Fußball von heute

Den Zusammenhang zwischen dem richtigen Schnürknoten und präzisem Fußballspiel kennt Ronald Reng.

Thomas Kujansun/E+ - Sport

Als ich gestern meinen siebenjährigen Sohn vom Fußballtraining abholte, erschrak ich. Der Trainer trug eine Augenklappe. Oh Gott, dachte ich, war er bei einem Unfall auf einem Auge erblindet? Dann blickte ich mich um. Die ganze Mannschaft, also auch mein Sohn, trug beim Fußballspiel Augenklappen. Der Trainer wolle, dass sie auch mit ihrem schwächeren Auge beim Fußballspielen besser sehen, erklärte mir mein Sohn auf dem Nachhauseweg. Deshalb hatte der Trainer ihnen das starke Auge mit der Piratenklappe während eines Trainingsspiels verdeckt.

„Toll, was?“, sagte mein Sohn. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. War es tatsächlich wunderbar, dass in einem ganz normalen Münchener Amateurverein nun schon Siebenjährige solch ein Detail wie das „schwache Auge“ schulten? Oder war es nicht ein ganz klein wenig überambitioniert? Der Trainer meines Sohnes ist Maschinenbauer. In der Welt stehen die Deutschen im Ruf, dass sie zwei Dinge können: Maschinen bauen und Fußball spielen. Doch erst jetzt kommen die beiden Leidenschaften zusammen: Die Präzision und Methodik der Maschinenbauer hat den deutschen Fußball erreicht.

Bis vor 15 Jahren war der deutsche Fußball stolz auf seine Einfachheit: Deutsche Fußballspieler, dachten die Deutschen, gewannen die Spiele mit ihrer unbändigen Willenskraft und ihrer körperlichen Überlegenheit. Wir dachten es noch, als deutsche Fußballer schon lange nichts mehr gewannen. Die neue Spielfreude und ästhetische Klasse der aktuellen deutschen Nationalelf wird oft als Spiegelbild des modernen, vielfältigen und farbenfrohen Deutschland betrachtet. Und es ist richtig, dass die Nationalelf ein Musterbeispiel gelungener Integration ist, mit Fußballspielern tunesischer, türkischer und bayerischer Herkunft in einer Elf. Aber tatsächlich ist die ungekannte technische und taktische Leichtigkeit weniger Ausdruck einer weltoffenen Gesellschaft als auf den Einzug des Maschinenbau-Denkens im deutschen Fußball zurückzuführen. Es war ein Brückenbauer, Helmut Groß, der als Nachwuchsleiter des Bundesligaklubs VfB Stuttgart Ende der 1990er-Jahre die Welle des methodischen Denkens im deutschen Fußball initiierte. Ich fühle mich heute am Rande des Trainings meines Sohnes dann immer ganz alt. Denn ich muss daran denken, mit welch simplen Trainingsmethoden ich vor 30 Jahren als Kind das Fußballspielen lernte. Wir stellten uns alle in einer Reihe an, und dann durfte jeder einmal aufs Tor schießen. Mein Sohn und seine Freunde laufen heute synchron durch Aufgabenparcours, bei denen mir selbst das Zuschauen zu kompliziert erscheint. Aber die Kinder wissen, was von ihnen verlangt wird – jetzt mit dem linken Fuß zum rechten Teampartner passen, weitersprinten, über drei kleine Hürden springen, den Ball wieder annehmen und mit rechts aufs Tor schießen – die Kinder können das!

Es war schon schwer für mich zu verkraften, dass ich mit einer Frau verheiratet bin, die eine viel bessere Journalistin als ich ist. Nun habe ich auch noch einen Sohn, der viel besser Fußball spielt als ich! Er kann tatsächlich mit links und rechts schießen und stoppen – und er weiß noch nicht einmal, wie besonders das ist. Heute wurden wir Eltern vom Trainer meines Sohnes zu einem Informationsabend gebeten. Wir trafen uns in einer Pizzeria. Der Trainer erklärte uns, in welchem Spielsystem die Kinder spielen werden (Spielsystem! Siebenjährige!), und dann stellte er plötzlich einen Fußballschuh auf den Tisch, mitten zwischen die Pizzas. Er demonstrierte, wie wir die Schnürsenkel unserer Kinder zu binden hätten. (Nämlich nicht mit dem Hausfrauenknoten, sondern mit dem Ian-Knoten!) Ich ging etwas benommen nach Hause. Dafür werde ich also noch gebraucht, aber selbst das konnte ich bislang offenbar nicht richtig: Schuhknoten schnüren. ▪

Ronald Reng ist Sportjournalist und Buchautor. Seine Fußballbiografie „Der Traumhüter“ wurde zum Bestseller. Zuletzt erschien „Spieltage: Die andere Geschichte der Bundesliga“.