Wann Kunst der Diplomatie dient

Was kann Kunst leisten, wenn politischer Dialog verstummt? Antworten von drei herausragenden Persönlichkeiten aus der Welt der Kultur.

Kultur weckt Neugier, fördert Dialog und baut Vorurteile ab.
Kultur weckt Neugier, fördert Dialog und baut Vorurteile ab. dpa

Hier werden die Visionen des leidenschaftlichen Kultur-Netzwerkers Martin Roth weitergeführt: Unter dem Motto „Was kann Kultur leisten?" treffen sich Vertreter von Kultur, Wissenschaft, Kunst und Politik in Berlin, um ihre Ideen zu teilen. Der 2017 verstorbene Martin Roth war einer der einflussreichsten Kulturmanager der Welt; von 2011 bis 2016 leitete er das Victoria and Albert Museum in London, danach war er Präsident des Instituts für Auslandsbeziehungen (ifA), das dieses Symposium ausrichtet.

Zelfira Tregulova: Kunst zerstört Feindbilder

„Kultur kann manchmal Dinge erreichen, an denen die Politik scheitert. [...] Kunst kann Nationen verbinden und das Bild vom ,Anderen‘ als dem Fremden zerstören. [...] Die politischen Beziehungen werden immer schlechter. Das bedeutet, dass wir unsere kulturellen Aktivitäten sogar noch verstärken und neue Kulturkontakte zwischen Menschen schaffen müssen. Während die Politiker kämpfen, kreieren sie immer weiter das Bild vom Anderen als dem Feind. Jetzt müssen wir alles daransetzen, genau das Gegenteil zu tun: Wir müssen andere an unserer Kultur teilhaben lassen, an unseren Werten, wir müssen uns bewusst werden, dass wir alle Teil der gleichen Menschheit sind. Das mag ein wenig idealistisch klingen, aber im Angesicht der jüngsten politischen Entwicklungen müssen wir Idealisten sein.“

Zelfira Tregulova ist Generaldirektorin der Tretjakow-Galerie in Moskau.

Zelfira Tregulova ist Generaldirektorin der Tretjakow-Galerie in Moskau.
dpa

Tim Reeve: Kunst fördert Dialog

„Kultur kann – und sollte – mehr tun als sie denkt, dass sie kann. Traditionell bereitet sie oft einen unschätzbaren historischen Kontext für moderne Konflikte und geopolitische Spannungen, sie ermöglicht Perspektiven und erinnert uns an unser gemeinsames Erbe und unsere gemeinsame Humanität. Aber sie kann auch die Grundlage für Dialog schaffen, und zwar auf eine Art und Weise, wie die diplomatischen Kanäle es manchmal nicht schaffen.“

Tim Reeve ist stellvertretender Direktor des Victoria and Albert Museum in London

Tim Reeve ist stellvertretender Direktor des Victoria and Albert Museum in London
dpa

Bill Sherman: Kunst lehrt Freiheit

„Die Gründer des Victoria and Albert Museum folgten der Auffassung Gottfried Sempers, dass öffentliche Einrichtungen nicht nur den allgemeinen Geschmack heben könnten, sondern auch als ,wahrhaftige Lehrer einer freien Gesellschaft‘ zu dienen hätten. Martin Roth ging noch darüber hinaus, weil er vorschlug, dass sie auch Lehrer von Menschen sein könnten, die nicht frei sind, und sie so individuelle und nationale Identitäten herausfordern, aber auch stärken können.“

Bill Sherman ist Direktor des Warburg-Instituts in London.

Bill Sherman ist Direktor des Warburg-Instituts in London.
La Biennale di Venezia