Netzwerke für Transparenz und Teilhabe

In der deutschen Entwicklungszusammenarbeit spielt das Internet eine wichtige Rolle.

GIZ

Es sind kurze, aber eindrucksvolle Texte. Einer der Nachwuchs-Reporter schreibt über Musikkapellen, die durch sein Viertel ziehen, ein anderer berichtet über eine junge Frau, die sich als Ausgleich für das schwierige Medizinstudium dem Trommeln widmet. Weitere Autoren führen ein Interview mit der Bürgermeisterin ihres Stadtteils. Sie wollen Lösungen für drängende Probleme, fragen nach neuen Initiativen, vor allem für Jugendliche. Was nie fehlt, wenn die „Reporteros Jovenes“, die „Jungen Reporter“, ihre Berichte auf der eigenen Internetseite veröffentlichen: der Hinweis, dass mit den Aktivitäten, von denen sie erzählen, Menschenrechte wahrgenommen werden – das Recht auf freie Meinungsäußerung etwa oder das Recht auf Erholung.

Der Jugendgewalt vorbeugen

Es sind Jugendliche im Alter von 15 bis 20 Jahren aus Guatemala-Stadt, die hier neue, spannende, zukunftsweisende Erfahrungen machen, wie Martina Richard erzählt. Sie verantwortet das Vorhaben „PREVENIR“, das die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) organisiert. PREVENIR steht für die Prävention von Jugendgewalt. Die „Reporteros Jovenes“ leben in berüchtigten, von Armut, Kriminalität und Gewalt gezeichneten Gegenden in Guatemalas Hauptstadt. Genau dieses Bild ihrer Welt jedoch wollen sie korrigieren. „Die Wirklichkeit in unseren Stadtteilen besteht nicht nur aus Tod, Gewalt oder Misshandlungen“, schreiben sie, „sondern auch aus Freude, Abwechslung, gegenseitiger Hilfe, vielen Talenten und dem Glauben, die Probleme überwinden zu können.“ Sie wollen zeigen, dass die Jugend Guatemalas Zukunft ist.

Das Internet eröffnet den rund 30 Jugendlichen eine neue Perspektive und damit neue Chancen. Seit Oktober 2013 läuft das Reporter-Projekt, 129 000 Euro hat das BMZ bereitgestellt. In Kursen haben Journalisten der Deutschen Welle den Mädchen und Jungen die Grundlagen und Techniken des klassischen Journalismus und moderne Multimedia-Anwendungen nahegebracht und mit ihnen das Thema Menschenrechte diskutiert. Seit September 2014 ist die Stimme der Jugendlichen über das Internet deutlich vernehmbar. „Sie sind mit großer Begeisterung dabei“, sagt Martina Richard, die auch das Engagement der lokalen Partner lobt. „Die gemeinsame Arbeit stärkt die Persönlichkeit der jungen Menschen. Das zeigt sich auch in der Schule, wo sich ihre Leistungen deutlich verbessert haben.“ Längst schmieden die Teilnehmer Zukunftspläne. Manche sehen sich schon als Journalisten, andere wollen Jura studieren, um weiter am Thema Menschenrechte zu arbeiten.

Die jungen Reporter sind Teil der Bemühungen, neue Gewalt in Guatemala zu verhindern und eine friedlichere Gesellschaft aufzubauen. Das ist auch fast 20 Jahre nach dem Ende des grausamen Bürgerkrieges ein zentrales Thema in dem mittelamerikanischen Land. Der Aufarbeitung der damaligen Geschehnisse widmet sich ein weiteres Projekt deutscher Entwicklungszusammenarbeit, bei dem das Internet und die Möglichkeiten der Digitalisierung eine wichtige Rolle spielen: „Hacer Memoria“, durchgeführt von der GIZ und dem Zivilen Friedensdienst (ZFD).

Rund 80 Millionen Dokumente

Das historische, nationale Polizeiarchiv von Guatemala ist das entscheidende Instrument, um die Ereignisse der Vergangenheit aufzuarbeiten. Es umfasst rund 80 Millionen Dokumente – Einsatzbefehle, Unterlagen zu Verhaftungen, Protokolle von Spitzeldiensten, Akten über Tausende von Bürgern. Seit fast zehn Jahren sind Experten damit beschäftigt, das zufällig entdeckte Archiv neu zu organisieren, vor allem aber die Dokumente zu digitalisieren. „Rund 17 Millionen Akten wurden gespeichert“, sagt Ulrike Hemmerling, Koordinatorin des ZFD in Guatemala-Stadt. Das Archiv ist Basis für das Projekt, das die GIZ und ihre Partner 2013 gestartet haben.

Mit Mitteln aus Deutschland in Höhe von rund 110 000 Euro entstand eine Wanderausstellung zum Polizeiarchiv, Fortbildungen von Journalisten und Projekttage wurden organisiert. Im Frühjahr 2014 gab es erste öffentliche Themen- und Informationstage in mehreren Städten Guatemalas. „Das Interesse war groß, das Informationsbedürfnis der Menschen ist gewaltig“, sagt Ulrike Hemmerling.

Künftig sollen die Bürger über das Internet direkt in den Datenbanken des historischen Polizeiarchivs recherchieren können, um so eventuell Hinweise auf verschwundene Angehörige zu finden. Rund 50 000 Menschen gelten heute noch als „Desaparecidos“, als Verschwundene, deren Schicksal weiter unbekannt ist. Zugleich sollen Dokumente aus weiteren Archiven anderer Organisationen auf einer gemeinsamen Online-Plattform zusammengefasst werden. Für Februar 2015 ist ein Kongress geplant. Verschiedene Organisationen werden dort beraten, wie Guatemala bei der Bewältigung seiner Vergangenheit und damit auch bei der Gewalt-Prävention verstärkt digitale Mittel einsetzen kann.