„Da waren nur zwei Mütter, die denselben Schmerz teilen“
Verstehen statt urteilen: Jugendliche sprechen in ihrem Nahost-Podcast mit Historikern, Traumaforscherinnen und Betroffenen – und lernen zuzuhören.
„Bist du bereit für die Zumutung des Lernens?“ Mit dieser Frage begrüßen fünf Abiturientinnen und Abiturienten aus Berlin ihre Hörerinnen und Hörer zu einem Podcast über Israel und Palästina. Entstanden ist das Projekt nach dem 7. Oktober 2023. Debatten über den Terrorangriff der Hamas auf Israel, den Krieg in Gaza und dessen Folgen sind für sie seitdem allgegenwärtig – in der Schule, im Freundeskreis, in den sozialen Medien. Im Rahmen des Berliner Oberstufenforums der Katholischen Akademie in Berlin, das Jugendliche mit Forschenden und gesellschaftlichen Akteuren zusammenbringt, entwickelten die Schülerinnen und Schüler den „Israel/Palestine Podcast by Berlin Students“. In 51 Folgen setzen sie sich intensiv mit einem der komplexesten Konflikte der Gegenwart auseinander.
Nach dem 7. Oktober: Fragen statt Parolen
„Wir wollten die Hintergründe verstehen, bevor wir uns eine Meinung bilden“, sagt Yusuf, einer der beteiligten Schüler. Entsprechend vielfältig waren die Themen des Podcasts – von den historischen Ursprüngen des Konflikts über aktuelle völkerrechtliche Fragen bis zu sehr persönlichen Erfahrungen. Die Jugendlichen beschäftigten sich mit den psychologischen Folgen von Krieg und Gewalt, mit Erinnerungskultur und Friedensarbeit sowie mit der Frage, wie Verständigung in einer von Gewalt geprägten Realität überhaupt möglich ist. Dafür interviewten sie fast 60 Expertinnen und Experten sowie Betroffene aus Israel und Palästina.
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Einverständniserklärung öffnenMit der Zeit entstand so eine außergewöhnliche Gesprächsreihe: Zu den Gästen gehörten renommierte Historikerinnen wie Gudrun Krämer, der international führende Völkerstrafrechtler Claus Kreß, Sonderberater des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag, sowie die Pionierin der Traumaforschung und der Opferrechte Yael Danieli. „Der Konflikt ist mehr als Politik oder Geschichte“, sagt Efe. „Man muss sich bewusst machen, dass es vor allem um Menschen geht.“ Menschenrechte und Völkerrecht seien für die Gruppe der Rahmen gewesen, innerhalb dessen unterschiedliche Positionen diskutiert werden konnten.
In Trauer vereint: Geschichten aus dem Parents Circle
Besonders eindrücklich waren für die Jugendlichen die Begegnungen mit Mitgliedern des Parents Circle Families Forum. Die israelisch-palästinensische Initiative bringt Menschen zusammen, die Angehörige durch den Konflikt verloren haben und sich dennoch für Verständigung und Frieden einsetzen. An einige ihrer Geschichten erinnert sich Alexandria bis heute genau.
„Mai erzählte von seinem Großvater Haim Perry, einem israelischen Friedensaktivisten, der Transporte für kranke Kinder aus Gaza organisiert hatte und am 7. Oktober entführt und später ermordet wurde“, sagt sie. Sima erzählte von ihrem 14-jährigen Bruder Mahmoud, der in der Westbank erschossen wurde, und davon, wie ihre palästinensische Mutter nach dem Verlust zunächst keinen Kontakt zu Israelis haben wollte. Erst die Begegnung mit einer israelischen Mutter, die ebenfalls ein Kind verloren hatte, veränderte ihre Sicht. „In diesem Moment wurde meiner Mutter klar, dass es keinen israelischen und keinen palästinensischen Schmerz gibt. Da waren nur zwei Mütter, die denselben Schmerz teilen“, sagte die junge Frau im Podcast.
Widersprüche aushalten: Zuhören als harte Disziplin
Immer wieder trafen die Jugendlichen auf Menschen, die den Konflikt anders sahen als sie selbst. Manche Aussagen überraschten sie, andere forderten sie heraus. Gerade darin lag für Yusuf eine der wichtigsten Erkenntnisse des Projekts. „Zuhören ist tatsächlich eine Fähigkeit, die man aktiv trainieren muss“, sagt er. Die Herausforderung habe darin bestanden, Widersprüche auszuhalten und Fragen offen zu lassen.
Dabei steckte hinter jeder Folge eine intensive Vorbereitung: Gemeinsam mit einem Pädagogen setzte sich die Gruppe bereits ein halbes Jahr vor der ersten Aufnahme intensiv mit dem Konflikt auseinander. Auch die einzelnen Folgen wurden gemeinsam vorbereitet und anschließend nachbesprochen.
Internationales Echo: ein Projekt, das Kreise zieht
Die Ernsthaftigkeit, mit der die Jugendlichen das Projekt verfolgten, blieb nicht unbemerkt. „Uns hat das positive Echo von internationalen Experten aus den Hochschulen überwältigt“, sagt Yusuf. Auch von Lehrkräften und anderen Schulen habe es viel Zuspruch gegeben. Besonders freute die Jugendlichen, dass Institutionen der politischen Bildung auf das Projekt aufmerksam wurden – darunter die Bundeszentrale für politische Bildung, die Berliner Landeszentrale für politische Bildung und der Newsletter Antisemitismusprävention der Berliner Schulverwaltung.
Für Alexandria bleibt vor allem eine Erkenntnis: „Man kann über denselben Konflikt völlig unterschiedliche Sichtweisen haben und trotzdem miteinander sprechen“, sagt sie. „Gerade diese Begegnungen haben mir gezeigt, wie wichtig es ist, neugierig zu bleiben und Menschen nicht auf ihre Haltung zu einem politischen Thema zu reduzieren.“