Generation Nachwendekinder

Sie waren auf der Welt als die Mauer fiel, aber zu jung, um die Zukunft mitzugestalten: die dritte Generation Ost.

Mauerfall: Wiedervereinigung Deutschlands
dpa

1990 in Bonn, meine Einschulung. Vor einem Jahr ist die Mauer gefallen, in wenigen Wochen wird Deutschland wiedervereint. Schwarz-Rot-Gold, rosa Schultüte, heftige Bauchschmerzen. Meine Erinnerungen an diesen besonderen Tag im Leben sind genauso verklärt, wie an meine Kindheit vor der Wende - an meine Zeit im Osten. In der Volksrepublik Bulgarien geboren, in der DDR laufen gelernt.

Eins ist geblieben - die Geräusche jener Zeit, das Poltern des Umbruchs, die Gespräche am Küchentisch, das Tuscheln mit den Nachbarn, die Briefe an die Großeltern in Bulgarien, die Stimmen im Fernseher, gemischte Gefühle, Ungewissheit, im Großen und Ganzen optimistische Seufzer. Danach: Funkstille. Schweigen. Als ob die Generation unserer Eltern und Großeltern von heute auf morgen entschieden hätte, die Vergangenheit in eine Kiste zu stecken und in der dunkelsten Ecke des Dachbodens abzustellen. Eine Zeitlang blieb diese Kiste dort - unberührt von der Außenwelt.

Doch es passiert was, die Erinnerungen der Eltern und Großeltern werden wachgerüttelt - durch die Fragen der heute erwachsenen Nachwendekinder. Haben sie an den Sozialismus geglaubt, wie haben sie gelebt, was wollten sie mal werden, wovon haben sie geträumt, was hat sie glücklich gemacht, was hat ihnen gefehlt? Mit Ostalgie haben diese Fragen wenig zu tun. Es ist vielmehr diese Sehnsucht der Kinder, das Land zu verstehen, in dem die Eltern und Großeltern gelebt haben, verstehen, woher man selber kommt. Doch oft ruft schon ein vorsichtiges Nachfragen eine emotional aufgeladene Abwehrhaltung hervor. Woher kommt das? Und wie weit dürfen wir, die Nachwendekinder, in unserer Neugier und Bestreben, die Welt unserer Eltern zu verstehen, gehen? Haben unsere Eltern ein Recht auf Vergessen oder eine Pflicht zu sprechen?

Redet mit uns!

Diese Frage stellt sich auch Johannes Nichelmann in seinem Buch "Die Nachwendekinder: Die DDR, unsere Eltern und das große Schweigen" , erschienen im Ullstein-Verlag. "Ich habe gemerkt, dass viele Leute aus meiner Generation, die aus dem Osten kommen, sich die Frage stellen, was eigentlich dieser Osten war, der sie geprägt hat. Es war immer so was Diffuses, eine Leerstelle, die nicht wenige Nachwendekinder empfanden", sagt der Autor Johannes Nichelmann im DW-Interview.

Die "3. Generation Ost", die Nachwendekinder, geprägt durch die Narrative der Medien nach 1990 und den neuen Geschichtsunterricht, wollen jetzt die weißen Flecken ihrer eigenen Biographien füllen. Johannes Nichelmann erinnert sich an den Tag, wo er und sein Bruder die Uniform ihres Vaters im Keller fanden. Dass ihr Vater in der DDR Grenzsoldat war, wussten die beiden nicht: "Auslöser für mein Buch war mein Vater, der bis vor kurzem kein einziges Sterbenswörtchen über sein Leben in der DDR verloren hat, er hat wirklich nichts erzählt. Im Gegenteil: Er war sogar immer richtig sauer, wenn ich irgendwelche Fragen gestellt habe. Da wusste ich, irgendwas ist im Argen, irgendwas darf nicht angesprochen werden und das hat natürlich auch massives Kopfkino ausgelöst. Die Wahrnehmungen über die DDR schwanken von einem Extrem zum anderen: Entweder waren es 40 Jahre Stacheldraht und Stasiknast oder 40 Jahre Sommerausflug, alles ist schwarz-weiß. Nicht falsch verstehen: Ich finde es natürlich richtig und wichtig, dass die Opfer der SED-Diktatur eine große Rolle im Erzählen spielen", sagt Johannes Nichelmann. Es gebe aber keine Familiengeschichten zwischen diesen Extremen, das klärende Gespräch zwischen den Generationen fehle.

