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Amanal Petros bei den Leichtathletik-Europameisterschaften 2026 in Birmingham
Amanal Petros bei den Leichtathletik-Europameisterschaften 2026 in Birmingham © picture alliance / BEAUTIFUL SPORTS | Leah Kohring
Sport

Ein Leben im Laufschritt

Amanal Petros kam mit 16 allein nach Deutschland. Heute ist er Europameister, deutscher Rekordhalter im Marathon – und Sportsoldat. Wie hat er das geschafft? 

22.10.2026Julia Egleder

Auf über 2.400 Metern Höhe, in den Hochebenen von Kenia, bereitet sich Amanal Petros regelmäßig auf seine Wettkämpfe vor. Dort läuft er jeden Tag viele Kilometer über die Hochebenen. Trainieren, ausruhen, schlafen – so sieht sein Alltag einen großen Teil des Jahres aus, wenn er nicht gerade Medaillen holt. Und das hat er in den vergangenen Jahren sehr oft getan: 2026 wurde der deutsche Leichtathlet in Birmingham Europameister im Marathon, im Jahr zuvor bei der Weltmeisterschaft in Tokio nur um Haaresbreite Vizeweltmeister – ganze drei Hundertstelsekunden fehlten zum Sieg. Den deutschen Rekord über die Marathondistanz hält er ohnehin, ebenso den im Halbmarathon. Amanal Petros ist der erfolgreichste deutsche Langstreckenläufer überhaupt.

Der gebürtige Eritreer Amanal Petros kam mit 16 Jahren nach Deutschland.
Der gebürtige Eritreer Amanal Petros kam mit 16 Jahren nach Deutschland. © picture alliance/dpa

Doch dieser Weg war keineswegs vorgezeichnet. Amanal Petros wird 1995 in der Hafenstadt Assab in Eritrea geboren. Als er zwei Jahre alt ist, flieht er mit seiner Mutter und seinen Schwestern vor dem Krieg zwischen Eritrea und Äthiopien ins benachbarte Äthiopien, in die Region Tigray. Amanal Petros wächst in der unruhigen Grenzregion zwischen den verfeindeten Staaten auf. „Da war es immer unsicher“, sagt er. Immer hätten sie Angst gehabt, den nächsten Tag nicht mehr zu erleben. Deshalb beschließt er mit 16 Jahren, das Land zu verlassen und nach Deutschland zu fliehen.

Amanal Petros´ Weg nach Deutschland

Auf dem Weg erlebt er Schreckliches: Frauen werden vergewaltigt, andere Flüchtende verhaftet oder geschlagen. Er kommt durch und erreicht im Januar 2012 Deutschland. Hier wird er in Bielefeld in einer Unterkunft für Geflüchtete untergebracht. „In der ersten Zeit in Deutschland habe ich mich sehr einsam gefühlt“, sagt er. Die deutsche Kultur, die Sprache – alles ist ihm fremd.

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Was ihm hilft, in Deutschland anzukommen, ist der Sport. Zunächst versucht er sich in einer Fußballmannschaft. Doch er und seine Trainer merken bald, dass ihm das Laufen ohne Ball mehr liegt. Er fängt bei einem Leichtathletikverein an, dem TSVE Bielefeld. Dort wird klar, wie groß sein Talent ist. Schnell gewinnt er erste lokale Wettbewerbe, zunächst über fünf und zehn Kilometer. Doch der Sport ist für ihn mehr als das Einsammeln von Erfolgen. Hier lernt er viele Menschen kennen, durch die er sich allmählich in Deutschland zu Hause fühlt – und er lernt zu verstehen, wie die Deutschen „ticken": dass man sich zur Begrüßung nicht umarmt und küsst, wenn man sich nicht gut kennt, dass man pünktlich zu Verabredungen kommt. Amanal Petros lernt die Sprache und erhält 2015 die deutsche Staatsbürgerschaft. 

Amanal Petros gewinnt den Marathon bei den Leichtathletik-Europameisterschaften am 16. August 2026 in Birmingham.
Amanal Petros gewinnt den Marathon bei den Leichtathletik-Europameisterschaften am 16. August 2026 in Birmingham. © picture alliance / BEAUTIFUL SPORTS | Axel Kohring

Wie Amanal Petros zur Bundeswehr kam

In dieser Zeit überlegt er, wie er künftig seinen Lebensunterhalt verdienen wird, und absolviert ein Praktikum bei einem Physiotherapeuten. Doch er merkt: Ein Vollzeitarbeitsplatz und das harte Training als angehender Lauf-Profi lassen sich nicht vereinbaren. Er fragt seinen Trainer um Rat, und der hat eine Idee: Die Bundeswehr bietet erfolgversprechenden Sportlerinnen und Sportlern die Möglichkeit, sich als sogenannte „Sportsoldaten" ganz auf ihr Training zu konzentrieren, während ihr Lebensunterhalt abgesichert ist. Doch die Plätze sind knapp – bundesweit stellt die Bundeswehr in ihren Sportfördergruppen nur einige Hundert Förderstellen bereit, und aufgenommen werden nur die besten Nachwuchshoffnungen aus den Olympia- und Nachwuchskadern. Klar ist: Amanal Petros muss dafür noch härter trainieren und weitere Erfolge vorweisen. Durch seinen Ehrgeiz und seine Disziplin schafft er es und wird 2017 als Sportsoldat in die Bundeswehr aufgenommen.

Marathon-Läufer und Oberstabsgefreiter der Bundeswehr: Amanal Petros
Marathon-Läufer und Oberstabsgefreiter der Bundeswehr: Amanal Petros © Bundeswehr

Die Grundausbildung absolviert er, wie für Sportsoldaten üblich, in verkürzter Form. Schießen, Spind einräumen, soldatisches Grüßen – die Grundlagen des Soldatenberufs lernt Petros dort. Dann kommt er zur Sportfördergruppe und kann sich, auch mit der therapeutischen und medizinischen Unterstützung der Bundeswehr,  intensiv auf seinen Sport konzentrieren. 

Nach der Aufnahme bei der Bundeswehr geht es weiter bergauf. 2020 läuft er in Valencia deutschen Marathonrekord, 2025 in Tokio holt er WM-Silber und verbessert wenige Wochen später schon zum zweiten Mal den deutschen Rekord auf der Marathondistanz – die 42 Kilometer läuft er in 2:04:03 Stunden. 2026 wird er in Birmingham „auf einer echt schwierigen Strecke“, wie er sagt – Europameister im Marathon. 

Ich liebe dieses Land, es hat mir so viel gegeben
Marathonläufer Amanal Petros

Seinen Dienst als Sportsoldat versteht er auch als Bekenntnis zu seiner neuen Heimat. „Ich liebe dieses Land“, sagt er, „es hat mir so viel gegeben.“ Bei Wettkämpfen küsst er deshalb schon mal den Bundesadler auf seinem Trikot. Noch immer ist er froh, in Deutschland in Sicherheit leben zu können. Freiheit, Demokratie, Völkerfreundschaft – dafür steht für ihn der Sport. Und dafür würde er im Ernstfall auch als Soldat einstehen.