Botschafter der Vielfalt

Der neue Deutsch-Israelische Freiwilligendienst will die Partnerschaft der beiden Länder vertiefen.

Als der Frühling kam, bemerkte Orel eine Veränderung im Verhalten der Deutschen. Sie lächelten auf einmal mehr, kamen zufällig miteinander ins Gespräch, gingen öfter auf die Straße. Frankfurt wurde lauter, lebendiger. Orel, die diesen Stimmungswandel aus Israel nicht kannte, war fasziniert: Erstaunlich, welchen Einfluss das Wetter auf die Lebenslust der Menschen hat.

Vor sieben Monaten ist Orel mit dem neuen Deutsch-Israelischen Freiwilligendienst (DIFD) nach Deutschland gekommen, um für eine soziale und eine jüdische Einrichtung in Frankfurt zu arbeiten. Sie gehört zum ersten Jahrgang des Programms, das im Mai 2015 anlässlich des 50. Jahrestags der diplomatischen Beziehungen zwischen Israel und Deutschland gestartet wurde. Die Bundesregierung will mit ihrer Initiative vor allem junge Menschen aus Israel motivieren, eine Zeit lang in Deutschland zu leben. Zehn Teilnehmer sind es im ersten Jahr. Sie arbeiten sechs Monate oder ein Jahr in gemeinwohlorientierten Einrichtungen in Deutschland, vermittelt von der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST) im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. „Es gibt schon lange die Tradition deutscher Freiwilliger in Israel“, sagt Laura Cazés, die das Programm bei der ZWST koordiniert. „Eine vergleichbare Struktur für Freiwillige aus Israel hatten wir bisher nicht.“

Diplomatisch stehen sich die beiden Länder sehr nah. Auch der gesellschaftliche Austausch wird seit langem gefördert. Trotzdem gibt es Anlass für weiteres Engagement, wie Bundespräsident Joachim Gauck in seiner Rede zum Festakt des 50. Jahrestags am 12. Mai 2015 in Berlin betonte. Er zitierte eine Studie der Bertelsmann-Stiftung, derzufolge sich in Deutschland Vorbehalte gefestigt haben, die aus der Wahrnehmung des Konflikts zwischen Israel und den Palästinensergebieten entstanden sind. An dieser Stelle setzt das Programm an, das auch Deutsche nach Israel entsendet: Der persönliche und kulturelle Austausch soll Verständnis und Toleranz fördern – über religiöse Grenzen hinaus. Junge Menschen aller Glaubensrichtungen aus beiden Ländern können mitmachen, die ZWST betrachtet sie als Botschafter.

Nebenbei trifft das Programm den Zeitgeist: Deutschland liegt bei jungen Menschen aus Israel im Trend: Gerade die Hauptstadt Berlin, die als Zentrum der Kreativen gilt, entwickelt schon seit einigen Jahren Magnetkraft für Israelis. Inzwischen werden laut ZWST aber auch Städte wie Köln, Leipzig und Frankfurt für kurze oder längere Aufenthalte immer beliebter. Die dritte Generation nach dem Krieg wolle das Land, das ihre Großeltern vertrieben hat, kennen- und verstehen lernen. So wie Gaya, die für den dreimonatigen Pilotdurchlauf des Programms als Sozialarbeiterin an einer Schule gearbeitet hat und inzwischen nach Israel zurückgekehrt ist. „Ich wollte einen Kreis schließen, indem ich es wage, hierher zu kommen“, sagt sie.

