Eine Familie zwischen Tiktok und Tradition
Van Minh Lam führt einen Asia-Markt – und mit seinen Töchtern einen Tiktok-Account. Dort im Sortiment: familiäre Missverständnisse.
Im Asia-Markt von Van Minh Lam in Duisburg geht es nicht nur um Lebensmittel, sondern auch um Traditionen. Lam stammt aus einer ethnisch chinesischen Familie, wurde in Laos geboren und kam über Thailand in den 1980er-Jahren nach Deutschland. Auf Tiktok zeigen er und seine drei in Deutschland geborenen Töchter den Alltag im Geschäft – und die Missverständnisse, die aus ihrer unterschiedlichen kulturellen Prägung entstehen. Was verbindet ihn und seine Tochter Syann – und wo unterscheiden sie sich?
Herr Lam, was bedeutet Heimat für Sie?
Van Minh Lam: Heimat ist da, wo ich mich geborgen und sicher fühle, und sie ist vor allem dort, wo die Menschen sind, die mir wichtig sind.
Syann, fühlen Sie eine starke Verbindung zur chinesischen Kultur?
Syann Lam: Meine Eltern sind zwar nicht in China geboren, sind aber ethnisch chinesisch. Wenn ich mit meinen Großeltern spreche, sind diese sich sehr sicher, dass meine Schwestern und ich Chinesinnen sind.
Van Minh Lam: Letztes Jahr waren wir alle zusammen das erste Mal in unserem Leben in China. Unserem Mandarin hört man an, dass wir nicht heimisch sind. Wir sagten dann, dass wir zur vierten Generation von im Ausland lebenden Chinesen gehören.
Syann Lam: Eigentlich haben wir erst einmal gesagt, dass wir Deutsche sind! Dann war die Reaktion: „Ihr seht aber ganz schön chinesisch aus.“
Fühlen Sie sich mehr als Chinesen oder als Deutsche?
Syann Lam: Ich fühle mich mehr als Deutsche, nehme mich aber auch als asiatisch wahr – als jemand, der von anderen Kulturen geprägt wurde. Am ehesten von China, vor allem durch die Muttersprache. Abgesehen von der chinesischen Kultur habe ich – vor allem, was das Essen angeht – mehr von der vietnamesischen Kultur mitbekommen als von der laotischen oder thailändischen.
Zählen auf Chinesisch
Seit 26 Jahren betreibt Van Minh Lam seinen Asia-Markt in der Nähe des Duisburger Bahnhofs – und seit Ende 2025 ist er gemeinsam mit seinen Töchtern auf Tiktok zu sehen. Ihr erfolgreichstes Video mit mehr als einer Million Aufrufen vermittelt kulturelles Wissen mit Humor: Der Vater zeigt seiner Tochter das chinesische Handzeichen für die Zahl „Acht“ – die Tochter missversteht die Geste jedoch als „Zwei“
Seit einigen Monaten zeigen Sie auf Tiktok Clips aus Ihrem Asia-Markt. Kommt es zwischen Ihnen auch im Alltag zu solchen Missverständnissen?
Syann Lam: Meine Eltern geben an uns weiter, was sie mit ihrer Heimat verbindet – die Feste, das Essen, die sozialen Traditionen. Darunter ist aber auch manches, was ich umständlich finde. Meine Mutter meint zum Beispiel, dass ich meine Freundinnen nicht mit leeren Händen besuchen kann.
Wie sehen Sie das, Herr Lam?
Van Minh Lam: Wir vermitteln unseren Kindern viel über unsere Traditionen, das ist uns wichtig. Meinen Cousin aus Kanada hatte ich beispielsweise 30 Jahre lang nicht mehr gesehen, als wir erfahren haben, dass seine Tochter in Europa lebt. Meine Frau sagte sofort: „Na, dann laden wir sie zu uns ein!“ In dieser Beziehung ist sie sehr traditionell, es ist selbstverständlich, engen Kontakt zu den Verwandten zu halten. Als Gastgeber haben wir dann auch den Flug für die Tochter meines Cousins gebucht und bezahlt.
Syann Lam: Für mich ist das sehr asiatisch: Wir haben die Tochter nie getroffen, und zwischen meinen Eltern und ihrem Vater besteht nicht einmal wirklich Kontakt – trotzdem wird sie als engste Familie gesehen und eingeladen. Meine Mutter ist ein bisschen sauer auf mich, dass ich die Cousine eher als fremde Person betrachte. Sie sagt: „Natürlich ist das deine Familie!“ (lacht)
In welchen Alltagssituationen fällt Ihnen auf, dass Sie kulturell unterschiedlich geprägt sind?
Syann Lam: Wenn wir früher ältere vietnamesische Bekannte besucht haben, haben unsere Eltern uns darauf vorbereitet: Ihr dürft die Person nicht beim Vornamen nennen, sondern müsst einen bestimmten Titel sagen, eure Arme vor dem Körper verschränken, euch verbeugen. Ich fühlte mich unwohl dabei, weil ich dachte: Gleich muss ich das alles richtig machen, damit meine Eltern nicht als respektlos gelten! Andererseits war es für mich auch komisch, die Eltern meiner deutschen Freunde nur mit Vornamen anzusprechen, weil ich selbst Freunde meiner Eltern „Onkel“ oder „Tante“ genannt habe.
Van Minh Lam: Für mich ist es bis heute ein No-Go, wenn ein Kind die Eltern beim Vornamen nennt. ‚Mama‘ und ‚Papa‘ haben für mich ihren ganz eigenen Zauber.
Gibt es eine Verhaltens- oder Sichtweise, die Ihnen an Ihrem Vater beziehungsweise Ihrer Tochter richtig gut gefällt? Etwas, was Sie sich gerne abschauen würden?
Van Minh Lam: Meine Mädels sind sehr K-Pop begeistert und vertiefen sich mit großer Hingabe in die Choreografie von Tänzen. Das finde ich bewundernswert. Syann hat mit Freundinnen eine Tanzgruppe, die bei Neujahrsfesten auftritt. Ich bin sehr stolz darauf, dass sich meine Mädchen so bemühen und den Gästen die Ergebnisse ihres Trainings präsentieren.
Syann Lam: Ich finde toll, dass mein Vater die Familie so wertschätzt und sie so ein wichtiger Teil seines Lebens ist. Bewundernswert finde ich auch, dass sich meine Eltern im Kontakt mit Familienmitgliedern, mit denen sie sonst wenig zu tun haben, wirklich wohlfühlen. Das überrascht mich und ich könnte das auch gerne.
Ihren Asia-Markt betreiben Sie seit 26 Jahren. Wer kommt zu Ihnen und wie hat sich das mit der Zeit entwickelt?
Van Minh Lam: Unser Geschäft funktioniert nach dem Tante-Emma-Laden-Prinzip: Wir gewinnen die Kunden mit Herz und Lächeln. Ich spreche außer Chinesisch noch Thailändisch und Laotisch und habe diesen Vorteil genutzt, um nach und nach einen Kundenstamm aufzubauen. Mittlerweile kaufen oft auch Asienurlauber bei uns ein, die Gerichte nachkochen möchten. In den letzten Jahren kommen zudem viele chinesische Studierende, die bei uns das Gefühl des Vertrauten suchen.