bayreuth weiter zu studieren?
Die Bibliothek, die Universität, die Technik, die Gesellschaft, die Freiheit und mein Freund. Die Chance, am Wochenende in einem Minijob zu arbeiten, der mir aber gleichzeitig erlaubt, in Ruhe zu studieren – ohne, dass ich mir ständig Sorgen machen muss, wie ich mein Studium finanziere. Viele Studierende haben hier Minijobs, hier ist es keine Schande im Service zu arbeiten oder als Reinigungskraft.

Was fehlt einem Studierenden in Rumänien Deiner Meinung nach?
Große, gut ausgestattete Bibliotheken und richtige Jobs, um das Studium und das Leben balancieren zu können. Viele haben keine Mittel, das Studium zu finanzieren. Vielleicht würde auch ein Fördersystem (wie das BAföG) den Studierenden helfen, sich auf das Studium zu konzentrieren.

Sind studentische Nebenjobs in Rumänien automatisch mit einem Status-Verlust verbunden? Falls ja, wie finanzieren die Menschen dort ihr Studium?
In Rumänien gibt es leider viel zu wenige oder sogar keine studentischen Nebenjobs. Entweder arbeiten die Studierenden in Teilzeit oder Vollzeit, also mindestens vier Stunden pro Tag oder sie bekommen Geld von den Eltern. In Deutschland hingegen arbeiten Studenten nur zehn Stunden in der Woche.

Wie könnte man am besten eine Balance zwischen Studium, Job und Freizeit finden?
In Deutschland sind das Studium und viele Minijobs so konzipiert, dass Studierende auch ihre Freizeit genießen können. Ich arbeite zum Beispiel nur zwei Abende, jeweils am Wochenende. Das erlaubt mir, meine Lektionen für die Uni vorzubereiten, aber auch meine Freizeit mit den FreundInnen zu genießen. Freizeit, Job und Studium sind in meinem Fall ganz gut miteinander zu vereinbaren.

Stelle Dir vor, etwas Unvorstellbares würde in Rumänien passieren und Du würdest so bald wie möglich nach Bukarest zurückkehren. Was wäre das?
Leider kann ich mir im Moment nicht vorstellen, zurückzukehren –  höchstens zu Besuch. Die Politik muss sich radikal verändern, wir müssen endlich lernen, normal zu funktionieren, als Land und als Individuen. Schluss mit dem Hass zwischen Schülern, Arbeitern und Kollegen, mit der unnötigen Konkurrenz um Noten oder Geld, mit den Bestechungen in allerlei Domänen – zum Beispiel bei den Ärzten und Krankenschwestern im Krankenhaus. Von nun an müsste das Land nur mit Menschen funktionieren, die moralisch integer und kompetent sind.

Wo fühlst Du Dich am wohlsten und warum?
In Bayreuth. Die Gesellschaft und die Menschen sind anders. Und hier funktioniert alles – im Großen, wie im Kleinen: von der Stadtverwaltung, den Gesprächen mit den Menschen, dem Respekt der Busfahrer, bis zu den Kursen an der Universität. Man muss niemanden bestechen, um seine Rechte zu bekommen. Alle sind nett und lächelnd helfen dir.

Welche Empfehlungen hättest Du vor der Ankunft in Deutschland bekommen wollen?
Dass der Papierkram unendlich lange dauern kann. Jede oder jeder, die/ der nach Deutschland kommt, muss darauf vorbereitet sein, dass die Bearbeitung von Dokumenten viel Zeit in Anspruch nehmen kann. Ansonsten kann ich mich über nichts beklagen: Alles läuft hier besser als erwartet, besser als in Rumänien.

Wie hat sich Dein Lebensstandard verändert?
Zum Besseren: Ich habe Unmengen von Büchern, einen Job als Tutorin in der Wohnanlage, in der ich zurzeit wohne, und einen im Restaurant, einen Freund aus Afghanistan und meinen Niederländisch-Kurs. Gleichzeitig bin ich Mitglied des Deutsch-Rumänischen Vereins, der die Integration in Bayreuth fördert. Im stärksten Land Europas muss man sich gut fühlen, oder?

Du hast uns erzählt, wie viel Deutschland Dir gegeben hat. Die Frage wäre jetzt, was Du Deutschland anbieten kannst. Welche Fähigkeiten und Ideen bringst Du mit, um Deutschland zu einem noch besseren Ort zu machen?
Im Moment studiere ich noch, deswegen kann ich zurzeit Deutschland nur mein Wissen geben. Für die Zukunft hätte ich aber schon einige Pläne.

Wie stellst Du Dir Deine Zukunft vor?
Ich möchte bei einem Verlag oder in einer Buchhandlung arbeiten, mit meinem Freund reisen und eine Familie gründen. Dank meiner Leidenschaft für Kaffee würde ich vielleicht ein Café eröffnen.

Dieser Text stammt aus dem Projekt FOKUS pe GERMANA. Journalist*innen aus Deutschland und Rumänien setzen sich im Rahmen dieses Projekts mit Themen, Problemen und Prozessen auseinander, die die Zukunft gestalten und definieren werden.“