Die Reinheit des Entwurfs

Wie Japan das Bauhaus beeinflusste – und wie die Kunstschule in Japan wirkte.

Japanisches Zimmer: Für Bruno Taut das Vorbild für das Neue Bauen
Japanisches Zimmer: Für Bruno Taut das Vorbild für das Neue Bauen David Carillet/123rf.com

Die Faszination für Japan und seine Kultur hat europäische und amerikanische Künstler und Gestalter schon im ausgehenden 19. Jahrhundert beflügelt. Japonismus nannte sich diese Bewegung. Die innige Verbindung von handwerklicher Präzision, Einfachheit der Materialien und künstlerischer Experimentalkraft hinterließ ihre Spuren nachhaltig in der Malerei und Plakatkunst, im Möbeldesign, der Typografie und in der Architektur.

Japanischer Einfluss ohne eigene Anschauung

Doch nur wenige Künstler kannten das Land der aufgehenden Sonne aus direkter Anschauung. Bei seiner Ankunft in Japan 1933 erklärte der deutsche Architekt Bruno Taut, dass das einfache und völlig freie japanische Wohnzimmer mit seinen großen Fenstern, Wandschränken und die Reinheit des Entwurfs, dem Neuen Bauen den stärksten Anstoß gegeben habe. Allerdings war er vorher nie in Japan. Es war also eher Projektion und der Widerschein traditioneller japanischer Kultur und Philosophie, der die Ästhetik der Avantgarde bis in die 1920er-Jahre grundlegend prägte, auch am Bauhaus.

Der Maler Johannes Itten war bis 1923 Meister am Weimarer Bauhaus und Leiter des Vorkurses. In seinem Grundlagenunterricht wurde nicht nur die Ästhetik japanischer Tuschemalerei bearbeitet. Itten als Anhänger der Mazdaznan-Lehre konfrontierte die jungen Bauhäusler vor allem mit asiatischen Philosophien und Religionen als Elemente traditioneller Weltkulturen. Dass dies Spuren in den Erzeugnissen der Bauhäusler hinterließ, ist nicht weiter verwunderlich.

Haus Sommerfeld in Berlin
Haus Sommerfeld in Berlin CC0

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Die Kunsthistorikerin Claudia Delank machte als Erste auf die formale Nähe zahlreicher Bauhausobjekte zu traditioneller japanischer Kultur aufmerksam. Das Haus Sommerfeld von 1920/21 erinnert mit seinen weit ausgreifenden Dachüberständen und hervorgehobenen Eckbohlen an das Schatzhaus, das Shōsō-in von Todaii-ji im japanischen Nara. An dem Bau dieses Hauses für den Holzfabrikanten Sommerfeld und seiner Inneneinrichtung waren zahlreiche Bauhaus-Künstler  beschäftigt, an der Planung weniger. Die kam aus dem Büro von Bauhaus-Gründer Walter Gropius, in dem vor allem die an japanischen Vorbildern geschulte Architektur des Amerikaners Frank Lloyd Wright eine große Rolle spielte. 

Tee-Extraktkännchen von Marianne Brandt
Tee-Extraktkännchen von Marianne Brandt dpa

Zum Beispiel: Die berühmte Teekanne

Inspiriert durch japanische Tradition war auch Theodor Bogler, der von 1919 bis 1925 als Schüler von Johannes Itten und Lyonel Feininger am Bauhaus studierte. Bogler war ab 1920 einer der führenden Kräfte in der Keramikgestaltung des Bauhauses. Bei seinen Entwürfen für Teekannen und das Tee-Extraktännchen von 1923 mit seitlichem Griff bezieht sich Bogler auf japanische Vorbilder. Dass sich das am Bauhaus gelehrte Baukastenprinzip mit seinen geometrischen Grundfiguren als Basis mit den Formen japanischen Kunsthandwerks zu einer Fusion aus Ost und West verbinden ließ, veranschaulicht der Entwurf von Marianne Brandt, die mit ihrem Tee-Extraktkännchen aus Messing und Ebenholz 1924 eine der Bauhaus-Ikonen entwarf: Halbkugel, Halbkreis, das Kreuz als Fuß sind die Grundformen. 
 

Vorbild Studie zum Simultankontrast von Takehiku Mizutani
Vorbild Studie zum Simultankontrast von Takehiku Mizutani Bauhaus Archiv, Berlin/Markus Hawlik

Japanische Künstler am Bauhaus

Doch kamen im Gegenzug auch junge japanische Künstler ans Bauhaus. Als Erster besuchte der Maler und Kritiker Nakada Sadanosuke 1922 das Bauhaus in Weimar und machte die Schule der Avantgarde ab 1925 in Japan bekannt. Der erste japanische Bauhäusler war Takehiko Mizutani. Sein Name erscheint im Sommer 1927 in den Schülerlisten. Bekannt wurde er durch Skulpturen, die in einem von Josef Albers geleiteten Workshop entstanden und durch den Entwurf für einen runden Glastisch.
 

Die japanische Moderne erhielt durch das Bauhaus wichtige Impulse

Ute Maasberg, Autorin und Kunsthistorikerin

Weitaus länger am Bauhaus blieben Iwao und Michiko Yamawaki, die zwischen 1930 und 1932 in Dessau studierten. Iwao, der bereits in Tokio zum Architekten ausgebildet war, schrieb sich bei Mies van der Rohe ein und besuchte den Unterricht bei Walter Peterhans. Michiko lernte nach dem Vorkurs in der Weberei bei Gunta Stölzl und Anni Albers. Als sich 1932 der politische Druck auf das Bauhaus verschärfte, kehrten die Yamawakis in ihre Heimat zurück. Iwao gründete ein eigenes Architekturbüro, Michiko ein Studio als erfolgreiche Textil- und Modedesignerin.

Die pädagogischen und gestalterischen Ideen des Bauhauses inspirierten einige Kreative in Japan, das  zeigt die Gründung des Forschungsinstituts für Lebensgestaltung, das als Seikatsu Kōsei Kenkyūsho bekannt wurde. Diese 1933 in Schule für neue Architektur und Design (Shin Kenchiku Kōgei Gakuin) umbenannte private Einrichtung gründete der Architekt Renshichirō Kawakita. Er arbeitete mit Bauhaus-Ideen, insbesondere aus dem Vorkurs von László Moholy-Nagy, dessen 1929 erschienenes Buch „Von Material zu Architektur“ von Kawakita ins Japanische übersetzt worden war. Zusammen mit den ehemaligen Bauhäuslern Mizutani und dem Ehepaar Yamawaki als Lehrkräfte erhielt die japanische Moderne durch die Gestaltungsprinzipien des Bauhauses in der Zeit zwischen den Kriegen wichtige Impulse für eine neue Generation von Künstlern und Designern.  

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