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Partner im All

Mit dem Projekt ExoMars wollen die europäische Weltraumorganisation ESA und die russische Raumfahrtagentur Roskosmos nach Spuren von Leben auf dem „Roten Planeten“ suchen.
von Pamela Dörhöfer

Einst, vor vielen Millionen Jahren, könnten Flüsse die Oberfläche des Planeten durchströmt und Pflanzen den Boden bedeckt haben – könnte der Mars vielleicht ein Ort gewesen sein, der Leben beherbergte. Wasser soll es dort gegeben haben, vermutlich auch Sauerstoff, und wahrscheinlich war der Mars sogar einmal der Erde ähnlich, sagt Paolo Ferri, Leiter des Flugbetriebs bei der europäischen Weltraumorganisation ESA. Heute bietet der Nachbarplanet der Erde dagegen eine unwirtliche Umgebung: mit einer durchschnittlichen Temperatur von minus 55 Grad Celsius, einer Atmosphäre, die zu 95 Prozent aus Kohlendioxid besteht, häufig tobenden Sandstürmen und fahlem Licht. Aber möglicherweise birgt der Rote Planet doch noch mehr, gewiss zwar keine höher entwickelten Lebensformen, so aber vielleicht doch Mikroorganismen, die mit dem auskommen, was der Mars zu bieten hat.

Die Wissenschaft würde es freuen: Spuren existierenden oder vergangenen Lebens zu finden – das ist denn auch das Ziel von ExoMars, einer gemeinsamen Mission der ESA und der russischen Weltraumorganisation Roskosmos. Dass Europäer und Russen im Weltraum eng zusammenarbeiten, hat seit Jahrzehnten Tradition, dass indes beide als gleichberechtigte Partner eine Mission dieser Größenordnung organisieren, ist ein Novum. Sowohl die ESA als auch Roskosmos investieren dafür jeweils rund 1,3 Milliarden Euro.

ExoMars ist eine Doppelmission: Der erste Teil besteht aus dem „Trace Gas Orbiter“, einer Sonde, die in der Atmosphäre des Mars‘ nach Spurengasen wie Methan suchen soll. Es wäre ein möglicher Hinweis auf Leben, „denn auf der Erde rührt Methan zu 90 Prozent von organischen Quellen her“ erklärt der Physiker Ferri; aber auch ein vulkanischer Ursprung käme in Frage. An Bord der Sonde fliegt das kleine Landegerät „Schiaparelli“ mit. Es soll auf dem Mars aufsetzen und dabei die Technologien, die für eine Landung notwendig sind, testen. „Trace Gas Orbiter“ und „Schiaparelli“ sind seit dem 14. März 2016 bereits unterwegs: Beide haben ihre mehr als 500 Millionen Kilometer lange Reise an Bord einer Proton-Rakete vom russischen Weltraumbahnhof Baikonur in Kasachstan aus angetreten. Nach sieben Monaten sollen sie den Marsorbit erreichen, die Landeeinheit soll am 19. Oktober 2016 auf der Planetenoberfläche aufsetzen.

Im zweiten Teil der Mission werden dann ein Roboterfahrzeug und eine von Roskomos gestellte Landeplattform zum Mars geschickt. Geplant war das eigentlich für 2018, doch dann kam es bei einigen Auftragnehmern zu Verzögerungen, die ein Einhalten des Termins unmöglich machten. Der deutsche ESA-Generaldirektor Jan Wörner und sein Kollege Igor Komarow von Roskosmos streben den Start nun für 2020 an – es wäre nach 2018 der nächstmögliche Zeitpunkt, denn Erde und Mars müssen in einer bestimmten Konstellation zueinander stehen.

Für ExoMars bedeutet es nicht die erste Verzögerung: Die Mission hat bereits eine durchaus turbulente Entwicklungszeit hinter sich. So war der ursprünglich für 2009 vorgesehene Beginn wiederholt verschoben worden, auch das Konzept änderte sich mehrfach. Anfangs war ExoMars als rein europäisches Projekt geplant. Als sich abzeichnete, dass die gesetzte Kostenobergrenze nicht zu halten sein würde, verhandelten die Europäer zunächst mit der US-Weltraumbehörde NASA, die 2011 allerdings absagte. Als Partner sprang daraufhin Roskosmos ein. Roskosmos mit seiner „großen Tradition in der Raumfahrt“ sei nach dem Ende des Kalten Krieges ein so bewährter wie wichtiger Kooperationspartner geworden, sagt Thomas Reiter, Koordinator für das Programm der Internationalen Raumstation (ISS) bei der ESA: So nutzen die Europäer russische Raketen und den Weltraumbahnhof Baikonur häufig, um Satelliten ins All zu schießen. Und auch die ISS wäre ohne die grenzüberschreitende Zusammenarbeit weder zu bauen gewesen noch zu betreiben. Beteiligte Institutionen sind außer der ESA und Roskosmos die NASA sowie die Raumfahrtagenturen Kanadas und Japans. Bisher blieb der Außenposten der Menschheit von irdischen Konflikten wie der Ukraine-Krise oder dem Syrien-Krieg unberührt – „auch wenn wir manchmal schon schwer geschluckt haben“, wie Thomas Reiter erzählt. So etwa im April 2014, als die NASA nach der Annektion der Krim die Beziehungen zu Russland aussetzte, einzige Ausnahme: die ISS.

„Wir hoffen sehr, dass die Zusammenarbeit auf der Internationalen Raumstation weiter von politischen Unwägbarkeiten unbeeinflusst bleibt“, sagt der ehemalige Astronaut Reiter: „Im Weltraum gibt es viele Dinge, die wir gemeinsam verfolgen – und das nicht in erster Linie, weil sie militärische Bedeutung hätten.“ Thomas Reiter hat zwischen 1995 und 2006 selbst mehrfach im All gearbeitet, das erste Mal noch auf der russischen Raumstation Mir. In zwei Jahren wird ein anderer Deutscher wieder ins All fliegen: Alexander Gerst, der bereits 2014 sechs Monate auf der ISS verbracht hat, soll 2018 erneut zur Raumstation aufbrechen – voraussichtlich mit der US-Amerikanerin Jeanette Epps und dem russischen Kollegen Alexander Samokutjajew.

Dass der 40-Jährige Gerst ein zweites Mal ausgewählt wurde, habe mehrere Gründe, so Thomas Reiter: „Zum Einen wird in die Ausbildung der Astronauten viel investiert. Deshalb macht es Sinn, einen Kollegen mehr als einmal in den Weltraum zu schicken. Und dann hat Alexander Gerst natürlich auf der ISS hervorragende Arbeit geleistet, hat auch die Öffentlichkeit sehr für das Thema Weltraum begeistert.“ Außerdem soll der Astronaut Experimente fortführen, an denen er bereits während seines ersten Aufenthalts gearbeitet hat. Dazu gehören unter anderem Tests zu den Auswirkungen länger andauernder Schwerelosigkeit auf den Körper und zu Materialien, die kosmische Strahlung abhalten. Die Ergebnisse wären auch im Hinblick auf eine künftige bemannte Mars-Mission wichtig, erklärt Thomas Reiter. Ob die Menschheit vor dieser ganz großen Reise zudem noch einmal auf den Mond zurückkehren soll, darüber gebe es unterschiedliche Auffassungen bei den internationalen Weltraumorganisationen, sagt Reiter: Esa und Roskosmos plädieren dafür. Die Idee: auf dem Mond eine dauerhafte Station einzurichten. ▪

von Pamela Dörhöfer

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