Von der Villa Kamogawa auf die Berlinale

Ein bedeutender Baustein der Auswärtigen Kulturpolitik sind die Residenzprogramm des Goethe-Instituts. Zum Beispiel in der Villa Kamogawa in Kyoto.

Die Villa Kamogawa liegt am Ufer des Kamoflusses in Kyoto, nach dem sie benannt ist. Im Café Müller, das im Erdgeschoss zu finden ist, stehen deutsche Biere und Kaffee auf der Getränkekarte. Von der Terrasse aus genießen Gäste den Blick über einen malerischen Garten. Die Künstlerresidenz des Goethe-Instituts ist ein idyllisch gelegenes Fleckchen, das vom Zentrum der Stadt zu Fuß dennoch gut zu erreichen ist. Alle drei Monate kommen neue Bewohner ins Haus: Seit 2011 werden Stipendiatinnen und Stipendiaten aus Deutschland im Rahmen des Residenzprogramms in die Villa eingeladen, um hier eigene Projekte weiterentwickeln und umsetzen zu können.

 

„Die traditionelle Kultur Japans ist in Kyoto auf einzigartige Weise erhalten“, sagt Markus Wernhard, seit 2014 Leiter der Villa Kamogawa. Vom Krieg verschont, beherbergt die japanische Metropole eine Vielzahl historischer Kulturstätten. Auch die traditionelle Handwerkskunst wird in der Millionenstadt gepflegt. Ein Aspekt, der für die Figurenspielerin Antje Töpfer besonders wichtig war. Für ein Theaterprojekt beschäftigte sie sich während ihres Aufenthalts im Sommer 2015 mit der Kunst des Origami. Ein Video zeigt die Künstlerin aus Stuttgart in ihrem Gästestudio, mit großer Geduld einen DIN A 4-großen Kimono aus Papier faltend, ohne jeden Kleber oder Schnitt. „Diese Wertschätzung im Umgang mit Papier kannte ich vor meinem Besuch in Japan nicht“, sagt Antje Töpfer. Sehr intensiv beschäftigte sie sich mit dem jahrhundertealten Handwerk, besuchte Papiermacher in der Region, probierte Materialien aus und übertrug ihre Erfahrungen anschließend direkt auf die Bühne. Im Januar 2016 hatte ihr Stück „Drei Akte“ in Stuttgart Premiere. Darin tanzt die Figurenspielerin mit einer Figur, die sie aus einer acht Meter langen Papierbahn gefaltet hat. „Diese Reduktion auf das Wesentliche, wie ich sie auch im japanischen No-Theater oder im Maskenspiel kennengelernt habe, hatte einen großen Einfluss auf meine Inszenierung.“

Der dreimonatige Aufenthalt in der Villa Kamogawa hat schon viele deutsch-japanische Projekte hervorgebracht. Vom Hörstück bis zur Wandarbeit reicht das Spektrum der Werke, die Einflüsse aus dieser Zeit aufnehmen und künstlerisch verarbeiten. Ein besonders prominentes Beispiel ist der in Kyoto entwickelte Film „Grüße aus Fukushima“ von Doris Dörrie, der 2016 auf der Berlinale seine Weltpremiere feierte. Alumna Anne Kathrin Greiner wiederum erreichte mit ihrer Fotoserie „Hankyo“, die in Kyoto entstanden ist, im vergangenen Jahr die Endauswahl des renommierten Otto-Steinert-Preises. Ganz frisch im Suhrkamp-Sortiment sind seit März 2016 zwei Bücher der Schriftstellerin Marion Poschmann, die Betrachtungen und Gedichte aus ihrer Zeit als Stipendiatin enthalten. Der Gedichtband „Geliehene Landschaften. Lehrgedichte und Elegien“ schaffte es sogar auf die Shortlist für den Preis der Leipziger Buchmesse 2016. „Nicht jeder Aufenthalt mündet in ein konkretes Projekt“, beobachtet Leiter Markus Wernhard. „Spuren hinterlässt er jedoch immer.“

Die Stipendiaten finden ideale Bedingungen vor, um sich eine Zeitlang ganz auf ihre künstlerischen Projekte konzentrieren zu können. „Die Mitarbeiter des Goethe-Institutes gestalten einen Rahmen, der das Hiersein und Arbeiten zu etwas Außergewöhnlichem macht“, lobt der Leipziger Künstler Andreas Schulze. Mit der Choreografin und Tänzerin Paula Rosolen, dem Architekten Hannes Mayer und dem Bildenden Künstler Timo Herbst zählt Schulze zur ersten Runde der Stipendiaten im Jahr 2016. Bei seinem Projekt in der Villa Kamogawa untersucht er die Darstellung und Wahrnehmung des kulturellen Erbes von Kyoto. „Mich interessiert, wie Zugänge zu Kunstwerken oder Kulturwerten geschaffen werden, beispielsweise über digitale Methoden, und wie sie verhindert werden.“

Die Villa Kamogawa ist ein Ort der deutsch-japanischen Begegnung. Mit der Veranstaltungsreihe Creators@Kamogawa bringt das Goethe-Institut seit 2014 Künstler beider Länder aufs Podium. Diskutiert werden gesellschaftsrelevante Themen wie „Fukushima, Flüchtlinge und der Beitrag der Künste“ oder auch Fragen kultureller Identität. An einem dieser Abende lernten Antje Töpfer und ihr Mit-Stipendiat Philip Widmann den japanischen Kollegen Satoshi Ago kennen, der in Kyoto das Atelier Gekken leitet, ein Theater für freie Tanz- und Theatergruppen. „In einer der Inszenierungen war auch ein Roboter auf der Bühne“, erzählt Antje Töpfer. „Das hat mich natürlich sofort angefixt.“ Die Figurenspielerin, Filmemacher Widmann und Regisseur Ago haben sich zu einem interkulturellen Projektteam zusammengetan: Gemeinsam untersuchen sie die Terminologie in der theatralen und politischen Sprache. Ausgangspunkt ist ein expressionistisches Antikriegsstücks des deutschen Autoren Reinhard Goering. Die Uraufführung des Theaterstücks „Seeschlacht“ in Japan zu Beginn des 20. Jahrhunderts habe viel in Bewegung gebracht, erklärt Töpfer. „Es hat die Wahrnehmung der westlichen Kultur bis in die heutige Zeit geprägt.“

 

Der Zeitplan für das Projekt, mit dem das Team in Deutschland und Japan auf Tournee gehen will steht. Per Skype und Mail tauschen sich die Künstler aus, im Sommer stehen gegenseitige Arbeitsbesuche an. „Die Zusammenarbeit ist sehr intensiv und spannend“, erzählt Antje Töpfer. Bei der Finanzierung ihres Projekts könnte auch das Goethe-Institut wieder ins Spiel kommen. Im Rahmen der Nachförderung, einem noch jungen Förderinstrument, unterstützt die Villa Kamogawa ihre Alumni auch nach dem Ende des Aufenthalts bei Folgeprojekten in Japan. „Unser Ziel ist ein nachhaltiger Austausch“, betont Markus Wernhard. Mit der Nachförderung übernimmt das Goethe-Institut die Restfinanzierung von Folgeprojekten und erleichtert so das Einwerben von Drittmitteln. Das Stipendium schafft Anreize, Kontakte zu japanischen Kreativen aktiv zu suchen und sie auch über den Aufenthalt in der Villa Kamogawa hinaus weiter zu pflegen. ▪