Heidelberg – die Stadt der japanischen Studenten

Die Stadt am Neckar ist nicht nur eine Touristenattraktion, sondern auch ein beliebtes Ziel japanischer Studierender.

Jonas Ratermann - Studenten in Heidelberg

Sie kommen in Scharen. Schon frühmorgens ziehen die ersten Touristen durch die Straßen der noch halb verschlafenen Altstadt, bestaunen das Schloss, die Brücke, die Hauptstraße mit der jahrhundertealten Bausubstanz und die vielen kleinen Läden. Blicke schweifen an den Fassaden entlang, ständig werden Kameras und Smartphones gezückt. Heidelberg ist eine Attraktion, für manche Reisende eine Art Disneyland. Nicht wenige wundern sich gar, dass die Stadt tatsächlich bewohnt ist. Das wahre Wesen Heidelbergs zeigt sich jedoch abseits des Touristentrubels. Es lebt in den kleinen Nebengassen, auf der Neckarwiese, in versteckten Innenhöfen, auf dem Philosophenweg am Waldrand über der Stadt oder auch nachts im Schlosspark, wenn die letzten Besucher längst verschwunden sind. Dieser Geist ist in den Kneipen der Innenstadt ebenso zuhause wie in den Hörsälen der 1386 gegründeten Ruprecht-Karls-Universität, auch Ruperto Carola genannt. Hochschule und Stadt sind untrennbar miteinander verbunden. Manche meinen: Heidelberg hat keine Universität, Heidelberg ist eine Universität. Die oft besungene „aura academica“, es gibt sie wirklich. Ein Lebensgefühl, welches stets wieder junge und nicht mehr so junge Menschen in seinen Bann zieht. Von überall.

Im Wintersemester 2013/14 waren in Heidelberg rund 5400 ausländische Studierende aus etwa 130 Nationen eingeschrieben, berichtet Joachim Gerke, Leiter des Dezernats Internationale Beziehungen der Universitätsverwaltung. Unter ihnen sind auch viele aus Fernost. Heidelberg ist (nach Berlin) der beliebteste Ort für japanische Studierende in Deutschland. „Die Japaner gehören zu den größeren Gruppen, mit hoher Zuwachsrate“, sagt Gerke. Es gebe schon lange zahlreiche Kontakte zwischen Heidelberger Forschern und japanischen Kollegen, ohne dass diese Zusammenarbeit gezielt gesteuert worden sei. Nun sollen die Beziehungen im Rahmen einer strategischen Partnerschaft erweitert werden – auch im Bereich der Lehre. „Wir haben unsere internationale Kooperation mit Japan in den vergangenen Jahren gezielt ausgebaut.“ Es gibt Austauschprogramme mit insgesamt 15 japanischen Universitäten. Die Angebote werden gerne angenommen.

Von Yohei Moriguchi zum Beispiel. Der 21-Jährige wechselte 2013 als Philosophie-Student von der Universität in Kyoto an die Ruperto Carola. Was hat ihn an Deutschlands älteste Hochschule gelockt? „Es gibt viele Gründe, aber das Wichtigste war für mich, dass Heidelberg eine große philosophische Tradition hat.“ Hier wirkten viele berühmte Denker wie Friedrich Hegel und Hans-Georg Gadamer. Kyoto hat eine eigene Schule der Philosophie, erklärt Moriguchi, und mehrere derer Vertreter, wie zum Beispiel Shuzo Kuki und Teiyu Amano, haben ebenfalls in Heidelberg studiert. Auch ansonsten sieht der zugezogene Student einiges an Ähnlichkeiten. Kyoto habe sogar einen eigenen Philosophenweg. Dort sei es zu allen Jahreszeiten sehr schön. Im Frühling blühen die Kirschbäume, wie am Berghang über Heidelberg. Noch ein Jahr lang will Yori Moriguchi hier studieren, dann soll es zum Examen zurück nach Kyoto gehen. Womöglich wird er seine deutsche Zweitheimat vermissen. Die Stadt strahle eine sehr angenehme Atmosphäre aus, meint der junge Mann. „Das ist sehr gut fürs Studium.“ Sein Lieblingsort ist das Marstall-Café neben der Mensa. Jetzt, im Sommer, trifft sich der angehende Philosoph dort gerne im Innenhof mit Freunden aus aller Welt, zum Plaudern und Entspannen. „Diese Universität ist sehr international“, betont er. Ein Aspekt an der Mentalität seiner deutschen Kommilitonen ist Moriguchi besonders aufgefallen: Sie genießen ihre Studienzeit und sind sehr aktiv, auch außerhalb des Universitätsbetriebs.

