Elf Freunde, 84 Millionen Bundestrainer
Es gibt in diesen WM-Wochen zwei Sorten Menschen in Deutschland. Die einen kennen jeden Spielort, jeden Trainer und jeden Spieler mit Stärken, Schwächen und Verletzungshistorie. Fragt man sie, nur so zum Spaß, nach dem Wetter am dritten Spieltag der WM 1974, sagen sie: „Leicht bewölkt, aber taktisch interessant, als in der 69. Spielminute Günter Netzer für Wolfgang Overath eingewechselt wurde.“
Diese wandelnden Fußball-Lexika und ehrenamtlichen Bundestrainer erklären dir in wenigen Stunden die Abseitsregel und nehmen in wenigen Sekunden einen Kredit auf für ein WM-Ticket im Wert eines Kleinwagens. Immer dabei: das Panini-Album. Fehlende Bildchen werden „strategisch akquiriert“. Sie flüstern dir im Büro zu: „Ich habe jetzt den rechten Innenverteidiger von Ecuador, was bietest du?“
Der Gelegenheitsfan
Dann gibt es die anderen. Sie haben von Fußball ungefähr so viel Ahnung wie der Videoassistent Einfühlungsvermögen. Sie sind aber meist schlau genug, das nicht zuzugeben. Sie gehen zum Public Viewing, weil man dort trinken, jubeln und Gruppendynamik zelebrieren darf. Gefährlich wird es nach der Halbzeit, wenn sie fragen: „Warum rennen die jetzt auf einmal in die falsche Richtung?“
Der gewiefte Gelegenheitsfan arbeitet mit drei Sätzen: „Da muss er früher abspielen“, „Das ist doch kein Konzept“ und „Gegen so eine Mannschaft musst du anders auftreten“. Diese Sätze passen immer, egal ob Deutschland führt, zurückliegt oder der Torwart gerade Interviews gibt.
Besonders bitter: Genau diese Ahnungslosen gewinnen am Ende jedes Tippspiel. Während Manuela mit xG-Werten, Pressinghöhe und der Formkurve des linken Außenverteidigers für ein „sehr wahrscheinliches“ 0:1 argumentiert, tippt Peter 4:1, weil „die Trikots sympathischer aussehen“ – und liegt damit absolut richtig.
Messi spielt F-Jugend
Natürlich ist der WM-Geist auch auf den heimischen Fußballplätzen präsent. Dort stehen Eltern, deren fünfjährige Kinder noch die Schuhe verwechseln, aber bereits als „unser nächster Messi“ geführt werden. Väter brüllen „Raumaufteilung!“, während Paul-Luca ein Gänseblümchen untersucht. Und nicht selten gipfelt der Enthusiasmus in Handgemengen und Platzverweisen – der Eltern. Was macht man nicht alles für König Fußball.