Gemeinsam über Deutschland diskutieren

Was ist Deutsch und was macht Deutschland aus? Auch die Lebenswege der Deutschtürken Esra Küçük, Habib Güneşli und Semra Uzun-Önder geben Antworten.

Als Kind war Esra Küçük eher schüchtern. Sich zu Wort melden und mitmischen: Das alles lernte die gebürtige Hamburgerin erst als Gymnasiastin. Das Schulprojekt „Jugend im Parlament“, an dem sie teilnahm, weckte ihr Interesse für Politik. Sie begann, sich in der antirassistischen Arbeit zu engagieren und studierte schließlich Politik – in Deutschland und in Frankreich. „Hätte ich mich mit Fremdzuschreibungen abgefunden, dann wäre mein Leben wohl anders verlaufen“, mutmaßt sie heute. Als Tochter türkischer Arbeitsmigranten habe sie gegen Vorurteile ankämpfen und immer wieder unter Beweis stellen müssen, dass sie „was drauf hat“.

Mittlerweile dürfte manchem ihr Name bekannt sein, denn Esra Küçük initiierte die Junge Islam Konferenz und organisierte als deren Geschäftsführerin unter anderem Foren, auf denen sich junge Muslime austauschen konnten und Positionen ausarbeiteten. Seit März 2016 hat die 33-Jährige eine neue Aufgabe: Sie leitet am Berliner Maxim Gorki Theater das Debatten-Forum und verantwortet die Programmgestaltung. Das „Gorki Forum“ bietet Raum für Diskussionen und damit auch zum Nachdenken – wie etwa über Flucht, Migration, Integration und die Frage, was eine Demokratie ausmacht. Bisher habe sie keine große Mühe bei der Suche nach Themen gehabt, sagt Esra Küçük: „Die Nachrichten bieten täglich Inspiration.“

Eine Frage, die die junge Deutschtürkin besonders umtreibt, lautet: „Wie erreichen wir Menschen, die sich nicht erreichen lassen wollen?“ Mit Sorge nimmt sie wahr, dass viele mit dem tiefgreifenden Wandel der Gesellschaft nicht klarkommen. Daher bedürfe es der Debatten über das vermeintlich Gewisse und die Veränderungen. Ausdruck davon ist nicht zuletzt jemand wie sie in ihrer aktuellen Position. Als etwas Besonderes möchte Esra Küçük aber nicht wahrgenommen werden, das bedeute im Umkehrschluss nämlich, andere Deutschtürken seien „abgehängt“. Sie betont: „Es gibt sehr viele wie mich.“ Nachkommen türkischer Arbeitsmigranten seien in ganz verschiedenen Branchen erfolgreich – in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft, in Kunst und Kultur.

Bildungswege, Bildungsperspektiven

Einer dieser vielen Deutschtürken ist Habib Güneşli. Der 31-Jährige schaffte es vom Hauptschüler zum Promotionsstipendiaten der Friedrich-Ebert-Stiftung. Geboren und aufgewachsen ist Güneşli, dessen Familie aus der südtürkischen Stadt Tarsus stammt, in Marbach am Neckar. Nach dem Abitur entschied er sich fürs Lehramtsstudium, weil ihn seine Nachhilfelehrerin dazu ermutigte. „Ich sehe in dir einen guten Pädagogen“, habe sie ihm gesagt. An der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg studierte er Sport, Deutsch, Französisch und Islamkunde auf Lehramt für die Grund- und Hauptschule. Das Studium war für den Sohn eines Änderungsscheiders anfangs „eine große Herausforderung“. Die meisterte er und erhielt für seine Abschlussarbeit „Zwischen Herkunfts- und Mehrheitsgesellschaft: Das Mediennutzungsverhalten türkischer Jungen der dritten Generation und ihre sprachliche Entwicklung im sozialen Integrationsprozess“ den renommierten medius-Preis. Dann suchte er sich das nächste ambitionierte Ziel und legte erfolgreich die Prüfung für das Lehramt an Gymnasien ab.

Von seiner ursprünglichen Idee, Lehrer zu werden, ist Habib Güneşli jedoch inzwischen abgekommen; er strebt nunmehr eine akademische Laufbahn an. „Ich möchte gerne sowohl lehren als auch forschen“, erzählt er. Derzeit ist er mit seiner Promotion beschäftigt, in der er das Medienverhalten von Kindern aus türkischstämmigen Familien tiefergehend analysiert. Er selbst hat im Elternhaus vor allem türkischsprachige Fernsehprogramme geschaut. Auf seine Identitätsfindung scheint es sich nicht ausgewirkt zu haben; mit ethnischen Zuschreibungen kann er sich ohnehin nicht anfreunden. Er sei Bürger Deutschlands – und was Deutsch ist, sagt Habib Güneşli, das müsse neu definiert werden.

Deutschlands neue kulturelle Vielfalt

Was ist Deutsch ist und was macht Deutschland aus? Wie Habib Güneşli und Esra Küçük beschäftigen diese Fragen auch Semra Uzun-Önder. Ihr Anliegen als Initiatorin und Organisatorin des etablierten Festivals Literatürk im Ruhrgebiet ist es, für die kulturelle Vielfalt in Deutschland zu werben. Geboren ist sie in einem Dorf an der türkischen Schwarzmeerküste; seit ihrem fünften Lebensjahr lebt sie im Ruhrgebiet und fühlt sich dort beheimatet. Aus eigener Erfahrung wisse sie, wie sehr Literatur, Kunst und Kultur verbinden können, sagt die 42-Jährige. Ihre starke Verbindung zu Deutschland rühre nicht zuletzt auch von ihrem Interesse an Kulturellem. „Ich selber tanze ja auf vielen Hochzeiten, versuche so viel wie möglich mitzubekommen von der kulturellen Landschaft“, sagt sie. Es wundert sie, dass es Deutsche gibt, die es schaffen, „in ihrer eigenen Welt zu leben“ und den kulturellen Reichtum der pluralen Gesellschaft nicht wahrzunehmen.

Literatürk organisiert Semra Uzun-Önder seit 2005; in den ersten Jahren konzentrierten sich die Veranstaltungen auf türkische Literatur und türkische Autoren. Weil sie die Literatur ihres Herkunftslandes, „die in Deutschland ein Nischendasein führte“, bekannter machen wollte. Inzwischen ist das Programm viel breiter gefächert, widmet sich etwa auch deutschen Autoren oder gesellschaftlichen Fragen wie der Flüchtlingskrise. Literatürk organisiert Semra Uzun-Önder zwar nicht „nebenbei“, aber eben auch nicht hauptberuflich. Die Pädagogin machte eine Weiterbildung zur Psychotherapeutin und arbeitet seit dem Frühjahr 2016 als Kinder- und Jugendpsychologin. „Mir hat dieses Land viele Möglichkeiten geboten und ich habe sie genutzt“, sagt sie.

Deutschland verändert sich – und nicht zum Schlechteren, so die persönliche Bilanz dieser drei Deutschtürken. „Dieses Land hat seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs große Dinge geschafft: Millionen Vertriebene und die Gastarbeiter integriert und die Wiedervereinigung gewuppt“, sagt Esra Küçük und wünscht sich von den Deutschen mehr Selbstbewusstsein und mehr Mut. Am Maxim Gorki Theater trägt sie ihren Teil dazu bei, dass die gesellschaftlichen Veränderungen reflektiert werden. ▪