Licht und Schatten am Viktoriasee

Der deutsche Lichtkonzern Osram bringt umweltfreundliches und günstiges Licht in Kenias Fischerdörfer.

Osram - Lake Victoria

Wenn es Nacht wird am Viktoriasee, geht der Arbeitstag für die Fischer von Mbita erst richtig los. Am Strand flicken die Männer ihre Netze und beladen die langen Holzboote mit Proviant. Das Wichtigste kommt zum Schluss an Bord: eine Petroleumlaterne, die auf ein kleines Holzfloß montiert ist. Sobald die Fischer ihr Ziel weit draußen im See erreicht haben, lassen sie die Lampe zu Wasser. Das Licht zieht die Insekten an. Und die Insekten locken die Fische.

Seit Generationen funktioniert in Kenia dieses Prinzip. Doch Oscar Ominde will, dass sich das ändert. Während am Horizont bereits die ersten Petroleumlampen aufflackern, tritt Ominde an einen Bootsbesitzer heran, der mit den Vorbereitungen noch nicht ganz fertig ist: „Können Sie es sich leisten, jede Nacht bares Geld zu verbrennen?“ Der Fischer blickt verwundert, Ominde hat ihn am Haken. „Ich komme von Osram, einem Unternehmen aus Deutschland“, sagt er. „Ich möchte Ihnen dabei helfen, eine Menge zu sparen.“

Schon seit Jahren arbeitet Ominde am Ufer des Viktoriasees. Viele haben seine Botschaft aber immer noch nicht zu hören bekommen: Rund 175 000 Fischer fahren Nacht für Nacht mit ihren Booten hinaus. Doch mit ihren Petroleumlampen im Gepäck richten sie gleich dreifachen Schaden an: für die Umwelt, die eigene Gesundheit – und das Portemonnaie. Immer wieder fließt Petroleum ins Wasser, außerdem ist der CO2-Ausstoß der Verbrennungslampen hoch. Der Rauch kann zu Atemwegserkrankungen führen. Und dass der Brennstoff ziemlich teuer ist, merken die Fischer jeden Tag. Der deutsche Lichtkonzern Osram, Omindes Arbeitgeber, hat für die Männer in Mbita eine Alternative entwickelt: eine grellleuchtende Energiesparlampe, die samt Akku auf dem schwimmenden Holzgestellen Platz findet. Kein Flackern, kein Ruß und ein geringer Preis: Die Akkuladung für eine Nacht kostet umgerechnet rund einen Euro. Für das Petroleum werden 1,50 Euro fällig.

Elektrisches Licht ist rund um den Viktoria­see wie in vielen Teilen Afrikas keine Selbstverständlichkeit. Millionen Menschen leben hier ohne Strom. Eine Netzin­frastruktur fehlt in den meisten Gemeinden komplett. Um dennoch auch in diesen Gegenden umweltfreundliches Licht anbieten zu können, setzt Osram auf dezentrale Stromtankstellen mitten im Ort. „WE-Hub“ nennt das Unternehmen die kleinen grün-weiß bemalten Häuser. Das W steht für Wasser, das E für Energie. Um zu zeigen, wie das Konzept funktioniert, klettert Ominde aufs Dach: 72 Solarmodule sind hier installiert. Die daraus gewonnene Energie wird im Inneren der Hütte benötigt. Dutzende Akkus – blaue Kästen, ungefähr von der Größe einer Autobatterie – sind dort in einem Regal übereinander gestapelt und werden gerade geladen. Wenn ein Kunde mit einem leeren Akku kommt, kann er ihn sofort gegen einen vollen austauschen. Nebenbei bereitet eine kleine Filter-Anlage auch Regen- zu Trinkwasser auf, das Kunden im WE-Hub kaufen können – ein Versuch, den WE-Hub festen Bestandteil des Dorflebens zu etablieren.

Das war in der Anfangszeit alles andere als einfach: Als Osram im Jahr 2008 den ersten Energie-Hub in Mbita eröffnete, interessierte das die lokale Bevölkerung kaum. In den ersten sechs Monaten gab es keinen einzigen zahlenden Kunden. „Natürlich begegnete man uns mit einer grundsätzlichen Skepsis“, sagt Ominde. Schließlich sei es nicht so einfach, die Menschen von etwas Neuem zu überzeugen, wenn das Alte in der Vergangenheit immer funktioniert hat. „Viele Probleme lagen aber auch an uns.“

So wussten die Osram-Mitarbeiter anfangs nicht, bei welchen Fischern sie für das Produkt Werbung machen sollten – und kamen meist nur mit den Angestellten in Kontakt und nicht mit den Bootsbesitzern, die über Anschaffungen entscheiden. Zudem war das Angebot nicht wirklich praktisch: Während es das Petroleum direkt am Strand zu kaufen gibt, liegt die Stromtankstelle weit davon entfernt. Ominde reagierte mit einer mobilen Filiale: Er schickte fortan jeden Tag eine Eselskutsche mit den geladenen Akkus zum Strand. Obwohl das Projekt am Reißbrett bereits sehr ausgereift wirkte: In der Realität musste Osram an vielen Stellschrauben nachbessern.

So musste das Unternehmen die Batterie-Technologie ändern, weil die alten Akkus zu schnell den Geist aufgaben. Außerdem erhielten die Geräte neue Funktionen. Zum Beispiel einen USB-Anschluss, über den das Handy aufgeladen werden kann. In jedem Hub gibt es zudem ein kleines Internetcafé. Das erhöht die Wahrnehmung im Dorfalltag. Bislang sind drei Hubs mit insgesamt 1500 regelmäßigen Kunden in Betrieb. 2014 sollen fünf weitere Hubs hinzukommen. Um den Ausbau voranzutreiben, kümmert sich Osram nicht mehr alleine um das Projekt, sondern hat Partner wie die Siemens Stiftung und den Global Nature Fund mit ins Boot geholt. Das Tagesgeschäft liegt nun zudem in kenianischen Händen: Das lokale Sozialunternehmen Light for Life kümmert sich um den Betrieb der Hubs – mit Unterstützung von Osram-Mitarbeiter Ominde.

Von den Fischern sieht er am späten Abend nur noch winzige Lichtpunkte am Horizont des Sees. Hunderte erkennt man in klaren Nächten. Ominde kann anhand des Flackerns sogar feststellen, ob es sich um eine Pe­troleumlampe handelt oder um eine aus seinem Angebot. Wie jede Nacht sind die Petroleumkunden immer noch in der Überzahl. Ominde und seine Kollegen haben noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten. ▪

Mathias Peer