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152 Kassetten gegen das Vergessen

Zum 100. Geburtstag des Filmemachers und Chronisten Claude Lanzmann zeigt das Jüdische Museum Berlin eine Ausstellung zur Genese seines Films „Shoah“. 

Igal Avidan , 16.01.2026
Eine Audio-Kassette mit der von Hand aufgebrachten Beschriftung „Mary Sirkin I (a)“.
Audio-Interview zum Film Shoah mit Mary Sirkin. © Roman März

152 Audiokassetten bilden die Grundlage eines der wichtigsten Dokumentarfilme des 20. Jahrhunderts. Der Film Shoah von Claude Lanzmann gilt als zentrales Zeugnis der Shoah. Seit 2023 gehören sowohl der Film als auch die zugrunde liegenden Tonaufnahmen zum UNESCO-Weltkulturerbe.  

„Shoah“ – eine Erzählung von Zeitzeugen 

Wer Claude Lanzmanns neunstündigen Film „Shoah“ 1985 gesehen hat, vergisst bestimmte Szenen woh kaum. Der französisch-jüdische Journalist und Regisseur hat als erster begriffen, dass man die Judenvernichtung nicht zeigen kann. Denn es gibt keine Spuren davon. Die Bilder der Leichenberge und befreiten KZ-Überlebenden machten die Alliierten nach der Befreiung. Deswegen verzichtete Lanzmann auf Archivmaterial. Ihm gelang es jedoch, die unmittelbaren Zeitzeugen dieser Vernichtung sprechen zu lassen: Überlebende, Täter und Zeugen. Es sind wertvolle Zeugnisse, die Lanzmann von Menschen wie Abraham Bomba sammelte. Bomba, der sogenannte Friseur von Treblinka, musste im KZ den Frauen die Haare abschneiden – kurz bevor sie in der Gaskammer ermordet wurden. Ein Moment, den er auch Jahre später bei seiner Arbeit als Friseur immer wieder durchlebte. 

Claude Lanzmann
2018 starb der Regisseur Claude Lanzmann (Archivbild) © picture alliance / SvenSimon

Das Audio-Archiv im Jüdischen Museum Berlin 

Seit November zeigt das Jüdische Museum Berlin die Ausstellung „Lanzmann. Die Aufzeichnungen“ und macht zum ersten Mal das Audio-Archiv Lanzmanns zugänglich.  Das Archiv zeigt, wie Lanzmann seinen Film vorbereitete und wie er seine Gesprächspartner dazu brachte, ihr Zeugnis abzulegen. Das Audio-Archiv schenkte Lanzmanns Witwe dem Museum 2021, von insgesamt mehr als 220 Stunden Tonmaterial sind in der Ausstellung 90 Minuten zu hören. Diese Haltung wird deutlich, wenn Besuchende sich ein Vorbild an Lanzmann nehmen und seine größte Stärke übernehmen: das genaue Zuhören. „Die Ausstellung lädt die Besuchende zu einem besonderen Hörerlebnis ein: Ausgewählte Originalaufnahmen folgen den Recherchen Lanzmanns und geben Einblick in das vielschichtige Erinnern an die Schoah in den 1970er-Jahren“, sagt Historikerin und Kuratorin Tamar Lewinsky.   

 Auf 400 Quadratmetern hören Besucherinnen und Besucher mit Kopfhörern Lanzmanns zahlreiche Vorgespräche zum Film. Ergänzend zeigen Monitore die Transkriptionen und Übersetzungen aus acht Sprachen ins Deutsche und Englische. Das vollständige Archiv der 152 Audiokassetten wird bis Ende 2027 schrittweise in einer Online-Edition veröffentlicht. 

Lanzmann: Meister der Überzeugung 

„Man kann sehr viel erfahren über Claude Lanzmanns Arbeitsweise“, sagt Lewinsky. Wer sich auf das 90-minütige Tonmaterial einlässt, hört, wie Lanzmann in jahrelanger Recherche Opfer wie Täter zum Sprechen brachte. Seine Art zu fragen habe den Gesprächspartnern geholfen, ihre Geschichte zu erzählen, erinnert sich seine damalige Assistentin Irena Steinfeldt-Levy. Entscheidend sei gewesen, niemanden zu verurteilen. „Die Befragten waren es gewohnt, sich zu verschließen“, ergänzt Corinna Coulmas, ebenfalls Assistentin bei den Dreharbeiten. Lanzmanns enormes Wissen, seine präzisen Fragen und seine Geduld schufen Vertrauen – auch bei Tätern. Weil er sie nicht dazu drängte, sich selbst zu belasten, beschwerte sich nach der Premiere keiner von ihnen.

Eine erlebbare Recherche 

In einer Zeit, in der man von Bildern überflutet wird, kann man hier die Augen schließen und Lanzmanns Gesprächen lauschen. Die sechs Hörstationen folgen weitgehend seinen Themenschwerpunkten und Recherchen. Besonders interessant sind die Gespräche mit Menschen, die sich später weigerten, gefilmt zu werden.  

Den ursprünglichen Auftrag, einen Film über die Schoa zu drehen, bekam Claude Lanzmann 1973 vom israelischen Außenministerium. Er würde zwölf Jahre daran arbeiten: Der Film war für Lanzmann von so großer Bedeutung, weil er befürchtete, dass Menschen in 20 Jahren dieses Geschehen leugnen würden. Diese Bedeutung teilt das Auswärtige Amt, das die Ausstellung mitgefördert hat. Sie ist bis zum 12. April 2026 zu sehen.