Gendern: Wie gerecht ist die deutsche Sprache?

Gleichberechtigung oder unnötiger Aufwand? Wie Initiativen in Deutschland sich für eine gendergerechte Sprache einsetzen – und auf welche Vorbehalte sie treffen.

Vielfalt bereichert, auch die Sprache
Vielfalt bereichert, auch die Sprache fizkes/shutterstock
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Die Linguistik ist eine Wissenschaft, die selten im Mittelpunkt steht. Doch seit einigen Jahren flammt in Deutschland immer wieder eine teils hitzige Diskussion darüber auf, wie die deutsche Sprache gerechter werden kann – und ob das überhaupt sein muss. Dabei geht es nicht nur um Befindlichkeiten, sondern auch um Sprachwissenschaft.

Hauptstreitpunkt im Ringen um ein gerechteres Deutsch ist der grammatikalische Plural. Ein Arzt und eine Ärztin sind als Einzelne völlig korrekt bezeichnet. Wenn aber 99 Ärztinnen und ein Arzt eine Gruppe bilden, werden sie gemeinsam zu „die Ärzte“. Der eine Mann übernimmt sozusagen grammatikalisch die Führung und entscheidet über die vielen Frauen. „Generisches Maskulinum“ heißt das in der Fachsprache – grammatikalisch eine abstrakte Mehrzahl, die Männer und Frauen umfasst. Warum entbrennt darüber ein Streit? 

Frauen werden unsichtbar

Die Frauen wüssten doch, dass sie mitgemeint sind, wenn von Ärzten die Rede ist, sagen Sprachtraditionalisten. Die renommierte feministische Sprachwissenschaftlerin Luise F. Pusch setzt dagegen: „Das generische Maskulinum macht Frauen besser unsichtbar als jede Burka.“

Quick facts
41
Millionen

Frauen leben in Deutschland – zwei Millionen mehr als Männer.

83,2
Jahre

beträgt die Lebenserwartung von Frauen in Deutschland.

75
Prozent

der Frauen im Alter von 20 und 64 Jahren gehen arbeiten.

50
Prozent

der Hochschulabsolventen in Deutschland sind weiblich.

44
Prozent

beträgt der Frauenanteil im deutschen Regierungskabinett.

1,6
Kinder

bringt eine Frau in Deutschland statistisch gesehen zur Welt.

Auch Christine Olderdissen, Projektleiterin der Website www.genderleicht.de, ist sich sicher, dass der vermeintlich neutrale Plural in der Realität Frauen benachteiligt. „Dazu gibt es zahlreiche Studien“, sagt sie. „Zum Beispiel wurde nachgewiesen, dass sich Schülerinnen eher zu einem männlich geprägten Beruf wie Automechaniker hingezogen fühlen, wenn sie die Berufsbezeichnung geschlechtergerecht als Doppelnennung vorgelesen bekommen: Automechaniker/Automechanikerin.“

Vielfalt sichtbar machen

Genderleicht.de, ein Projekt des Journalistinnenbundes, wird vom Familienministerium gefördert und bietet Tipps und Hilfestellungen für diskriminierungsfreies Schreiben und Sprechen. „Wir wollen Vielfalt sichtbar machen, aber ohne strenge Vorschriften zu geben“, sagt Christine Olderdissen. Es gehe nicht um „korrekte Berichterstattung“, sondern um „konkrete Berichterstattung“. „Wenn Frauen oder Trans- und Intersexuelle in einem Text gemeint sind, sollen sie auch ausdrücklich genannt werden.“

Wortungetüme und künstliche Partizipien

Der Verein Deutsche Sprache stößt sich an solchen sprachlichen Vorstößen. Gendergerechte Sprache produziere eine Fülle „lächerlicher Sprachgebilde“, moniert der Verein, dem mehr als 36.000 Mitglieder angehören. Einen Aufruf des Vereins unter dem eindeutigen Titel „Schluss mit dem Genderunfug“ haben seit März 2019 rund 73.000 Menschen unterzeichnet, unter ihnen bekannte Schriftstellerinnen wie Katja Lange-Müller und Judith Hermann.

Gendergerechte Sprache beruhe auf dem „Generalirrtum“, dass zwischen dem natürlichen und dem grammatikalischen Geschlecht ein Zusammenhang bestehe, schreiben die Initiatoren. Die selbsternannten Sprachbewahrer fürchten Wortungetüme wie „Bürger_innenmeister_innen“ oder künstliche Partizipien wie „die Radfahrenden“, „die Fahrzeugführenden“, „die Arbeitnehmenden“.

Kein Platz im Duden für das Gendersternchen

Trotz dieses Widerstands ist vor allem in öffentlichen und politischen Institutionen, Behörden, Universitäten und vielen Unternehmen ein Bewusstsein für dieses Thema entstanden. Für längere Texte hat sich in einigen Zusammenhängen das Gendersternchen zwischen Wortstamm und weiblicher Endung eingebürgert – also „Programmierer*innen“. Es soll so männliche und weibliche, aber auch weitere Geschlechtsidentitäten zum Ausdruck bringen. Hannover hat als erste deutsche Stadt gendergerechte Sprache in der Verwaltung eingeführt und schreibt seitdem konsequent Bürger*innen.

Auf den Ritterschlag muss der Genderstern aber noch warten. Der „Rat für deutsche Rechtschreibung“, der den Duden herausgibt, entschied sich 2018, das Sternchen fürs Erste nicht in die Rechtsschreibbibel aufzunehmen. Der Grund dafür: Das Sternchen hat Konkurrenz. Auch der als Unterstrich geschriebene „Gendergap“ (Büger_Innen) und das Binnen-I (BürgerInnen) werden als geschlechtergerechte Alternativen benutzt.

Bereichernde Vielfalt

Andere schwören auf neutrale Partizipformen wie „Studierende“. Wobei die Neutralität in der deutschen Sprache beim Artikel aufhört. Der Studierende oder die Studierende trennen klar in männlich und weiblich und lassen für „divers“ keinen Platz. Der neutrale Artikel „es“ – also „das Studierende“ wäre grammatikalisch möglich, aber weil „es“ vor allem für Dinge und Kinder benutzt wird, lehnen es viele ab. Eine besonders originelle Art, das zu umgehen, ist das Gender-x, das alle grammatikalischen Geschlechtszuordnungen ausmerzt: „Dex gutx Studierx“.

Christine Olderdissen von „www.genderleicht.de“ findet diese Vielfalt zwar verwirrend, aber auch bereichernd. „Sprache ist dynamisch und entwickelt sich immer weiter. Ich finde es toll, wie spielerisch Medienschaffende aller Sparten mit der Herausforderung der gerechten Sprache umgehen.“ Es wäre falsch, eine Sprachregelung für alle Texte vorzuschreiben, findet die Journalistin. „Eine Boulevardzeitung mit kurzen Überschriften braucht eine andere Sprache als eine wissenschaftliche Abhandlung.“

Die Website bietet daher ein „Textlabor“ für konkrete Problemstellungen. Eine Gleichstellungsbeauftragte bat zum Beispiel um eine Alternative für die Bezeichnung „Bürgerhaus“. „Bürger*innenhaus war zu kompliziert“, erzählt Christine Olderdissen und „Bürgerinnen und Bürgerhaus“ ebenfalls“. Die Lösung, die sich schließlich fand, kommt ganz ohne Geschlecht aus: „Haus der Begegnung“.

Der Artikel wurde ursprünglich auf dem Alumniportal Deutschland veröffentlicht.

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