Grenzen nur auf dem Papier

Es ist ein europäisches Erfolgsprojekt: Seit 30 Jahren ermöglicht das Erasmus-Programm der EU Studierenden, Azubis, Praktikanten und Hochschulangehörigen einen Auslandsaufenthalt.

dpa - Education

„Ich möchte Weltenbürger sein, überall zu Hause und überall unterwegs“. Als der Humanist Erasmus von Rotterdam diesen Satz in einem Brief niederschrieb, war er zum Lernen, Studieren und Lehren zwar schon viel in Europa herumgekommen. So mühelos wie heute konnte er zu seiner Zeit, im 15. und 16. Jahrhundert, allerdings nicht unterwegs sein. Fünf Jahrhunderte später startete eine ganz besondere Initiative für lernhungrige Weltenbürger. Um Studierenden den Schritt über die eigenen Landesgrenzen zu erleichtern, hob die Europäischen Union 1987 Erasmus zu Ehren das gleichnamige Programm aus der Taufe – mit damals 244 Teilnehmern aus elf Ländern.

„European Community Action Scheme for the Mobility of University Students“ lautet dessen bürokratisch anmutender Name eigentlich. Das Programm soll helfen, einen Studienaufenthalt in ganz Europa – etwa an einer spanischen Hochschule oder ein Praktikum bei einem polnischen Betrieb – möglichst unbürokratisch in die Wege zu leiten. Davon profitiert haben in den vergangenen 30 Jahren fast 1,3 Millionen Studierende allein aus Deutschland, wo der Austausch vom Deutschen Akademischen Austauschdienst koordiniert wird. In allen Programmländern waren insgesamt schon neun Millionen Menschen beteiligt. Im Jahr 2014 wurde das Programm zu Erasmus+ ausgebaut und mit 40 Prozent mehr Geld ausgestattet.

Einblicke in fremde Studienlandschaften

José Gil

Einer von ihnen ist José Gil. Der 22-Jährige aus der ältesten portugiesischen Universitätsstadt Coimbra studiert im siebten Semester Pharmazie und wechselte im Sommer 2016 für zwei Semester an die Freie Universität Berlin – als einer von rund 1.000 ausländischen Erasmus+-Studierenden, die die FU pro Jahr aufnimmt. „Obwohl das Wetter natürlich schlechter ist“ – Gil mag die Stadt. „In Berlin gibt es mehr Seminare, Studierende bekommen mehr Möglichkeiten zu diskutieren und mehr praktische Kenntnisse“, so Gil.

„Die FU hat von der ersten Stunde an am Erasmus-Programm teilgenommen und ist eine der deutschen Hochschulen, die die meisten ausländischen Studierenden über das Austauschprogramm empfängt“, berichtet Gesa Heym-Halayqa, Erasmus+-Hochschulkoordinatorin der Freien Universität. Rund 650 Studierende, im Schnitt 50 Lehrende und 30 sonstige Mitarbeiter sowie 80 Teilnehmer, die in den Partnerländern Praktika absolvieren, verschicke die FU zudem pro Jahr an Erasmus+-Partneruniversitäten im Ausland.

Bessere Karrierechancen

Und was zieht José Gil aus seinem Aufenthalt? „Ich denke, das in Deutschland sehr disziplinierte und professionelle System zu kennen, kann für meine berufliche Zukunft nur von Vorteil sein“, meint er. Seinen Traum, später in die Forschung zu gehen oder Hochschuldozent zu werden, würde Gil gerne in Deutschland verwirklichen. Er hat hier nicht nur viel gelernt. In Berlin hat er auch seine Freundin kennengelernt.

Gils Geschichte ist nicht ungewöhnlich. Die großen Ziele des Programms drehen sich zwar vorranging um mehr Mobilität, interkulturelle Erfahrungen und bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt. 450 Millionen Euro fließen dafür jährlich aus den EU-Mitgliedsländern in das Programm, das heute neben Studierenden auch Schülern, Organisationen und Lehrern Auslandsaufenthalte ermöglicht.

1 Million „Erasmus-Babys“

Doch, so zeigt eine 2014 von der EU-Kommission vorgestellte Studie, frühere Erasmus-Studierende schaffen nicht nur den Einstieg in den Arbeitsmarkt schneller und haben bessere Karrierechancen. 27 Prozent haben auch ihren Lebenspartner während des Aufenthalts kennengelernt. Eine Million „Erasmus-Babys“, so schätzt die EU-Kommission, sind seit dem Start des Programms schon auf die Welt gekommen.

Jule Zenker

Und daneben sind zweifellos unzählige Geschichten von neu gewonnenen Freunden und gewachsenem Selbstvertrauen zu erzählen. Davon kann auch Jule Zenker berichten. Die heute 26-Jährige wechselte im Jahr 2012 für ein Semester von der Universität Heidelberg ins belgische Lüttich, um ihr Französisch zu verbessern und Auslandserfahrungen zu sammeln. „Anfangs fiel es mir schwer, mit den Belgiern warm zu werden“, erinnert sich Zenker, die heute als Übersetzerin und Dolmetscherin in Berlin arbeitet. „An meinem ersten Tag dort an der Universität blieben alle Plätze um mich herum frei. Aber am Ende des Tages tippten mir  Kommilitonen auf die Schulter und fragten, wer ich bin.“ Die Kurse seien in Belgien zwar viel verschulter und die Anzahl der anrechenbaren Studienpunkte letztlich begrenzt gewesen, erzählt Zenker. Was sie aber nach dem Semester reichlich zurück nach Hause brachte, waren „top Französisch, mehr Selbstsicherheit, neue Freunde und einmalige Erfahrungen mit vielen internationalen Leuten“.

Erasmus+ unterstützt Studierende, Praktikanten und Lehrende im Ausland nicht nur mit Sprachkursen und Hilfe bei der Suche nach einer Unterkunft. Den Teilnehmern werden auch die Studiengebühren an der Gasthochschule und ein Zuschuss für den Erasmus+-Aufenthalt gezahlt. Der Rest wird aufgestockt, etwa durch Auslands-Bafög, Unterstützung der Eltern oder wie bei José Gil mit einem Nebenjob. Er verdient sich sein Geld in Berlin mit Ukulele-Unterricht. „Das macht nicht nur Spaß, ich lerne dabei von meinen Schülern auch weiter Deutsch“, sagt er. Denn flüssig, gibt Gil zu, beherrsche er das noch nicht.

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