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Neustart in Deutschland: „Ein großer Schritt für uns als Familie“

Einladung zu Kaffee und Kuchen und eine ziemlich direkte Kommunikation: Wie Menschen aus China das Ankommen in Deutschland erleben.  

Christina Pfänder, 28.08.2025
Rong Jin und ihre Familie bei einem Besuch in Frankfurt
Rong Jin und ihre Familie bei einem Besuch in Frankfurt © privat

Prozessmanagerin Rong Jin, 36, ist 2024 für ihre Arbeit bei einem international tätigen Unternehmen nach Gotha in Thüringen gezogen.   

„Der Austausch zwischen Kulturen war mir schon immer wichtig. In Shanghai habe ich deshalb Germanistik und Supply Chain Management studiert, also die Planung, Steuerung und Optimierung aller Prozesse entlang der Lieferkette eines Unternehmens. Danach habe ich für verschiedene deutsche Firmen gearbeitet. Nun bin ich seit 13 Jahren für dasselbe deutsche Unternehmen tätig – erst in Shanghai, seit September 2024 am Hauptsitz Gotha. Trotz dieser langen Verbindung war der Umzug nach Deutschland ein großer Schritt: Mein Mann, unsere beiden Kinder und ich wussten nicht genau, was uns erwartet, es ist unser erster Aufenthalt hier. 

Positiv beeindruckt hat mich sofort die Offenheit und Herzlichkeit der Menschen in Deutschland.
Rong Jin

Positiv beeindruckt hat mich sofort die Offenheit und Herzlichkeit der Menschen: Unser Vermieter und unsere Nachbarn haben uns beim Einleben unterstützt – mit Einladungen zu Kaffee und Kuchen und bei der Bewältigung alltäglicher Herausforderungen. Auch meine Kolleginnen und Kollegen waren hilfsbereit: Als wir ankamen, war unsere Wohnung schon möbliert, sogar die Kinderbetten für meine Kinder und der Esstisch waren aufgebaut. Wir sind wirklich sehr dankbar! 

Mir ist es wichtig, insbesondere mit deutschen Familien Kontakte aufzubauen. Ich wünsche mir, dass sich meine Kinder gut integrieren – und dafür brauchen sie deutsche Freunde. Unsere acht Jahre alte Tochter besucht eine öffentliche Grundschule, und ich bin sehr stolz auf sie: Sie spricht schon richtig gut Deutsch, schreibt eigene Geschichten, kennt die deutsche und die chinesische Schrift. Zu Hause feiern wir weiterhin chinesische Feste, zum Beispiel das Mondfest. Im Alltag machen wir oft gemeinsam Teigtaschen oder chinesische Nudeln. Meine Tochter hilft – und ihre Freundinnen essen gern mit. Sie probieren sogar mit Stäbchen zu essen, das macht ihnen Spaß. 

Super Leistungen: Rong Jins Tochter hat schnell Fuß gefasst.
Super Leistungen: Rong Jins Tochter hat schnell Fuß gefasst. © privat

Den größten Unterschied zwischen China und Deutschland spüre ich im Bildungssystem. In China gibt es viel mehr Leistungsdruck. Ich erinnere mich, wie ich früher abends mit meiner Tochter lange zusammen lernen musste. Hier in Deutschland legen die Lehrerinnen mehr Wert auf soziale Kompetenzen und Interessenentwicklung. Auch im Arbeitsalltag gibt es Unterschiede. In China legt man viel Wert auf Höflichkeit, in Deutschland wird Kritik viel direkter geäußert. Das war für mich anfangs ungewohnt, aber inzwischen sehe ich auch die Vorteile: Man weiß immer, woran man ist.  

Schwieriger finde ich den Umgang mit neuen Ideen. In Deutschland wird viel diskutiert – über Prozesse, Innovationen, Veränderungen –, aber oft bleibt es dabei. In China setzt man Ideen schneller um und sucht Lösungen, wenn Probleme auftreten. Diese Haltung würde ich mir hier manchmal mehr wünschen.  