Das Recht auf Vergessen!

Aber kann man die Eltern dazu zwingen? Sie am Küchentisch festhalten? Die Lampe ins Gesicht richten und sie zum Kreuzverhör bitten? Eben nicht. Denn genau dann tritt das Gefühl, sich rechtfertigen zu müssen, ein. Und schließlich: das Schweigen.

"Mein Vater ist jung in die Partei eingetreten, er hat sich schnell überreden lassen, an die Grenze zu gehen. Er weiß, dass das alles sehr, sehr kritisch gesehen wird, aber er hat keine Lust, sich zu rechtfertigen für das, was in diesem Augenblick ja nicht falsch war, in diesem Augenblick als richtig empfunden wurde. Er ist damit aufgewachsen, das war die Erzählung seiner Jugend, seines Lebens und von heute auf morgen war alles falsch. Mein Vater meinte, dass er in solchen Situationen entweder sagen kann, dass er damals schon immer alles doof und schlecht und furchtbar empfunden hat - also zu lügen. Oder er kann versuchen, sich zu erklären - dafür fehlen ihm aber die Worte", sagt Johannes Nichelmann.

Die Eltern nicht an den Pranger stellen, den Ost-West-Konflikt nicht in die eigenen vier Wände bringen, sondern mehr zuhören, akzeptieren, annehmen, versuchen zu verstehen. Beide Seiten sind gefordert. Nur so kann die Kluft zwischen den Generationen überbrückt werden. "Es muss auf beiderseitigem Einvernehmen stattfinden. Wenn Leute darüber nicht reden wollen, dann müssen sie darüber auch nicht reden, aber gleichzeitig denke ich, dass wir ja auch das Recht haben, diese Fragen zu stellen: Ob sie beantwortet werden oder nicht. Wie soll denn unsere Generation das Leben der Eltern und Großeltern oder auch die DDR verstehen, wenn wir in den Familien nicht darüber sprechen, sondern es nur eine mediale oder politisch aufgeheizte Debatte darüber gibt", sagt Johannes Nichelmann.

Redet nicht über die anderen!

Die Gespräche im Kreis der Familie sind wichtig, genauso wie die Debatten in Politik und Medien. Doch oft führen sie in die falsche Richtung, meint Johannes Nichelmann. "Das Thema Rechtsradikalismus wird oft als ostdeutsches Problem angesehen. Ja, es ist ein großes Problem in Ostdeutschland aber es ist auch ein großes Problem in Westdeutschland. Da findet es genauso statt. Wir schieben das Problem weg von uns, es ist das Problem von denen da drüben. Wir können diesem Problem nur begegnen, wenn wir es als gesamtdeutsches Problem annehmen und nicht als irgendwas, was da irgendwo hinterm Wald stattfindet."

Über den anderen reden schafft kein Gemeinschaftsgefühl. Mit dem anderen reden ist die logische Konsequenz des Mauerfalls. Doch selbst 30 Jahre nach diesem einschneidenden Erlebnis steht die deutsche Gesellschaft immer noch am Anfang: Laut einer Studie der Uni Leipzig von 2016 sind nur 1,7 Prozent der betrachteten Spitzenpositionen auf Bundesebene von Ostdeutschen besetzt – bei einem Bevölkerungsanteil von bundesweit 17 Prozent. Nur ein Prozent Generäle und nur drei von insgesamt 60 Staatssekretären der Bundesregierung kamen aus dem Osten. Ein Miteinander auf Augenhöhe sieht wohl anders aus.