„Worte sind nicht genug“

46 Staatsoberhäupter, ein klares Zeichen: Beim 5. Welt-Holocaust-Forum fordern Politiker aus aller Welt eindringlich, Antisemitismus zu bekämpfen.

46 Staatsoberhäupter gedenken in Yad Vashem der Opfer des Holocausts.
46 Staatsoberhäupter gedenken in Yad Vashem der Opfer des Holocausts. dpa

75 Jahre. Klingt nach einer langen Zeit, einem ganzen Leben. Ist es aber nicht. Nicht, wenn man versucht, den seit Jahrhunderten nicht weichen wollenden Antisemitismus aus den Köpfen zu bekommen. Die Zahlen bestätigen, was viele Juden spüren: Seit 2018 steigt die Zahl antisemitischer Vorfälle weltweit. Aus diesem Grund setzt der israelische Präsident Reuven Rivlin am 23. Januar 2020 mit dem 5. Welt-Holocaust-Forum ein Zeichen. 46 Staatsoberhäupter aus der ganzen Welt reisen hierzu in die Shoa-Gedenkstätte Yad Vashem nach Jerusalem.

Kurz vor dem 75. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz am 27. Januar sprechen die Staatsoberhäupter Frankreichs, Großbritanniens, Russlands und der Vereinigten Staaten über das Thema „An den Holocaust erinnern, Antisemitismus bekämpfen“. Auch Außenminister Frank-Walter Steinmeier wird bei dem Forum sprechen. Simmy Allen, Leiter der Abteilung Internationale Medien in Yad Vashem, der dieses Zusammentreffen über eineinhalb Jahre vorbereitet hat, fasst das Ziel klar zusammen: „Wir wollen für den Holocaust und seine Folgen sensibilisieren. Und wir hoffen, dass wir mit dem Forum, zu dessen großen Bedeutung sich die Staatsoberhäupter mit ihrer Anreise bekennen, weltweit Aufmerksamkeit generieren können.”

„Aufstehen und agieren“

Der Präsident des Forums, Moshe Kantor, hebt hervor, dass „Erinnern und niemals vergessen” für die gesamte Menschheit gelten solle: „Jüdisches Leben wird in Europa wieder einmal angegriffen. Es wird durch alltägliche Beleidigungen und Angriffe auf der Straße, in Schulen, Universitäten, im Internet und sogar in den eigenen Wohnungen bedroht.” Dies sei ein Schlüsselmoment, an dem die Oberhäupter der Nationen „aufstehen und agieren müssen. Worte sind nicht genug.”

Mike Delberg, Vertreter der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, sieht das ähnlich: „75 Jahre nach Auschwitz scheint der Holocaust mancherorts fast vergessen zu sein. Das Bewusstsein über die Lehren der Vergangenheit schwindet. Deshalb halte ich das Forum für ein wichtiges Zeichen. Dennoch darf es nicht nur bei einem Zeichen bleiben. Politiker finden bei derartigen Anlässen zwar oftmals die richtigen Worte, doch es ist die Mitte der Gesellschaft, die hinter diesen Worten stehen muss. Das ist im Moment nicht immer der Fall.“

Auch in Deutschland hat die Zahl der antisemitischen Übergriffe in den vergangenen Jahren zugenommen, müssen jüdische Einrichtungen von der Polizei geschützt werden. Einige Bundesländer und auch die Bundesregierung haben deshalb Antisemitismus-Beauftragte ins Amt gerufen.

Israels Präsident Rivlin erinnert angesichts all dessen auch daran, dass es immer weniger Zeitzeugen gibt, die die Erinnerungsarbeit unterstützen könnten: „Wir kommen zusammen, um über Möglichkeiten zu diskutieren, wie wir gegen Antisemitismus vorgehen und das Gedenken an die nachfolgenden Generationen weitergeben können, die in einer Welt ohne Shoa-Überlebende aufwachsen. Wir müssen dringend Schritte unternehmen, um die Sicherheit aller Juden in der ganzen Welt zu gewährleisten.” Auch Forumsorganisator Simmy Allen kennt die Tragweite: „Wir wissen, welchen direkten Effekt das Wissen beziehungsweise Nicht-Wissen über den Holocaust auf das Ausmaß von Antisemitismus hat. Deshalb ist es jetzt besonders wichtig, die Probleme zu identifizieren und die breite Öffentlichkeit zu erreichen. Viele Menschen sind sich der verheerenden Folgen nicht mehr bewusst, die uns die Geschichte gelehrt hat.“