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„Ich denke über jedes kleinste Atom der Klänge nach“

Max Richter zählt zu den bedeutendsten Filmkomponisten. Gerade wurde er mit der Berlinale Kamera geehrt. Nun hat er die Chance auf einen Oscar.

Jürgen Moises, 03.03.2026
Filmkomponist Max Richter
Max Richter wurde bei den Internationalen Filmfestspielen Berlin 2026 mit der „Berlinale Kamera“ geehrt. © dpa

Es gibt Filmmusik, die ganz auf Überwältigung zielt – auf großes Drama und akustisches Spektakel. Bei der Musik von Max Richter ist das anders. Sie bewegt durch ihre Verletzlichkeit. Richter versteht es, mit seiner Musik „die Spannung im Grenzraum zwischen Sein und Nichtsein zu halten“. Und er erinnert uns daran, wie es sich anfühlte, „als wir noch vibrierende Teilchen aus dem Urknall waren.“ So beschreibt es jedenfalls die chinesische Regisseurin Chloé Zhao, die bei der diesjährigen Berlinale eine sehr poetische Laudatio auf Max Richter hielt. 

Der 1966 in Deutschland geborene, in Großbritannien lebende Komponist wurde in Berlin mit der Berlinale Kamera ausgezeichnet. Und im März 2026 könnte er auch noch den Oscar bekommen: für seinen Soundtrack zu „Hamnet“, den gefeierten neuen Film von Zhao, der bereits einen Golden Globe und eine Auszeichnung für den „besten britischen Film“ gewonnen hat.

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Bekannt durch „Waltz with Bashir“

Max Richter spielte in unterschiedlichen Ensembles und veröffentlichte zahlreiche Soloalben, die am ehesten der Neo-Klassik zuzuordnen sind. Bekannt wurde er im Jahr 2009 durch seinen Soundtrack für den Animationsdokumentarfilm „Waltz with Bashir“. Seitdem hat der 59-Jährige für viele andere Filme komponiert – etwa „Werk ohne Autor“ (2018) und der für einen Grammy nominierte „Ad Astra – zu den Sternen“ (2019). Auch bei einer Mode-Show, im Tanztheater und beim olympischen Eiskunstlauf lief Richters Musik. 

Richter stammt aus der niedersächsischen Stadt Hameln, wuchs im englischen Bedford auf und studierte klassische Komposition und Klavier an der University of Edinburgh und der Royal Academy of Music. Seine erste prägende musikalische Erfahrung hatte er aber noch in Deutschland. Da war Richter keine drei Jahre alt, wie er bei der Berlinale-Preisverleihung erzählte. Damals spielte er im Wohnzimmer. Es lief eine Schallplatte mit einem Konzert von Johann Sebastian Bach. Dabei fiel das Sonnenlicht durchs Fenster. Und wie beides in seiner Wahrnehmung verschmolz, das war eine „überwältigende emotionale Erfahrung“. Schon als Kind erkannte er eine „Logik“ hinter den Klängen.

Was Filmmusik können muss

Was passiert, wenn er seine eigene Musik hört? Dann denke er „über jedes kleinste Atom der Klänge nach“, erzählte Richter in Berlin. Darüber, ob es „die beste Art und Weise“ sei, wie die Klänge „präsentiert werden“. Er frage sich: „Erzählen sie die Geschichte auf die intensivste und direkteste Weise? Kommunizieren sie so kraftvoll, wie sie können? Fühlen sie sich absolut notwendig an?“ Nur dann sei es richtig. Die Aufgabe von Filmmusik? Sie muss das Thema eines Films, einer Szene vermitteln, aber das auf mehr als eine Weise. Was er damit meint, schilderte Richter anhand von Ausschnitten aus „Hamnet“ und „Ad Astra“. 

Geister aus der Vergangenheit

In „Hamnet“ gibt es eine Szene, in der sich William Shakespeare und seine spätere Frau Agnes zum ersten Mal begegnen. Shakespeare erzählt Agnes die berühmte Geschichte von Orpheus und Eurydike. Da Orpheus eine Lyra, eine kleine Harfe spielte, hört man in der Szene eine Harfe. Was man aber auch hört, ist eine „gleichmäßige rhythmische Struktur“, die es erlaube, dem Dialog besser zu folgen, wie Richter erklärt – bis zum Moment, in dem ein Augenaufschlag von Agnes ihr Interesse an William signalisiert. Dann setzen akustische Instrumente aus der Elisabethanischen Zeit ein, die aber elektronisch transformiert sind, so dass sie wie „Geister“ klingen. Denn auch im Film geht es um einen Geist: den von Hamnet, den Sohn von William und Agnes, dessen Tod sie verarbeiten müssen.

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Wie klingt das Weltall?

„Ad Astra“ handelt von einem Astronauten, der zum Neptun fliegt. Dafür hat Richter elektromagnetische Daten verwendet, die die Voyager-Sonden in der Nähe des Neptun aufgezeichnet haben. Als Zuschauer weiß und hört man das nicht, aber es zeigt, wie vielschichtig Max Richter arbeitet. Die Verbindung von Samples, Elektronik und analogen Instrumenten ist auch für die Musik typisch, die Richter jenseits von Filmen komponiert. Ein Großteil dessen entsteht irgendwo im Wald in der Nähe von Oxfordshire, wo er sich mit seiner Lebenspartnerin Yulia Mahr ein Studio in einem alten Bauernhof eingerichtet hat. 

Räume für das Fühlen

Sein bisher ehrgeizigstes Projekt ist „Sleep“. Ein acht Stunden dauerndes Hörerlebnis, dessen Premiere 2015 in Berlin war und das es auch als Album und als App gibt. Bei den fast 30 Aufführungen war es dabei so, dass diese von Mitternacht bis morgens um acht gingen. Und das Publikum war aufgefordert, dazu in Betten zu schlafen. Die Idee: Auf der Grundlage neurowissenschaftlicher Forschung eine Art „alternativer Realität“ zu schaffen, in der man sich von der Informationsflut des Handy-Zeitalters erholen kann. Und in der „Räume für das Fühlen“ entstehen, um noch einmal Chloé Zhao zu zitieren. Was wir genau fühlen sollen, sagt uns Richter nicht, sagt Zhao. Und vielleicht ist es genau das, was gute Filmmusik ausmacht.