Wie eine Reise die Kunst verändert

Yiy Zhang hatte schon ein Kunststudium an Chinas renommiertester Kunstakademie abgeschlossen. Dann reiste sie nach Europa…

Die chinesische Künstlerin Yiy Zhang
Die chinesische Künstlerin Yiy Zhang Ren Changsong

Die Frage, ob sie ihr Leben der Kunst widmen soll oder lieber einen klassischen Beruf ergreifen sollte, stellte sich für Yiy Zhang nie. Ihr Vater ist Maler und als Kind verbrachte sie viel Zeit in seinem Atelier. „Die Kunstutensilien wurden meine Freunde“, erzählt die chinesische Künstlerin. Sie malte Ölbilder wie ihr Vater. Ihre künstlerische Laufbahn schien vorgezeichnet, doch dann entwickelte sich alles ganz anders.

Zunächst besuchte Yiy Zhang die Central Academy of Fine Arts in Peking. Diese gilt als renommierteste und prestigeträchtigste Kunstakademie Chinas. Kunst werde dort ganz anders gelehrt als in Deutschland, sagt Yiy Zhang. Während es in Europa schon bei der Aufnahmeprüfung um die individuelle Kreativität der Bewerber gehe, stünde in China die Technik im Vordergrund. Im Studium vertiefen die Studierenden traditionelle Mal- und Zeichentechniken, das Ziel: realitätsgetreues Malen perfektionieren.

Ich muss eine andere Art von Kunst machen.

Die Künstlerin Yiy Zhang nach einem Louvre-Besuch

Als Austauschstudentin kam die Chinesin mit 20 Jahren zum ersten Mal nach Europa, sie verbrachte ein halbes Jahr in Frankreich. Der Besuch des Louvre, dem berühmten Kunstmuseum in Paris, war ein einschneidendes Erlebnis. Dort sah Yiy Zhang realistische Gemälde von solcher Schönheit und Perfektion, dass sie beschloss: „Ich muss eine andere Art von Kunst machen.“ Von da an widmete sich die junge Künstlerin der zeitgenössischen Kunst und begann, ihren eigenen, unvergleichlichen künstlerischen Weg zu entwerfen und die Ölmalerei hinter sich zu lassen.

Zurück in China konzentrierte sich Yiy Zhang auf große Installationen. Für ihre Abschlussarbeit an der Pekinger Kunstakademie 2013 verpflanzte sie einen echten Pfirsichbaum in den Ausstellungsraum, die Wände bestückte sie mit Pfirsichkernen in unterschiedlichen Stadien der Verrottung. Eine Hommage an ihren Großvater, der einst einen Pfirsichbaum auf einen Berggipfel pflanzte. Nach seinem Tod aß niemand mehr die Früchte.

Yiy Zhang und ihr Kunstprojekt „Lebenslinie“
Yiy Zhang und ihr Kunstprojekt „Lebenslinie“ Luo Hao

Aufnahme an der Kunstakademie in München

Diese Arbeit war Teil von Yiy Zhangs Portfolio zur Bewerbung an deutschen Kunstakademien. Denn nach ihrem Bachelor in Peking wollte sie Kunst noch einmal ganz anders lernen. Mit Aufnahme an der Kunstakademie in München 2014 wurde die Chinesin zur Wanderin zwischen Abend- und Morgenland. Bis heute lebt und arbeitet sie abwechselnd ein paar Monate in China und in Deutschland.

Über ihre Anfangszeit in Deutschland sagt sie: „Mein Denken veränderte sich sehr.“ Von ihrem Vater, dem traditionellen Ölmaler, entfernte sie sich immer weiter. „Es ist schwierig für ihn, meine Kunst zu verstehen“, sagt sie. Yiy Zhang fühlte sich fremd, in der alten wie in der neuen Heimat. „Es ist immer schwierig, verstanden zu werden – als Künstler ganz besonders“, findet sie. Die Identitätsfrage ist bis heute sehr präsent in ihrem Leben – und damit in ihrer Kunst.

2014 startete sie ihr Kunstprojekt „Lebenslinie“. In den folgenden Jahren malte sie die Linie auf Wände, Böden und Straßen. Ein Ende wird die Linie nicht finden, sondern sich „einem ewigen Kreis gleich wiederholen und im Nichts enden“ – so beschreibt es Yiy Zhang in ihrem Portfolio.

Abschlussarbeit an der Kunstakademie in Düsseldorf

In Yiy Zhangs Kunst geht es nie nur um die Suche nach der eigenen Identität, das individuelle Erleben wird immer auf eine künstlerische Metaebene gehoben. Deutlich wird das auch bei der Installation, mit der sie im Sommer 2019 ihr zweites Kunststudium abgeschlossen hat: Thema ist der Keller der Kunstakademie Düsseldorf. Nach Düsseldorf war Yiy Zhang in der Halbzeit ihres Studiums mit ihrem Professor Gregor Schneider gewechselt. Schneider ist für seine gebauten Räume und begehbare Skulpturen bekannt. Yiy Zhang wurde seine Meisterschülerin.

Für ihre Abschlussarbeit baute die Künstlerin den Keller der Kunstakademie im Klassenzimmer nach –mit Leitungen und Lampen am Boden und verdrehten Türen. Der Keller ist für sie das Herz der Akademie, in den Werkstätten für Metall und Stein verbrachte sie viel Zeit. Symbolisch gesehen ist der Keller der Ort, aus dem die Menschen entwachsen, der ihre Identität und Fortentwicklung formt. Dies klingt in einem Gedicht an, das Yiz Zhang geschrieben hat. Besucher ihrer Abschlusspräsentation führte sie stumm durch den Keller der Akademie. „Ich möchte meine Kunst nicht zerreden“, sagt sie. Die Arbeit mit Besuchern war neu für die Künstlerin. Und ein weiterer Schritt weg von der traditionellen Malerei, mit der sie einst begann.

Nächstes Projekt: „ID-Supermarkt“

Wie es bei Yiy Zhang jetzt weitergeht? „Ich habe keinen Plan. Ich folge einfach dem Flow“, sagt die 29-Jährige. Vorerst wolle sie in Düsseldorf bleiben, gerade bereitet sie Ausstellungen in Wuppertal und Köln vor. „ID-Supermarkt“ heißt ihr neuestes Projekt, das erneut um Fragen nach der eigenen Identität aufwerfen wird.

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