Preisgekrönt und einfallsreich

Das vielschichtige Werk der deutsch-türkischen Komponistin Sinem Altan.

Man hört es am Rhythmus und an den Melodien ihrer Musik: Sinem Altan hat türkische Wurzeln. „Musik muss in dem Moment, in dem sie erklingt, etwas mit den Zuhörern machen, sie muss sie in einen bestimmten Gefühlszustand bringen. Wenn man Musik erst analysieren muss, um sie zu verstehen, dann fühlt sich das für mich nicht richtig an“, sagt die preisgekrönte Komponistin und Pianistin. Form und Struktur ihrer Werke sind allerdings geprägt von der Auseinandersetzung mit klassischer Musik.

Mit fünf Jahren erhält Sinem Altan in Ankara Klavierunterricht, mit sieben beginnt sie zu komponieren, mit elf besteht sie die Aufnahmeprüfung an der Hochschule für Musik (HfM) Hanns Eisler im Fachbereich Komposition/Klavier. 2002 – mit 17 – setzt sie ihr Kompositionsstudium bei Friedrich Goldmann an der Berliner Universität der Künste fort, studiert zur gleichen Zeit Musiktheorie an der HfM Hanns Eisler bei Jörg Mainka und Klavier bei Thomas Just, absolviert anschließend ein Studium der Komposition an der Hochschule für Musik Freiburg bei Cornelius Schwehr. Sie gewinnt mehrere erste Preise bei „Jugend musiziert“ und „Jugend komponiert“. Ein Wunderkind, doch Altan wiegelt ab: Bei ihr zu Hause sei das kein großes Thema gewesen. „Dass ich komponierte war selbstverständlich und gehörte zum Alltag. Es machte Spaß.“

In Sinem Altans künstlerischem Schaffen kommen Einflüsse aus verschiedenen Welten zusammen, haben europäische Klassik und türkische Volksmusik ebenso ihren Platz wie Jazz und Opernkompositionen. Die junge Frau sieht sich als Vertreterin einer neuen Generation von Komponisten, die keine Berührungsängste gegenüber anderen Milieus als dem klassischen Konzertpublikum haben und auch stilistisch aus der Vielfalt schöpfen: Da gebe es Kollegen, die Neue Musik komponieren und als DJs auflegen. „Oder ein anderer ist Mitglied in einer Hip-Hop-Gruppe.“ Entscheidend ist für Altan der Kontakt zum Publikum und durch ihn vor allem Kinder und Jugendliche für Musik zu begeistern. Man brauche Mut zu Experimenten und müsse sich auch mal jenseits der gängigen Kategorien und Denkmuster bewegen. So geschehen bei ihrem Kompositionsauftrag für das Theater Freiburg: Dort war im Juni 2015 Premiere ihrer Oper „Die gute Stadt“. Ganz Freiburg war quasi kulturell eingebunden. Laienchöre agierten mit Profimusikern auf der Bühne und zogen dadurch ein breites Publikum an. Die Komponistin plädiert ohnehin dafür, die Hochkultur vom Sockel zu holen, sie zum Beispiel in anderen Räumlichkeiten zu präsentieren, klassische Musik auch mal im Rahmen eines Picknicks aufzuführen.

Als Pianistin und Arrangeurin tritt Sinem Altan mit ihrem Ensemble Olivinn auf: Das Quartett spielt türkische Tangos, interpretiert Schuberts „Der Leiermann“ als anatolische Volksweise, improvisiert und jazzt, arbeitet für Musiktheater und hat 2014 die CD „Kara“ herausgebracht. Als Auftragskomponistin arbeitet Altan gerade an einem Streichquartett für den Felix Mendelssohn Bartholdy Hochschulwettbewerb 2016. Mitte August 2015 erlebte ihr Orchesterwerk „Hafriyat – Earthwork“ beim renommierten „Young Euro Classic“-Festival seine Uraufführung und gewann dort den Europäischen Komponistenpreis. Es zeichnet sich laut Jury durch „eine emotionale und motorische Wucht“ aus, „die uns mitreißt, ohne reißerisch zu sein“. Für Altan beinhaltet das Stück auch eine Auseinandersetzung mit den jüngsten politschen Entwicklungen in der Türkei und ihrer Herkunft. Ihre Antwort auf die Frage nach dem sogenannten Migrationshintergrund spiegelt wohl etwas von dem Selbstverständnis vieler junger Künstler in Deutschland wider: „Ich bin eine Berliner Komponistin und Weltbürgerin.“ ▪