Chopin im 
Whiskey-Sound

Die junge deutsch-japanische Pianistin Alice Sara Ott hat ein ungewöhnliches Album aufgenommen.

Eine hypnotisierende Darbietung, die das Potenzial hat, sie zur Legende werden zu lassen.“ So euphorisch kommentierte die renommierte britische Zeitung „The Guardian“ den jüngsten Auftritt von Alice Sara Ott mit dem London Symphony Orchestra. Die deutsch-japanische Pianistin sorgt gerade für Aufsehen in internationalen Konzertsälen. Dabei ist der 27-jährigen Musikerin, die sich bei ihren Auftritten barfuß ans Klavier setzt, alles Glatte und zu Perfekte zutiefst suspekt. „Ich finde es viel spannender, auch die Macken, Kanten und Kratzer der Musik zu zeigen“, betont die gebürtige Münchnerin. In dem isländischen Komponisten Ólafur Arnalds hat ie einen hochkarätigen Verbündeten gefunden: Gemeinsam streiften die beiden durch die Bars von Reykjavík, auf der Suche nach alten, verstimmten Klavieren. „Wir haben uns einen Whiskey bestellt und durften spielen“, erzählt Alice Sara Ott. Sie hefteten Staubtücher ins Innere der Instrumente und experimentierten mit dem Klang. Die Mikrofone, durchweg eher ältere Modelle, hingen direkt im Flügel. Das daraus entstandene, im März 2015 veröffentlichte Album „The Chopin Project“ kombiniert eine Auswahl originaler Chopin-Stücke mit Intermezzi für Streichquartett, Klavier und Synthesizer von Ólafur Arnalds. Als Alice Sara Ott die Aufnahme zum ersten Mal hörte, bekam sie einen Riesenschreck. „Bewusst haben wir alle Außengeräusche mit aufgenommen, wir wollten ganz nah dran sein an unserer Umgebung“, erzählt die Pianistin. „Was ich nicht bedacht hatte: Auch mein Atmen war deutlich zu hören – und ich habe festgestellt, dass ich beim Spielen vor mich hin summe!“ Das in der Musikbranche begeistert aufgenommene Chopin-Album war nicht nur in musikalischer Hinsicht ein Ausnahmeprojekt. „Ich bin viel unterwegs und meine Termine sind immer genau aufeinander abgestimmt“, so Ott. „Aber als ich nach Reykjavík kam, war nichts geplant, wir haben einfach geschaut, was sich an Situationen ergibt.“ Die Aufnahme hat ihr einmal mehr bestätigt, wie wichtig solche Live-Momente sind: „Es entsteht etwas, das sich nicht wiederholen lässt.“

Im August legte Alice Sara Ott mal wieder einen Zwischenstopp in ihrer Wahlheimat Berlin ein. In den Wochen zuvor war sie der Star des Schleswig Holstein Musik Festivals. Vor ihr liegt eine zweiwöchige Tournee durch Japan. „Das Land hat natürlich immer eine große Rolle für mich gespielt“, betont Ott. Ihre japanische Mutter, die selbst Pianistin ist, war zunächst dagegen, dass sie sich ebenfalls für die Musik entscheidet und ermutigte beide Töchter, andere Dinge auszuprobieren. „Ich habe schon als kleines Kind gemerkt, dass ich meine Empfindungen am Klavier besser ausdrücken kann als mit Worten“, sagt Alice Sara Ott heute. „Deshalb habe ich sehr hart gekämpft und nicht locker gelassen.“ Mit vier Jahren erhielt sie Klavierunterricht und spielte mit 16 Jahren bereits die ersten Konzerte. Dem Heimatland ihrer Mutter fühlt sich die zweisprachig aufgewachsene Alice Sara Ott sehr verbunden – auch wenn sie in den ersten Jahren ihres Lebens kaum dort war. „Wir haben in München die japanische Samstagsschule besucht und dort sehr viel mitbekommen, auch was die japanischen Traditionen betrifft“, sagt sie. „Es sind meine Wurzeln – und die sind mir wichtig.“ Seit ihrem zwölften Lebensjahr ist sie häufiger im Land, inzwischen vor allem beruflich. Allein in diesem Jahr ist es ihre vierte Konzertreise nach Japan. „Ich liebe das japanische Publikum, weil es so unglaublich treu und aufmerksam ist“, schwärmt die junge Pianistin. Mit dem NHK-Sinfonieorchester wird sie in den nächsten Wochen Beethovens 3. Klavierkonzert spielen. „Ich freue mich immer, wenn ich in Tokyo bekannte Gesichter im Publikum sehe!“ ▪