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Musiker und ein Chor treten in einer Kirche auf
Konzert der Lebensmelodien in der Apostel-Paulus-Kirche Berlin © Matthias Kaufmann

„Musik ist eine Sprache ohne Worte, sie berührt direkt im Herzen“

Die „Lebensmelodien“ sind Stücke, die Jüdinnen und Juden zwischen 1933 und 1945 komponierten, spielten oder sangen – und heute ein neues Publikum erreichen. 

01.09.2026Anja LeuschnerInterview: Anja Leuschner

Es sind Melodien, die in schweren Momenten Kraft gegeben haben, Fröhlichkeit in dunkle Zeiten brachten, aber auch von Verfolgung und Tod zeugen: jüdische Lieder und Melodien, komponiert, gespielt oder gesungen zwischen 1933 und 1945. Mehr als 80 Jahre später bringt das Projekt „Lebensmelodien“ die Werke auf die Bühne; in Konzerthäusern, an Schulen, in Synagogen, Kirchen und Moscheen. Das Projekt geht auf eine Initiative des jüdischen Musikers Nur Ben Shalom und des Superintendenten des evangelischen Kirchenkreises Tempelhof-Schöneberg Michael Raddatz zurück, die gemeinsam einen Karfreitagsgottesdienst gestalteten – 2019, als der Feiertag mit dem Gedenktag zum Warschauer Ghettoaufstand zusammenfiel. Alles begann mit einem besonderen Zeitzeugnis. 

Herr Ben Shalom, Herr Raddatz, um was handelt es sich bei diesem Zeitzeugnis? 

Nur Ben Shalom: Es gibt einen Brief meiner Großtante Salomea Ochs Luft, den sie aus dem Ghetto von Tarnopil in der heutigen Ukraine schrieb, kurz vor ihrer Ermordung durch die Nationalsozialisten. Sie beschreibt darin ihre Lebensumstände zu der Zeit und wie sie als Musikerin Schritt für Schritt entwürdigt wurde. Der Brief endet mit den Worten „Nehmet einst Rache“, das Wort „Rache“ ist ganz großgeschrieben. 

Ein abfotografierter Brief
Ausschnitt des Briefes von Salomea Ochs Luft © Nur Ben Shalom

Michael Raddatz: Für mich war klar, dass dieser Brief im Zentrum des Gottesdienstes stehen soll, weil es in den biblischen Texten zum Karfreitag ja auch darum geht, wie ein unschuldiger Mensch entwürdigt und erniedrigt und schließlich ermordet wird. Wir haben also einen Gottesdienst zum Thema Rache gestaltet. Das war ein Tabubruch – und das auch noch live im Deutschlandfunk, mit etwa einer Million Zuhörenden. Die Lebensmelodien sind als Akt der Rache entstanden, aber nicht so, wie Salomea sich das damals vorstellte. Sie erzählen von den Schicksalen der Menschen, welche die Stücke gesungen oder komponiert haben, erinnern an sie. Und doch steckt ein Teil von Salomea in all dem, von der begnadeten Pianistin und Klavierlehrerin. 

Nur Ben Shalom: Diese Stücke wurden manchmal von Freunden der Ermordeten weitergetragen, manchmal gibt es noch Papiere dazu. Wir bringen diese Melodien auf die Bühne und erinnern mit ihnen an die Menschen, die sie schrieben, und deren Geschichten. So antworten wir auf Salomeas Wunsch nach Rache, aber gleichzeitig transformieren wir diese Rache. Mit den Stücken bringen wir die Stimmen der Menschen zurück. Sie sind nicht immer einfach zu hören, viele Stücke sind tragisch, aber Musik hat damals auch Hoffnung gegeben. Und heute tragen ein jüdischer Musiker und ein christlicher Pfarrer dazu bei, diesen Teil der jüdischen Kultur zu erhalten und ihn Menschen aller Konfessionen und aller Herkünfte zugänglich zu machen. 

Herr Ben Shalom, aus Ihrer Familie hat nur Ihr Großvater den Holocaust überlebt. Sie fühlten sich bereits seit vielen Jahren dem Wunsch ihrer Tante verpflichtet. Herr Raddatz, was hat Sie nach dem Gottesdienst zum Karfreitag angetrieben, dieses Projekt weiterzuverfolgen? 

Michael Raddatz: Wir haben einen neuen Zugang zur Erinnerungskultur entdeckt. Es ist ein emotionaler Zugang durch Musik und die Geschichte eines Menschen, den wir brauchen, gerade wenn die Überlebenden des Holocaust nicht mehr unter uns sein werden. Diese Entdeckung hat vieles in meinem Leben verändert und mir neue Perspektiven geschenkt. Ich bin gerade in einer Studienzeit in Kanada, wo die First Nations von einem kulturellen Genozid sprechen, den sie durch die sogenannten Residential Schools erlebt haben: Kinder durften ihre Sprache nicht mehr sprechen, ihnen wurde eine andere, fremde Kultur aufgezwungen, sie wurden aus ihren Familien gerissen. Auch hier erlebe ich gerade, wie die Musik ihrer Vorfahren wieder gespielt, ihre Kultur wiederbelebt wird. Es ist eine Art Rache, aber sie führt zu einer Versöhnungskultur. Und mit den Lebensmelodien ist auch eine starke Botschaft von Versöhnung und Frieden verbunden. Einige Menschen erzählten mir hier, dass sie auf die Erinnerungskultur in Deutschland schauen und darauf vertrauen, dass auf Worte auch Taten folgen. Das bewegt uns in den Lebensmelodien sehr. 

Ist Musik ein gutes Medium für Erinnerungskultur?  

Nur Ben Shalom: Musik ist eine Sprache ohne Worte, sie berührt direkt im Herzen. Jeder kann sie verstehen. Es ist eine Art Magie, und ich als Künstler kann sie nutzen, um die Menschen, die sie hören, zu bewegen. Neben unseren Konzerten sind uns unsere Bildungsprojekte besonders wichtig. Wir besuchen Schulen und erarbeiten die Stücke dort mit den Schülerinnen und Schülern. Manchmal arrangieren sie die Stücke selbst, musizieren und bringen sie auf die Bühne. Manchmal entstehen Texte oder Bilder. In jedem Fall verbindet Musik die Menschen. 

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Welche Rolle spielt Religion für das Projekt? 

Nur Ben Shalom: Wenn man die Anfänge des Projekts erzählt, dann ist es mit einer Kirche entstanden. Und die Kirche unterstützt unser Projekt bis heute maßgeblich. Aber eigentlich ist es zwischen zwei Menschen entstanden. Wir sind Menschen unterschiedlicher Konfessionen und die Menschen, die in unseren Konzerten sitzen oder an unseren Bildungsprojekten mitwirken, sind es auch. Wir möchten uns als Menschen begegnen – ob Juden, Christen, Muslime, Atheisten oder Menschen anderer Konfessionen – und Brücken bauen. 

Ein Mann hält eine Ansprache in einer Kirche
Michael Raddatz bei einer Ansprache im Rahmen eines Konzerts, an der Klarinette Nur Ben Shalom © Matthias Kaufmann