Der erste japanische Student in Deutschland immatrikulierte sich im Oktober 1868 in Heidelberg. Sein Name war Majima Seiji, er kam aus Nagasaki und arbeitete später als hoher Regierungsbeamter in Tokyo. Bis 1914 kamen insgesamt 84 Japaner zum Studieren an die Ruprecht-Karls-Universität. Sieben von ihnen promovierten hier sogar, darunter auch der spätere Handelsminister Hirata Tōsuke. Nach dem Ersten Weltkrieg stieg die Anzahl der in Heidelberg studierenden japanischen Staatsbürger weiter an. Nun folgten auch Forscher und Professoren, und manchen deutschen Wissenschaftler zog es infolge der entstandenen Kontakte nach Japan. Der Heidelberger Ökonom und Soziologe Emil Lederer zum Beispiel lehrte in den Zwanzigern für etwa zweieinhalb Jahre in Tokyo und Kyoto. Die Tradition des Gelehrtenaustausches wird bis heute fortgesetzt. Der berühmte Philosoph Kenichi Mishima von der Tokyoter Kezai Universität war 2009 an der Ruperto Carola zu Gast.

Die Beziehungen zwischen den Universitäten in Heidelberg und Kyoto gelten allerdings schon seit vielen Jahren als besonders eng. Ein offizielles Austauschprogramm zwischen den beiden Hochschulen wurde bereits 1990 begründet, erklärt Fumitaka Wakamatsu, stellvertretender Direktor des im Mai 2014 neu eröffneten Übersee-Büros der Kyoto Universität. Dessen Räumlichkeiten sind im ersten Stock des historischen Studentengefängnisses, dem so genannten Karzer, untergebracht. Natürlich ist auch dieser eine beliebte Touristenattraktion. Die neue Einrichtung indes dient in erster Linie als Anlaufstelle für Forscher, die an einer Kooperation mit der Kyoto Universität interessiert sind. Man verstehe sich quasi als Schaufenster und gebe Auskunft über Fördermöglichkeiten und weitere wesentliche Aspekte, erläutert Wakamatsu. Den gelernten Anthropologen hat an seinem neuen Arbeitsort schon so manches erstaunt. „Ich wusste gar nicht, dass Max Weber hier gelehrt hat. Ich war so fasziniert, sein Haus zu sehen.“ Wakamatsus Kollegin Aya Kimura zog es im April an den Neckar – ihre erste Reise nach Europa. „Als ich die Stadt zum ersten Mal sah, war ich völlig überrascht. Es gibt hier so viele Menschen aus verschiedenen Ländern. Das macht es für mich einfacher, mich einzuleben.“

Die kulturellen Unterschiede sind gleichwohl nicht immer leicht zu überwinden, wie Joachim Gerke erklärt. „Gerade in Japan gibt es sehr ausgeprägte Umgangsregeln.“ Auch in der akademischen Lehre. Die Hierarchien seien oft viel gefestigter, kritisches Hinterfragen sei nicht unbedingt üblich. Das treffe übrigens auch auf viele andere akademische Milieus im Ausland zu, sagt Gerke. „Ich habe allerdings den Eindruck, dass sich dies in den vergangenen Jahren geändert hat.“ Vor allem die japanischen Studenten fügen sich schneller in das für sie fremde deutsche Bildungssystem ein. „Die Mobilität nimmt zu.“ Eben auch im Geiste. Gerke: „Wer Auslandserfahrung hat, kann auch leichter die eigenen Gewohnheiten in Frage stellen.“

Für Kumi Suzuki stellte zunächst die Sprache das größte Problem dar. Bevor sie 2005 zum Studieren nach Deutschland kam, hatte sie in Japan ein Jahr lang eine private Sprachschule besucht und etwas Deutsch gelernt. Doch das reichte nicht. „Es war so schwer für mich“, erinnert sich Suzuki. Sie konnte den Vorlesungen nicht folgen und traute sich nicht zu sprechen. Nach zwei Jahren brach sie das Geschichts-Studium ab. Aber aufgeben wollte die junge Frau nicht. Bald startete sie erneut, diesmal im Bereich Ostasien-Wissenschaften mit Geschichte als Nebenfach. 2012 schloss Suzuki diesen Bachelor-Studiengang erfolgreich ab. Und will vorerst in Heidelberg bleiben. Seit 2006 arbeitet sie in einer Heidelberger Sushi-Bar. Ihr Traum ist es, ein eigenes Restaurant oder eine Kochschule zu eröffnen. „Das ist auch eine Form des kulturellen Austauschs.“ ▪