Orel in Frankfurt hat sich für die Freiwilligenarbeit entschieden, weil sie neugierig war, ob die Verbindung, die man in Israel zu den Deutschen empfinde, umgekehrt ähnlich wahrgenommen werde. Und so war es: Auf Anhieb fand Orel zwei Sprach-Tandempartner für Deutsch und Hebräisch. Jetzt ist die 23-Jährige froh, in Frankfurt gelandet zu sein, wo sie in einer Wohngemeinschaft mit anderen jungen Leuten lebt und wo ihre Herkunft auf Interesse stößt. Doch sie gibt zu: „Zuerst wollte ich auch nach Berlin.“ Wenn sie nicht gerade in einer jüdischen Einrichtung Kinder betreut, arbeitet Orel in einem Kunstatelier für Menschen mit Behinderungen. „Alle Menschen dort sprechen nur Deutsch. Ich bin immer wieder überrascht, dass es mir gelingt, Gespräche mit ihnen zu führen.“ Die Eingewöhnung hat wegen der neuen Sprache eine Weile gedauert. Und dann waren da die vielen kulturellen Eigenarten der Deutschen: selbstverständliche Höflichkeitsfloskeln, Alltagsrituale wie die Mülltrennung und das demonstrative Schweigen in Aufzügen. Heute fühlt sich Orel in Frankfurt wohl: „Weil es tolerant ist. Jeder darf auf seine Weise anders sein.“

Die ZWST, die wegen ihres Engagements in der Jugend- und Sozialarbeit Kontakte zu den großen deutschen Wohlfahrtsverbänden hat, vermittelt die 18- bis 27-jährigen Freiwilligen je nach Interesse an verschiedene Institutionen: Ganztagsschulen und Jugendbildungsstätten, jüdische Gemeinden und soziale Einrichtungen. Viele der Teilnehmer sind in der Flüchtlingsarbeit gelandet. Durch die neuen Herausforderungen werde ihr Einsatz noch relevanter, findet Cazés, denn viele Israelis seien mit ihren Arabischkenntnissen eine große Hilfe bei der Betreuung von Geflüchteten.

Trotzdem ist es nicht immer einfach, die passenden Einsatzstellen zu finden. Sie müssen den Fähigkeiten und Interessen der Teilnehmer entsprechen und es gibt nun einmal auch viele Deutsche, die ein Freiwilliges Soziales Jahr absolvieren. 250 Euro Taschengeld und die Sozialversicherung der DIFD-Freiwilligen übernimmt das Bundesfamilienministerium, Unterkunft und Verpflegung müssen von den Einsatzstellen gezahlt werden. Über Bildungskooperationen und Städtepartnerschaften mit Israel hat die ZWST schon einige Angebote geschaffen. Bis der nächste Jahrgang im Herbst 2016 beginnt, sollen noch weitere hinzukommen.

Roman gehört zu der bisher kleinen Gruppe Deutscher, die mit dem neuen DIFD in Israel waren. Sechs Monate lang hat er dort ein Pflegepraktikum für sein Medizinstudium gemacht. Seit Ende März ist der 19-Jährige zurück in München. Der Anfang in Jerusalem war nicht leicht für ihn: „Auf einmal bist du ganz für dich verantwortlich.“ Aber mit dieser Erkenntnis sei die Reife gekommen. Die Mentalität, die Offenheit und der alltägliche Optimismus der Menschen haben Roman beeindruckt. In Israel ist das Ministerium für Wohlfahrt und Soziales für die Freiwilligen zuständig, das auch die Teilnehmer für den Deutschlandbesuch aussucht.

Im ersten Jahr sind weniger israelische Freiwillige als geplant nach Deutschland gekommen. Das ZWST will deshalb die gesellschaftspolitische Relevanz des Austauschs noch deutlicher machen. „Gerade jetzt, wo ein Rechtsruck in der deutschen Bevölkerung spürbar ist, kann unser Freiwilligendienst viel bewirken“, sagt Laura Cazés. Mit den Teilnehmern sei es gelungen, die Vielfalt der israelischen Gesellschaft darzustellen: drusische und muslimisch-arabische, säkulare und traditionelle Israelis seien dabei gewesen. Im zweiten Jahr sollen rund 40 Teilnehmer nach Deutschland kommen.

Orel wünscht den nächsten Freiwilligen-Jahrgängen, dass sie einen ebenso perfekten Einsatzort finden wie es ihr in Frankfurt gelungen ist. ▪

Elena Witzeck