Konkrete Klänge, abstrakte Kunst

Die türkischen Künstlerinnen Nevin Aladağ und Banu Cennetoğlu zeigen ihre Arbeiten auf der Documenta 14 in Athen und Kassel.

Foto: Michael Nast - Nevin Aladağ, „Jali“/VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Zwei Orte, zwei Kunstwerke: Nevin Aladağ prägt zurzeit auf ganz unterschiedliche Weise Räume der Documenta 14 in Kassel und Athen. In aller Stille können die Besucher des Hessischen Landesmuseums in Kassel Aladağs ornamentale Keramikskulptur „Jali“ betrachten, sich an die gleichnamigen Bauelemente der indischen Architektur erinnern oder neue, eigene Assoziationen bilden. In Athen ist es nicht so still. Die Installation „Musikzimmer“ im Athener Konservatorium lässt Performer auf zu Instrumenten umfunktionierten Möbeln und Haushaltsgegenständen spielen, etwa auf einem mit Saiten bespannten Stuhl oder einem mit Trommelfell bedeckten Topf. Nevin Aladağ erzeugt einen besonderen Klang Athens: Sie hat das Zubehör ihres Musikzimmers auf den Flohmärkten der Stadt erworben und von Instrumentenbauern zu Geigen, Gitarren oder Trommeln umgestalten lassen.

Nevin Aladağ, Music Room“:

Verschiedene Formen des Vermittelns und Übersetzens ziehen sich durch das Werk der im osttürkischen Van geborenen, in Stuttgart aufgewachsenen und seit Langem in Berlin lebenden Künstlerin. Immer wieder spielt Musik eine wichtige Rolle. Für die Biennale di Venezia 2017 entwickelte Nevin Aladağ mit der Videoinstallation „Traces“ ein Porträt ihrer Heimatstadt Stuttgart. Wie in ihrer Athener Arbeit hat sie in der Stadt Instrumente gefunden, lässt sie aber in der Videoinstallation nicht von Menschen spielen, sondern etwa vom Wind oder von wippenden Kinderschaukeln. „Die Stadt produziert ihren eigenen Sound“, sagt Nevin Aladağ. Sie wählt bewusst solche abstrakten Ausdrucksformen: „Ich bin nicht sehr direkt in meiner Sprache.“

Nevin Aladağ im Interview:

Sprache spielt in den Werken der in Ankara geborenen Künstlerin Banu Cennetoğlu eine zentrale Rolle, insbesondere in gedruckter Textform. Cennetoğlu, die 2016 Gast des Berliner Künstlerprogramms des DAAD war, untersucht das Potenzial und die Bedeutung, die das geschriebene Wort in verschiedenen Situationen einnehmen kann. Ihre Arbeit für die Documenta 14 in Kassel untersucht Sprache als Bedeutungsträger im öffentlichen Raum. Ihr Beitrag ist eine großformatige Intervention am Bau der Kunsthalle Fridericianum. Dafür hat sie die Inschrift des Museums, die ansonsten den Giebel des Gebäudes schmückt, gegen den Schriftzug „Being safe is scary“ getauscht. Ein Statement, mit dem die Künstlerin die Besucher anregen will, über ihr eigenes Verständnis von Furcht nachzudenken.

Banu Cennetoğlu, „BEINGSAFEISSCARY“

Fragen nach Angst, Schutzbedürftigkeit und staatlicher Legitimation zur Wahrung von Sicherheit sind grundlegend für die Arbeiten Banu Cennetoğlus. In ihrem Documenta-Beitrag für Athen, vor den Säulen der Gennadius-Bibliothek, zeigt die Künstlerin die Installation „Gurbet’s Diary (27.07.1995–08.10.1997)“. Sie besteht aus 145 Lithografie-Steinen, die sie jeweils mit einer Seite aus dem Tagebuch der kurdischen Journalistin Gurbetelli Ersöz bedrucken ließ. Die persönlichen Erinnerungen der jungen Frau, die sich nach ihrer Arbeit als Chefredakteurin der Zeitung „Özgür Gündem“ Mitte der Neunzigerjahre als Guerrillakämpferin der PKK anschloss, bergen bis heute politischen Zündstoff und können daher trotz ihrer poetischen Dimension nicht überall veröffentlicht werden: In der Türkei ist das Erscheinen von Gurbetelli Ersöz‘ Tagebuch verboten. Darauf spielt die Installation an; die Schrift auf den schweren Steinen des Kunstwerks in Athen ist unleserlich (die Steine wurden in Spiegelschrift beschriftet). Sie sollen so für die Unmöglichkeit stehen, einen historisch „aufgeladenen“ Text abzudrucken, selbst wenn der Kontext eine internationale Kunstausstellung ist.

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