Der Passivhaus-Pionier in China

Ludwig Rongen ist überzeugter Passivhaus-Architekt. Seit Mitte der 2000er-Jahre arbeitet er auch in China. Ein Interview.

Rongen Architekten - Passiv Haus

Herr Rongen, in China gelten Sie als „der“ Experte für Passivhäuser. Wie kam Ihr China-Kontakt zustande?

Der Kontakt kam Ende der 1990er-Jahre durch das Land Nordrhein-Westfalen zustande, das eine Partnerschaft mit der Provinz Sichuan unterhält. Ich war dadurch einige Male mit einer Wirtschaftsdelegation in China und habe damals schon Fachvorträge zum Thema Passivhaus gehalten.

Wie lange beschäftigen Sie sich schon mit Passivhäusern?

Bestimmt seit 15 Jahren. Ich kam eines morgens ins Büro und sagte zu meinen Mitarbeitern: „Die Zeit ist reif. Wir bauen jetzt nur noch Passivhäuser.“ So ging es los, das war wirklich so.

Inzwischen sind Sie Gastprofessor an zwei großen Universitäten in Chengdu, der Sichuan Universität und der South West Jiaotong Universität. Wie kam das?

Im Rahmen der Länderpartnerschaft kamen Anfang der 2000er-Jahre Stadtplaner, Verkehrsplaner und Architekten aus China nach Deutschland. Ein Architekt hospitierte bei uns. Es stellte sich heraus, dass er der stellvertretende Chefarchitekt des Design Research Institutes Chengdu mit etwa 350 Mitarbeitern war. Als er nach einem Jahr nach China zurückging, wurde er Chef dieses Institutes – und ich bekam eine Einladung von der Sichuan Universität, verbunden mit der Frage, ob ich eine Gastprofessur annehmen wolle. Das war 2004. 2005 kam dann die South West Jiaotong Universität auf mich zu.

Wie häufig halten Sie sich in China auf?

Im letzten Jahr war ich mindestens einmal pro Monat in China. Ich halte inzwischen mehr als je zuvor Vorträge zu Themen rund um das Passivhaus. Wenn es die Zeit und der Reiseplan erlauben, besuche ich auch die beiden Universitäten, um Vorlesungen zu halten. Allerdings sind die Gastprofessuren nicht mit regelmäßigen Verpflichtungen verbunden. Derzeit liegt eine Anfrage der renommierten Tsinghua-Universität in Peking vor, ein Masterprogramm zum Thema „Passivhaus“ aufzubauen.

Neben der Lehre realisieren Sie auch konkrete Projekte. Was war Ihr Pilotprojekt?

Im Auftrag der Deutschen Energie-Agentur (dena), habe ich schon Mitte der 2000er-Jahre verschiedene Pilotprojekte beratend begleitet, darunter ein Forschungszentrum in Shijiazhuang, vier Wohnhochhäuser in Qinhuangdao und eine Schule in Harbin.

Und an welchem Projekt arbeiten Sie gerade?

Derzeit planen wir für den größten Holzfensterhersteller Chinas, die Firma Sayyas, in Harbin einen neuen Fabrik- und Verwaltungsbau mit etwa 40000 Quadratmeter nutzbarer Grundfläche als zertifiziertes Passivhaus. Das Projekt ist nicht nur in China, sondern weltweit einzigartig. Mit dem Bau soll im April 2014 begonnen werden. Wenn es gelingt, kann dieses Projekt einen großen Beitrag zum Umdenken in Richtung klima- und umweltgerechtes Bauen in China leisten.

Sie sind auch an der Entwicklung des Sino-German Ecoparks in Qingdao beteiligt, einem Vorzeigeprojekt. Wie ist der Stand der Dinge?

Noch sind wir nicht konkret beteiligt. Es laufen aber zahlreiche Gespräche. Und es gibt auch vertragliche Vorvereinbarungen. Wir sollen als Berater und Planer für Passivhäuser eingeschaltet werden. Der Sino-German Ecopark in Qingdao soll das Zentrum für energieeffizientes Bauen beziehungsweise für das Bauen im Passivhaus-Standard in China werden. Es ist geplant, zahlreiche Passivhäuser zu errichten, die den Kriterien des unabhängigen Passivhaus Instituts Prof. Wolfgang Feist in Darmstadt entsprechen. In den nächsten Wochen wird sich entscheiden, wie es weitergeht.

In den nächsten zehn Jahren sollen in China Wohnungen für 200 Millionen Menschen gebaut werden. Welches Potenzial sehen Sie dort für deutsche Unternehmen und Technologien?

Die chinesische Zentralregierung misst dem klima- und umweltgerechten Bauen inzwischen eine viel größere Bedeutung zu als wir in Deutschland glauben. Dafür stellt China große finanzielle Summen zur Verfügung, Da Deutschland in China in Sachen energiesparendes Bauen den besten Ruf und das größte Vertrauen genießt, und deutsches Know-how und deutsche Produkte aus diesem Bereich sehr gefragt sind, kann das für deutsche Unternehmen ein großer Zukunftsmarkt werden.

Passivhäuser sollen in Europa bei Neubauten ab 2019 für alle öffentlichen Gebäude, ab 2021 für alle Gebäude Standard sein. Wie weit ist China auf diesem Weg?

Nicht selten kommen chinesische Energieversorger – insbesondere in den Metropolen – an ihre Grenzen, was die Bereitstellung des Energiebedarfs betrifft. China hat außerdem längst erkannt, dass ungebremster Energieverbrauch auch zu gravierenden Umweltproblemen führt. Daher will die chinesische Zentralregierung China nun zu einem führenden Land im Bereich des energiesparenden Bauens machen. China beobachtet sehr genau, was sich in dieser Hinsicht in Europa – vor allem in Deutschland – tut. Daher sollen für den Qingdao Eco Park auch deutsche Unternehmen angeworben werden.

Der aktuelle chinesische Fünfjahresplan setzt einen Schwerpunkt auf Energieeffizienz. Wie ernst nehmen die Chinesen die hohen umweltpolitischen Ziele?

Das hängt vom Wissensstand des Einzelnen ab. Aber zumindest Institutionen, Unternehmen und Personen, die beruflich in irgendeiner Form mit dem Bauen zu tun haben, nehmen diese hohen Ziele der Politik sehr ernst. ▪

Interview: Martin Orth