Ob ich für immer in Deutschland bleiben möchte? Nein, das glaube ich nicht. In China ist vieles im Alltag einfacher für mich. Ich brauche dort keinen Schlüssel, unsere Tür erkennt mein Gesicht oder meinen Fingerabdruck. Behördengänge sind schneller, digitaler. Und meine Eltern leben in China. Sie werden älter, vielleicht brauchen sie bald mehr Unterstützung. Aber entschieden ist noch nichts. Vielleicht sehe ich das in ein paar Jahren anders. Unsere Tochter jedenfalls hat sich hier so gut eingelebt, dass sie gar nicht mehr zurück möchte.“ 

Luoding Lammel-Rath hat in Deutschland ein Unternehmen gegründet.
Luoding Lammel-Rath hat in Deutschland ein Unternehmen gegründet. © privat

Luoding Lammel-Rath ist Geschäftsführerin und Gründerin der ICP International China Projects GmbH in Leipzig in Sachsen.  

„In meinem Arbeitsalltag als interkulturelle Beraterin erlebe ich immer wieder, wie schnell kulturelle Missverständnisse entstehen. In China geht es oft um Harmonie, Rücksicht und den Wunsch, das Gesicht zu wahren. In Deutschland zählen Offenheit, Ehrlichkeit und direkte Kommunikation.  

1986 kam ich für einen Sprachkurs aus Shanghai nach Bonn, um einige Monate später Volkswirtschaft an der Universität Köln zu studieren. Ursprünglich wollte ich in die USA, doch die Begegnungen mit Mitarbeitenden des Goethe-Instituts und des deutschen Konsulats haben meine Entscheidung geändert: Ihre höfliche und respektvolle Art beeindruckten mich nachhaltig.  

Bei meiner Ankunft fiel mir sofort die Ruhe und Freundlichkeit der Menschen auf – ein starker Kontrast zur Hektik Shanghais. Ich habe mich sofort sicher und frei gefühlt. Einmal verirrte ich mich im Regen ohne Schirm. Ein älteres Ehepaar nahm mich kurzerhand mit nach Hause und gab mir trockene Kleidung – eine Geste, die ich nie vergessen werde.  

In Deutschland zählen Eigeninitiative, Austausch und offene Kommunikation.
Luoding Lammel-Rath

Nach dem Studium begann ich bei Siemens. Als junge Berufseinsteigerin arbeitete ich still und pflichtbewusst. In China wird Privates am Arbeitsplatz selten thematisiert. Man respektiert Hierarchien, stellt keine kritischen Fragen und lernt von Erfahrenen durch Leistung. Erst da wurde mir bewusst, wie wichtig in Deutschland Eigeninitiative, Austausch und offene Kommunikation sind.  

Ich habe einen deutschen Mann geheiratet und auch in der Familie merke ich oft, dass wir aus unterschiedlichen Kulturen kommen. In der Kindererziehung etwa: Diskussionen mit kleinen Kindern, wie sie deutsche Eltern führen, sind in China nicht üblich. Mir war es wichtig, meiner Tochter die chinesische Kultur und Sprache mitzugeben: Ich habe ihr Tänze und Lieder aus unserer Kultur beigebracht und mit anderen Familien das chinesische Neujahrsfest gefeiert. Mittlerweile ist meine Tochter eine erfolgreiche junge Frau, auf die ich sehr stolz bin. 

Mit der ICP International China Projects habe ich ein Unternehmen aufgebaut, das europäische und chinesische Firmen bei der Zusammenarbeit unterstützt. Wir beraten zu rechtlichen und wirtschaftlichen Fragen, begleiten bei Gründungen, Markteintritten und bieten interkulturelle Trainings an. Ich war während der Gründung bereits deutsche Staatsbürgerin, die Gründung war unkompliziert. Unternehmertum ist in der chinesischen Kultur tief verwurzelt. Viele sind risikobereit, zielstrebig und bereit, Verantwortung zu übernehmen.  

1996 habe ich den Deutsch-Chinesischen Freundschaftsverein e.V. initiiert, dessen Vorsitz ich innehabe. Der Verein versteht sich als Plattform für interkulturellen Dialog und organisiert Kulturabende, Delegationsreisen, Fachseminare und Netzwerkveranstaltungen. Unser Ziel ist es, die deutsch-chinesischen Beziehungen in Gesellschaft, Bildung, Politik und Wirtschaft zu fördern.  

Ein besonderes Anliegen ist die interkulturelle Vorbereitung chinesischer Studierender und Praktikanten und Praktikantinnen, die in Deutschland Fuß fassen möchten. Dabei erkläre ich ihnen: Deutschland ist nicht glänzend und spektakulär wie Shanghai, sondern eher bodenständig. Wer die ruhige, strukturierte Lebensweise, die Gründlichkeit und Verlässlichkeit schätzen lernt, wird in Deutschland viele Chancen entdecken.“ 

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