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Feuertopf trifft Dorfidylle

Von Lanzhou nach Bayreuth: die Chinesin Huanan Zheng über deutsche Sonntagsruhe, ungewohnte Distanz — und warum sie Stille und Grün nicht mehr missen möchte.

Barbara Barkhausen Barbara Barkhausen , 09.06.2026
Junge Chinesin vor hohen schneebedeckten Bergen
Huanan Zheng beim Winterwandern in Andermatt in der Schweiz © privat

Geschlossene Läden am Sonntag und nie nach dem Gewicht fragen: Eine junge Chinesin erzählt in diesem Steckbrief, was sie an Deutschland am Anfang irritiert hat – und worauf sie heute nicht mehr verzichten mag: 

Meine Herkunft

„Ich heiße Huanan Zheng, bin 32 Jahre alt und komme aus Lanzhou, einer Millionenstadt im Nordwesten Chinas – bekannt für die besten Rindfleischnudeln des Landes. Seit 2016 lebe ich in Bayern, seit 2023 promoviere ich am Lehrstuhl für Interkulturelle Germanistik der Universität Bayreuth und moderiere den bilingualen Podcast ,PingPang-Talk‘ beim Bayerischen Hochschulzentrum für China, BayCHINA, bei dem unsere Gäste von interkulturellen Erfahrungen berichten.“

Zwei junge Frauen in einem Radio-Studio
Huanan Zheng (links) bei Aufnahmen des Podcasts PingPang-Talk © privat

Arbeit und Hochschule

„Nach dem Bachelorstudium kam ich an die Universität Bayreuth, um dort meinen Master zu machen und später zu promovieren. Mir fällt auf: Junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in Deutschland haben oft eine starke innere Motivation. Im Vergleich dazu beginnen viele Promovierende an chinesischen Universitäten ihre Promotion eher, weil das Labor einen guten Ruf hat oder eine prestigeträchtige Station ihrer Karriere sein könnte.“ 

Stadtbild

„In Lanzhou leben vier Millionen Menschen. Osnabrück, meine erste Station in Deutschland, wirkte auf mich beim ersten Anblick wie ein hübsches Dorf. Was mich aber sofort begeistert hat: die Stille im öffentlichen Raum, dieser Meter Luft zwischen zwei fremden Menschen. In Lanzhou steht die nächste Person wirklich direkt an dir dran – in der U-Bahn, an der Kasse, überall.“

Essen

„Auf deutsches Essen hatte ich mich theoretisch gut vorbereitet – Bratwurst und Döner kannte ich schon dem Namen nach. Aber dann standen meine chinesischen Mitbewohnerinnen und Mitbewohner und ich am ersten Abend in der WG-Küche und kochten Dumplings. Und am nächsten auch. Feuertopf, Nudelgerichte, alles wie zu Hause – unsere Küche war von Anfang an ein kleines Lanzhou. Die deutschen Kommilitonen haben wir einfach eingeladen. Die kamen gerne.“

Einkaufen und Freizeit

„Sonntag, Hunger, alle Läden zu. Das habe ich wirklich nicht verstanden! In China kauft man, wann man will – nachts, am Feiertag, per Drohne, wenn nötig. Inzwischen sehe ich es auch von der anderen Seite, denn geregelte Arbeitszeiten haben große Vorteile für die Beschäftigten im Supermarkt.“ 

Soziale Umgangsformen

„Höflichkeit ist in China und Deutschland wichtig, wird aber unterschiedlich verstanden. In China können Fragen nach Gewicht oder Aussehen unter Freunden und Freundinnen Fürsorge zeigen. In Deutschland werden solche Fragen oft als unhöflich empfunden. Umgekehrt sind bei akademischen Vorträgen in Deutschland Blickkontakte und Interaktion mit der vortragenden Person wichtig. Als Frau fühle ich mich hier besser abgesichert. Mutterschutz, Elternzeit, Rückkehrrecht – das sind keine netten Gedanken, das ist gelebte Politik. In China gibt es zwar gerade eine starke feministische Diskussion im Internet, aber auf politischer Ebene ist davon noch wenig angekommen.“

Mein Fazit

„Ich bleibe. Ganz klar. Ich kann zwischen zwei Kulturen übersetzen – für mich selbst und für andere. Außerdem möchte ich die deutsche Natur nicht mehr missen, den Wald, die Stille, das Grün. Wandern ist in China noch nicht besonders verbreitet, aber ich bin längst süchtig danach.“